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Stadtzeitung für Frankfurt


Gastkommentare

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Gedanken, Geschichten, Kommentare von Elvira M. Gordon-Pusch

 

Führe uns nicht in Versuchung!

 

 


Während sich nun alle Knut-Fans die Haare raufen ob der möglicherweise drohenden Kastration des herzigen und knuffigen lebenden Berliner Wahrzeichens (offensichtlich ist bei der Ahnenforschung herausgefunden worden, dass seine geliebte Giovanna und er einen gemeinsamen Großvater haben, was eine Erhaltungszucht ad absurdum führen dürfte), hat Mutter Kirche ganz andere Sorgen.

Ihr rennen nämlich die Gläubigen weg was kein Wunder ist, denkt man an den eher zurückhaltenden Aufklärungswillen der jahrelang unter Verschluss gehaltenen Missbrauchsfälle.

Wo eigentlich rasches Handeln und ein offener Umgang gefordert ist, wird erst Betroffenheit gezeigt, später dann Empörung. Anschließend werden Konferenzen abgehalten, und dann?

Während Naomi Campbells neuester Wutausbruch die Welt bewegt, werden Leitlinien „überprüft” und „mögliche” Änderungen (hoffentlich schnell) besprochen. Für die betroffenen Opfer der Missbrauchsfälle, die sich nach jahrelangem Schweigen endlich getraut haben, ihre seelische Qual öffentlich zu machen, wird das nicht unbedingt hilfreich sein. Genauso wenig wie eine salbungsvoll vorgebrachte Entschuldigung.

Andererseits kann seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. nicht einfach tobend seinen Unmut kundtun. Er muss, der Würde seines Amtes entsprechend, seine Bestürzung in wohlfeile Worte verpacken. „Raus aus dem Tempel, ihr verdammten Nestbeschmutzer und ab in die Engelsburg mit euch!”, würde wohl vielen besser gefallen.

Während Loddar wieder medienwirksam mit seiner Liliana herumhängt, beschäftigt sich der Gläubige mit der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche. Denn einerseits werden des Missbrauchs Verdächtigte oder Überführte - beschützt vom weitreichenden Mantel der Heiligen Mutter Kirche - von Kloster zu Pfarre zu Diözese weitergereicht, und - welch Irrsinn - wieder auf Schutzbefohlene losgelassen. Andererseits wird Geistlichen verboten ihr Amt auszuüben, weil sie sich erdreisten, eine Frau zu lieben, eine Ehe zu schließen, Kinder zu zeugen.

Während ein Herr Sarrazin sich für die Gesundheit von Hartz IV-lern stark macht und ihnen das Kaltduschen empfiehlt, bleibt uns unerklärlich, dass das Milliardenunternehmen Katholische Kirche in all den Jahren nicht den Mut aufbrachte, sich derartigen Skandalen zu stellen und die Pädophilen-Problematik sogar heute noch nur hinter fest verschlossener Tür diskutiert.

Jedenfalls ist es an der Zeit, dass die Kirche das, was sie den Gläubigen predigt, für sich selbst entdeckt:
Besinnung und Einkehr,
den Blick auf das Wesentliche und ehrliche Ordnung in den eigenen Reihen. 

Es sind Einzelne, die die Kirche immer wieder in Verruf bringen und die gilt es, herauszufiltern. Man darf - Gott bewahre - nicht alle Geistlichen, die sich rührend der Kinder- und Jugendseelsorge widmen, in einen Topf mit den Fehlgeleiteten stecken.

Erlöse uns von diesem Übel! Amen.

 

 

 

 

 

Der Mensch ist ein Kunstwerk

 

 


… und manch einer ein geistiges Nackerbatzl!
Wie konnte es sonst geschehen, dass in der Wiener Secession ein Swingerclub als Kunstausstellung Einzug hielt?

Nun gut, man könnte zugunsten der „Künstler” einwenden, dass um 1897, als  unter Klimt, Moser, Olbrich und anderen der Jugendstil seine Hochzeit feierte, sich jedermann damals der Leidenschaft - in jeder Hinsicht - hingab. Das ist aber auch schon alles, was einem dazu einfallen könnte.

Während man also tagsüber durch die ehrwürdigen Kunsthallen wandelt, darf Mann sich abends für 36 Euro, Frau für die Hälfte, wolllüstig in kuscheligen Separées den Elementen der Nacht hingeben und verborgene Gelüste ausleben.

Das entsprechende SM-Spielzeug - für Interessierte ab 18 Jahren - ist ausreichend vorhanden und Gynäkologenstühle und Fesselgestelle laden zum „Ausprobieren” ein.

Initiiert wurde diese absolute Traurigkeit von dem Schweizer Künstler Christoph Büchel und der Wiener Secession.

Dass dafür sogar österreichische Sponsorengelder von 90.000 Euro flossen, bedarf keiner weiteren Kommentierung mehr.

Es ist klar, dass es sich um die Provokation eines Künstlers handeln soll. Meiner bescheidenen Meinung nach hat jedoch ein Swingerclub mit Auslebecharakter in einer derartigen Kunsteinrichtung nichts zu suchen.

Einige schwarze Politiker fühlen sich getäuscht, weil im Antrag der Vereinigung bildender KünstlerInnen Wiener Secession von einer „Ausstellung und Rahmenprogramm in Form von musikalischen Darbietungen mit Publikumstanz” die Rede war, nicht von einem Allerwelten-Gruppensex-Happening, wie es jetzt der Fall ist.
Die Freiheitlichen stellten einen Fragenkatalog an den roten Kulturstadtrat zusammen, dessen Partei darauf herumreitet, dass die Freiheitlichen „gegen die Kunst” eingestellt sind. Die Grünen wiederum lehnen sich gemütlich zurück, freuen sich über den matten Schlagabtausch der anderen Parteien und meinen lapidar, die Diskussionen darüber seien lächerlich.

Einen Swingerclub als Kunstwerk zu verkaufen, hat schon was. Das kann auch nur in Wien passieren.

Das vielgerühmte und moserisch-grantelnde Wiener Blut ist nicht mehr süß, es ist dickflüssig-dekadent geworden. Es riecht nach Fäulnis in einer Zeit, in der die Menschen durch meterhohe Sorgen waten.

Unter Umständen ist es gerade das, was die Menschen zu Sauferei und Hurerei veranlasst.

Möglicherweise hat Christoph Büchel den Swingerclub als eine Ausdrucksform zur Ohnmacht Leben erkannt - vielleicht wird diese Art der zeitgenössischen Kunst unter diesem Gesichtspunkt verständlich.

Was wird wohl als nächstes in der Secession zu sehen sein?

Morbide, wie das derzeit swingende Wien zu allen Zeiten war und ist, würde jetzt wohl eine Anleitung zum perfekten Selbstmord in 666 „lebenden” Bildern das Passende sein.

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Katzenliebe

 

 


Vor einigen Tagen telefonierte ich mit meiner heulenden Tochter. Vor meinem geistigen Auge spielten sich Horrorszenarien ab, die meine beiden Lieblingsenkel zum Thema hatten wie Finger im Ausguß, weggelaufen, aus dem ebenerdigen Fenster gesprungen, nackt herumgelaufen, Kekse in den Schlitz des DVD-Players gesteckt, Platzwunde, Bücherregale ausgeräumt, Nase gebohrt, Zähne ausgeschlagen, Katzenfutter versteckt, Cut in der Augenbraue, fiebrige Erkältung, Essen ausgespuckt, Tobsuchtsanfall, weil das Lieblingsshirt in der Schmutzwäsche liegt, Schokolade geklaut, Finger auf heißer Herdplatte, Beine mit Kuli angemalt, Getränk umgestoßen, böse Schimpfworte gelernt, Schlüsselbeinbruch, Handschuhe verloren, Prügelei im Kindergarten, Schreikonzert, weil ein Puzzleteil fehlt, ganze Packung Gummibärchen verdrückt und Bauchweh und mehr.

Glücklicherweise war dem nicht so. Meine Tochter heulte, weil ein Kater, der sich früher mit schöner Regelmäßigkeit bei ihr durchfutterte, nach einigen Monaten Abwesenheit wieder bei ihr aufgetaucht war.

Ich könne mir nicht vorstellen, sagte sie unter Tränen, wie Clarence ausgesehen hätte. Ausgemergelt, mit struppigem Fell hätte er leise vor dem Fenster miaut. In der Wohnung wäre er dann ängstlich herumgelaufen. Sie hatte ihm schnell einen Fressnapf gefüllt, auf den er sich sofort stürzte, und ein Schüsselchen mit Wasser hingestellt.  Hektisch hat sich Clarence immer wieder umgesehen, ob nicht vielleicht von irgendwoher Gefahr drohte und sich dann unter die Essbank verkrochen.

Es hat einige Zeit gebraucht, bis er wieder ein klein wenig zutraulich wurde.

Meine Tochter fragte sich natürlich, was dem Kerl während der Zeit seiner Abwesenheit zugestoßen war.  Er sei Epileptiker - sie war damals mit ihm beim Tierarzt -, der viel Zuwendung braucht, meinte sie. Vielleicht wurde er wegen seiner Krankheit ausgesetzt wie so viele Tiere, die nicht mehr putzig-jung sind und irgendwann Arbeit machen? Nachdem sie sich einige Zeit mit ihm beschäftigt hatte, verließ Clarence sie wieder, erzählte sie traurig.

Ich kann meine Tochter verstehen. Von klein auf an einen respektvollen Umgang mit Katzen gewöhnt, pflegt und hegt sie alle Samtpfoten, die bei ihr auftauchen.

Sie selbst hat zwei Stubentiger. Goliath ist ihr vor fünf Jahren zugelaufen, und Katie, bereits damals eine alte Dame, übernahm sie nach einem Todesfall. Da sie nie sterilisiert wurde, bekommt die gute noch ab und an Frühlingsgefühle. Die verarbeitet sie dergestalt, dass sie nachts an der Schlafzimmertür kratzt, auf das erbärmlichste maunzt und dann bespielt werden will. Um drei oder vier Uhr früh hätte ich nicht den Nerv dazu, im Gegensatz zu meinem Kind. Katie bringt Stoffmäuschen, Tochter wirft. Nach rund einer halben Stunde ist die alte Dame endlich müde und Tochterherz darf wieder ins Bett.

Goliath ist ein Freigänger, der sich manchmal bei meiner Tochter mit kannibalischen Geschenken bedankt, was nicht gerade appetitlich ist. Das gehört nun mal dazu, meint meine Tochter nur.

Eines Tages tauchte bei ihr ein kleiner schwarzer Kater auf, der sich sehr schnell heimisch fühlte. Und blieb. Sein Bezugspunkt war mein Enkel - die beiden wurden ein Herz und eine Seele. Leider war der Kater unheilbar krank, so dass er eingeschläfert werden musste. Dieses Erlebnis war so dramatisch, dass mein Enkel sogar noch heute von seinem kranken Flumi spricht. Er vermisst ihn, trotz der anderen vierbeinigen Besucher.

Meine Tochter ist sehr traurig über Clarences Zustand. Sie hofft, dass er Menschen findet die ihm helfen, wenn er vor ihrer Türe sitzt und nicht weiter weiß.

Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

 

Kehrseite einer Faschingsmedaille

 

 


Die 21-jährige Maxi befindet sich in einer Ausbildung zur Sozialpädagogin. Sie wohnt bei ihrer alleinstehenden Mutter, die sich jedoch das Vergnügen einer lockeren Beziehung zu einem verheirateten Mann leistet. Da die junge Frau sich der Mutter, die sie mit allen möglichen Geschenken und Klamotten immer wieder gängelte, unterordnete, kam Maxi auch einigermaßen gut mit ihr aus.  Doch seit einiger Zeit hat Maxi einen Freund. Der ist zwölf Jahre älter und der Mutter ein Dorn im Auge.

Dass sich Maxi nun täglich anhören muss, nur die Mutter wüsste, was gut für sie ist, was sie unter Entbehrungen alles für sie geleistet hat, und dass der Freund viel zu alt ist, sich zwischen Mutter und Tochter drängt und vieles mehr, ist grausam. Die Tiraden gehen so weit, dass sie der Tochter vorjammert, ohne sie allein zu sein und nicht zu wissen, was sie ohne die Tochter anfangen sollte. Zudem verlangt die Frau, über alles informiert zu werden. Wenn Maxi sich nicht drei Mal am Tag telefonisch bei der Mutter meldet, ist im wahrsten Sinne der Teufel los. Um die Tragik perfekt zu machen, bestimmt die Mutter auch über das Kindergeld und speist Maxi mit fünf Euro ab, wenn diese mal ausgehen möchte.

Die junge Frau weiß insgeheim, dass sie sich zur Wehr setzen und von der Mutter lösen müsste, doch sie ist dazu nicht in der Lage. Sie getraut sich nicht, Stopp zu sagen.

Maxi ist hin- und hergerissen. Einerseits will sie die Mutter nicht „alleine” lassen und schon gar nicht verletzen, andererseits ihren Freund nicht verlieren.

Die mütterlichen Vergiftungen tun weh. So sehr, dass Maxi nicht mehr schlafen kann. Ihre vormals guten Noten sind - salopp gesagt - im Keller. Ratschläge Dritter saugt sie auf, ist jedoch nicht in der Lage, sie auch in Taten umzusetzen.

Mittlerweile wiegt Maxi bei einer Körpergröße von 1,78 cm gerade mal 45 kg. Als sie unlängst bei einer Freundin auftauchte, war diese entsetzt über Maxis Zustand. Weil ihr schwindelig war und sie kaum noch stehen oder gehen konnte, packte die Freundin Maxi kurzerhand ins Auto und fuhr mit ihr zum Arzt.

Nach einem längeren Frage- und Antwortspiel nebst Untersuchung konstatierte dieser bei der jungen Frau ein Burn-out-Syndrom und verwies sie sofort an einen Therapeuten.

Maxis Mutter kann diese Diagnose überhaupt nicht verstehen. Als die Freundin bei ihr anrief weigerte sie sich, den bedrohlichen Zustand ihrer Tochter zur Kenntnis zu nehmen. Es wäre doch alles in Ordnung.

„Siehst du nicht, dass es Maxi nicht gut geht? Sie hat zehn Kilo abgenommen, ihre Noten werden immer schlechter. Die Belastungen sind viel zu groß, weil du ihr dauernd vorjammerst, was du alles für das Kind getan hast. Du verlangst zu viel von ihr. Lass Maxi doch endlich ihr eigenes Leben leben. Mit 21 ist sie alt genug dafür. Willst du, dass sie zusammenbricht? Sie muss unbedingt zu einem Therapeuten.”

„Was soll das? Wovon soll Maxi denn ein Burn-out-Syndrom haben? Es geht ihr doch gut. Sie hat schon 500 Gramm zugenommen. Und heute Abend ist wieder eine Faschingssitzung, da tanzt sie in der Garde mit …”

„Verstehst du nicht, dass Maxi krank ist? Sie braucht dringend Hilfe und Unterstützung!”

„Ja aber nicht jetzt. Erst wenn der Fasching vorbei ist.”

Zur Erklärung: Maxis Mutter ist, was den Fasching betrifft, regelrecht besessen. Maxi tanzt seit ihrer Kindheit in einem Faschingsverein. Was ihr früher noch Spaß gemacht hat, ist heute ein eher ungeliebtes Pflichtprogramm, das sie für ihre Mutter absolviert. Im letzten Jahr wurde sie von der Mutter sogar zu den Auftritten gezwungen, obwohl sie keine rechte Lust dazu hatte.

Die Mutter sonnt sich im Glanz ihrer Tochter, die mit ihren Tanzdarbietungen zum Gelingen der diversen Feiern beiträgt.

Selbst ihre drei und fünf Jahre alten Enkel will diese Frau zu den Faschingssitzungen schleifen. Glücklicherweise hält deren Mutter nichts von dieser Art der Überforderung und weist die Obsessive in die Schranken.

Ich denke, nicht nur Maxi braucht dringend eine Therapie.

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Ein Freund, ein guter Freund …

 

 


Zwei Freunde unterhalten sich darüber, dass der Fernseher des einen nicht richtig funktioniert. Sie rätseln hin und her, probieren hier, schalten da und schließlich kommen sie auf die Idee, dass möglicherweise etwas mit der Satellitenschüssel nicht richtig funktioniert. Sie sprechen darüber, aufs Dach zu steigen und dort mal nach dem Rechten zu sehen.

Plötzlich, unvermutet und völlig aus heiterem Himmel findet Michael seinen Freund Peter schwer verletzt vor seinem Haus am Boden liegend vor. Entsetzt informiert er die Rettung.

Peter liegt einige Zeit im Koma, ist jetzt halbseitig gelähmt, sitzt im Rollstuhl und braucht für jeden Handgriff seine Lebensgefährtin; selbst wenn er die Toilette aufsuchen will, ist er auf Hilfe angewiesen.

Michael geht es gut. Er hat sich dergestalt aus der Verantwortung gezogen, dass er angibt nicht zu wissen, was Peter auf seinem Dach gesucht haben könnte. Vielleicht nach der Sat-Anlage zu sehen? Das kann er sich nicht vorstellen. Wieso denn auch? Ist doch alles in Ordnung.

Peter hat sich also still und heimlich die Leiter seines Freundes Michael genommen, ist - natürlich ohne Michael zu verständigen - auf dessen Dach gestiegen und hat, wiederum ohne Michaels Wissen, versucht, dessen Sat-Anlage zu reparieren. Dass Peter dabei vom Dach gerutscht ist, kann Michael nicht angelastet werden. Denn Michael weiß von nichts.

Michaels Gewissen ist rein wie mit Persil gewaschen. Weder er noch sonst irgendein Nachbar hat etwas gesehen oder gehört. Es ist allein Peters Schuld, so eine Arbeit - in seiner Freizeit - in aller Heimlichkeit ausgeführt zu haben. Jetzt Michael zu beschuldigen, wäre eine bodenlose Frechheit!

Wie bitte? Diese Geschichte hat doch mehr als einen Haken. Ich kümmere mich doch nicht heimlich um eine Anlage auf dem Dach meines Freundes, ohne mit ihm darüber zu reden. Außerdem würde ich doch auch sofort wissen wollen, ob das Fernsehbild nun in Ordnung ist oder nicht. Mir kann doch keiner erzählen, dass eine dörfliche Gemeinschaft nichts davon weiß, wenn einer der Nachbarn auf das Dach eines anderen steigt. Gerade in einem Dorf, wo alles genauestens beobachtet, „breit getreten” und betratscht wird.

Peter kann froh sein, dass sein „Freund” wenigstens noch die Rettung informierte. Das war wohl der letzte so genannte Freundschaftsdienst, den er Peter erwiesen hat. Denn nach Peters „selbst verschuldetem” Unfall ist es aus zwischen den beiden.

Dank Peters Amnesie spielt Michael Pilatus - er wäscht seine Hände in Unschuld. Er braucht sich um nichts zu kümmern. Was er auch ausgiebig tut.

Und die Nachbarn? Die wollen es sich mit dem guten Michael nicht verscherzen. Sollte einer vielleicht doch rein zufällig etwas gesehen haben, müsste Michael möglicherweise für seinen früheren Freund Zahlungen leisten. Das will dem armen Michael niemand zumuten. Noch dazu, wo man in dem kleinen Dorf in enger Nachbarschaft miteinander auskommen muss.

Während also Michael aus dem Schneider ist, sitzt Peter im Rollstuhl. Na und, während der Freizeit passieren die schlimmsten Unfälle. Das kann doch jedem passieren. Geht ganz schnell.

Ich hoffe, Michael fühlt sich wohl in seiner Haut. Und ich hoffe für Peter, dass er trotz des erlittenen Leides und der bitteren Enttäuschung Freude in seinem Leben findet.

Den sicheren Freund erkennt man in unsicherer Sache.
Quintus Ennius
(129 - 169 v. Chr)

Eine vollkommene Freundschaft gibt es nur zwischen guten und an Rechtschaffenheit gleichstehenden Menschen.
Aristoteles
(384 - 322 v. Chr)
 

Ein gewesener Freund ist schlimmer als ein Feind.
Sprichwort

 

 

 

 

 

Du hast die Glatze schön …

 

 


Es gibt eine Sache, die mich immer wieder irritiert, weil sie ziemlich augenfällig ist. Eigentlich ein Unding und es ist nicht in die Köpfe der Männer zu bekommen, es doch bitte zu unterlassen.

Es hat nichts damit zu tun, dass die Klobrille samt Deckel nicht wieder in die Waagerechte gebracht wird oder die Zahnpastatube offen herumliegt oder Essensreste mit den Fingernägeln zwischen den Zähnen hervor geklaubt werden oder - noch trivialer - die Kleidung ausgezogen und fallen gelassen wird.

Nein, ich schreibe heute von den Männern, die sich selbst betrügen und ihre zwölf restlichen schulterlangen Haupthaare nach sorgfältigem Waschen und vorsichtigem Föhnen quer um den Kopf ringeln. (Bürsten dürfen sie die zwölf Prachtexemplare ja nicht mehr, sonst würden die möglicherweise auch noch die Fliege machen.)

Ich möchte nicht wissen, wie viel Zeit einige Männer vor dem Spiegel stehen, um ihr letztes Löckchen in Form zu bringen.

Ich meine, was soll das? Wenn doch offensichtlich ist, dass da nichts mehr sprießt, warum nicht auch die restlichen Kümmerlinge abrasieren? Es geht doch nicht um die Männlichkeit, sondern nur um ein paar Federn, die der Wind, sind sie nicht richtig festgeklatscht am sonst haarlosen Kopf, mir nichts dir nichts wegblasen würde. (So etwas habe ich auch schon gesehen und ich musste mich sehr zurückhalten, nicht schallend aufzulachen. Und ich war nicht die einzige, die ein Kichern unterdrücken musste.)

Man sieht auch an der starren Haltung, dass einige Männer  mit jedem Hauch von Lüftchen hadern und insgeheim hoffen, ihre Frisur möge sich nicht auflösen.

Yul Brynner hat in seiner ersten Zeit mit seinem spärlichen Haarschopf schon ein bisschen komisch ausgesehen. Die glücklicherweise folgende Glatze wurde zu seinem Markenzeichen.

Bruce Willis hat sich sein immer dünner werdendes Haar kurzerhand abrasiert. Schaut er deshalb unmännlich aus? Im Gegenteil, behaupte nicht nur ich.

Dazu kommt, dass sich einige Männer mit einem Toupet behelfen, das - ist es nicht ordentlich und in der gleichen Farbe gefertigt wie das eigene Haar - oftmals in Schieflage gerät. Und der Träger merkt es nicht mal. Manchmal stehen auch hier einige (unechte) Haare ab von denen man gleich merkt, dass sie nicht zum eigenen Kopfhaar gehören.

Als Sean Connery, den ich heiß und innig liebe, mit so einem Prachtexemplar auftauchte, konnte ich mir keine seiner Filme mehr ansehen. Glücklicherweise hat ihn jemand von dem seltsamen Wahn geheilt zu glauben, mit dem Zweitpelz besser auszusehen.

Ich habe gelesen, dass es gelungen ist, bei Mäusen Hautzellen in Haarfollikel umzuwandeln. Das heißt, dass auch bei einer bereits vorhandenen Glatze wieder Haare sprießen könnten. Das große Aber: Wann welches Präparat entwickelt, patentiert und vertrieben wird, steht in den Sternen.

Lieber selbstbewusst eine Glatze rasiert, als fünf Haare rechts, sieben links mit Gel betoniert.

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Mein kleines Vogelrestaurant

 

 


Herrlichstes Winterwetter. Wunderbare Luft. Schnee, der alle Geräusche dämpft. Tief eingemummt genieße ich diese Stimmung, stärke mich für die nächste Woche.

Zaghaftes Zwitschern macht mich darauf aufmerksam, dass da ein paar kleine Kerle verzweifelt auf Futtersuche sind. Natürlich, ihr braucht ein bisschen Unterstützung.

Aus einem riesigen Plastiktopf, in dem ich bereits Sonnenblumenkerne und Weichfutter gemischt habe, streue ich etwas davon in  windgeschützte und schneefreie Ecken. Ich überlege, was ich den Piepmätzen noch Gutes tun könnte.

Schmalz habe ich und zwei kleinere Blumentöpfe. Das Schmalz stelle ich in einen Reindl (Kasserolle od. Topf) auf die Heizung, dass es rührfähig wird, dann schütte ich von der Futtermischung dazu. Habe noch ein offenes Päckchen Rosinen - ungeschwefelte natürlich - und ein halbes Päckchen Haselnüsse, die ich schnell kleinhacke. Auch diese Zutaten mische ich darunter und fülle damit die Blumentöpfe, die ich dann gut in Bäumen platziere. Hängend natürlich.

Gut versteckt schaue ich mir die Augen wund und warte auf das große „Ah jetzt ja” der Federbällchen. Kein einziges stürzt sich auf mein super-exzellentes Futterangebot. Nun ja, einen Versuch war‘s wert.

Etwas frustriert streiche ich den Rest der Vogelfutter-Pampe auf eine Birke und eine Konifere, und wende mich wieder meinen Büchern zu.

Nach einer Weile höre ich lautes Gezänk. Fünf Amseln streiten miteinander; die Weibchen stürzen mit gestrecktem Kopf und angriffslustigem Gehabe auf die Männchen zu und verjagen sie vom Futter. Es ist nicht zu glauben: obwohl genug und an verschiedenen Ecken ausgestreut ist, macht der Futterneid die Weibchen total kirre. Doch damit nicht genug - sie verjagen sich auch gegenseitig vom Futter und schaufeln so schnell wie möglich in sich hinein. Überall haben sie ihre Augen und sobald sich eine Konkurrentin zeigt, ist es aus mit der Gemütlichkeit. Wie im richtigen Leben.

Die Spatzen - ja, es gibt tatsächlich noch Spatzen - interessiert das nicht und auch die Finken fressen lieber, als zu streiten. Sie picken was das Zeug hält.

Ein Kleiber wiederum rennt die Birke rauf und runter, hackt an der fettigen Pampe herum und auch die Meisen haben endlich diese besonderen Futterstellen für sich entdeckt. Leider habe ich keinen Fotoapparat dabei, um das Getue und Geflatter aufzunehmen.

Nach einer Weile taucht eine Elster auf, kurz darauf eine zweite. Sie begrüßen sich nickend, beäugen die Futterplätze und segeln schließlich zu einer der Futterstellen. Langsam stelzen sie durchs Futter und picken sich die besten Stücke heraus.

Als die beiden weg sind, staune ich nicht schlecht: Ein Schwarzspecht krallt sich an der Konifere fest und hackt aus dem Blumentopf Futter heraus. Neugierige Meisen, die ihn umflattern, lassen ihn kalt.

Ich sitze ganz still, schaue und grinse in mich hinein. Freue mich über meinen Geistesblitz. Und traue meinen Augen kaum, als plötzlich ein Eichelhäher angeflogen kommt. Der ist aber ein bisschen faul; er hält nicht viel vom Hacken sondern fliegt zum Vogelhäuschen, legt den Kopf schief und schaufelt mit seinem Schnabel, was er nur kriegen kann. Ein Nimmersatt, der zwischendurch immer wieder aufmerksam horcht und schaut, ob nicht von irgendwoher Gefahr droht.

Es wird langsam dunkel, und mit einem Mal ist von den vielen Vögeln weder etwas zu sehen noch zu hören.

Bis demnächst, ihr Süßen!

 

 

 

 

 

Born to be Wild

 

 


In „… denn Sie wissen nicht, was sie tun” und „Giganten” war er erstmals auf der Leinwand zu sehen. Es folgten zahlreiche Filme wie „Die vier Söhne der Katie Elder” und das Kult-Roadmovie „Easy Rider”, in dem er an der Seite von Peter Fonda und Jack Nicholson spielte. Auch „Blue Velvet”, in dem er den abgrundtief bösen Psychopathen Frank Booth darstellte oder „Colors - Farben der Gewalt“ und „Speed” werden vielen Menschen in Erinnerung bleiben.

Am 17.5.1936 in Kansas geboren, war der ewige Rebell nicht unbedingt beliebt bei den Regisseuren. „Born to be wild” war für den Unbeugsamen nicht nur der Titelsong aus Easy Rider, er lebte ihn aus - auf seine Weise. Alkohol- und Drogenkonsum hatte er derart exzessiv betrieben, dass er schließlich in die Psychiatrie eingewiesen werden musste. Was ihn rettete.

Heute ist dieser wunderbare Charakterschauspieler, der zudem ein anerkannter Fotograf und Maler ist, schwer krank.

Im Oktober wurde bekannt, dass er schon seit Jahren mit der Diagnose Prostatakrebs lebt und seit einiger Zeit mit dem grausamen Wissen, dass nun auch seine Knochen vom Krebs befallen seien, dass es keine Heilungschancen mehr gäbe.

Was fallen einem für Gedanken ein, wenn man solche Zeilen liest?

Etwa „Na ja, das ganze Geld hilft ihm jetzt nichts”. Vielleicht  „Krankheiten machen auch vor Berühmtheiten nicht Halt”. Oder denkt man eher: „Jeder Mensch stirbt irgendwann einmal. Es ist nur traurig, dass manch einer so elendiglich leiden muss”.

Ich glaube, es ist nicht so sehr der Tod, der den Menschen Angst macht, sondern ein langsames, womöglich schmerzhaftes Sterben.

Die Zeit, während dieser uns Gedanken quälen über das, was wir noch alles hätten erleben können, was wir nun nicht mehr erfahren werden, was unerledigt bleiben wird, wie viel Zeit wir mit unwichtigen Nebensächlichkeiten vergeudeten, dass wir uns nahe stehende Menschen verletzt und nie Abbitte getan haben und mehr.  Wir hadern mit Gott, versuchen gar, ihn zu einem Deal zu überreden, fühlen einen ohnmächtigen Zorn ob der Krankheit oder der Schmerzen, die wir erleiden müssen und die Angst vor der Ungewissheit über das „Danach” verhindert einen friedlichen Übergang.  Werden wir während dieser Zeitspanne zwischen Sterben und Tod einfühlsam begleitet, können wir das Kapitel, das wir Leben nennen, frei und in Ruhe schließen.

Es heißt, Dennis Hopper hätte sich bereits von seinen Freunden verabschiedet. Er sei nun bereit zu sterben.

So long, Easy Rider. Danke für die schönen und spannenden Minuten, die wir mit dir erleben durften!

Wer weiß denn, ob das Leben nicht ein Sterben ist und Sterben Leben?
Euripides

 

 

 

 

 

Reiselust - Reisefrust

 

 


Mal angenommen, ich will urlauben. Momentan sind meine Favoriten Schweden und Finnland, vielleicht England, wo nach Aussagen eines Seelengängers meine Wurzeln liegen sollen. Aber das ist ein anderes Kapitel.
Ich packe meinen Koffer, fahre zum Flughafen und stelle mich notgedrungen in die Warteschlange rund um den neuen Wunder-Nacktscanner.

Ich meine, es grenzt ja wirklich an ein Wunder, was sich die Technik hier einfallen ließ. Weder bekommt das engagierte Personal meine Besenreiser oder die gut kaschierten Problemzonen zu Gesicht, noch sieht es meine Cellulitis oder beginnenden Muskelschwund.

Dabei frage ich mich natürlich, welchen Strahlungen ich mich beim Durchleuchten aussetze. Nach dem derzeitigen Wissensstand (!) soll es keine gesundheitlichen Probleme geben. Wer sagt mir aber, welche seltsamen Krankheitsbilder in fünf oder zehn Jahren auftreten könnten? Doch lassen wir mal solche Lappalien außer Acht.

Es genügt, mich vor so ein Ding zu stellen um zu erkennen, ob ich - möglicherweise in böser Absicht - eine Papier- Nagelfeile an meinen Oberschenkel geklebt habe, mit der ich eine mürrische Stewardess piksen könnte.

Auf den neuen, verbesserten Scannern sind stilisierte Männlein und Weiblein abgebildet - wie auf jedem Toilettenhäuschen -; das Wort „Nacktscanner” ist meines Erachtens nicht mehr zutreffend. Man sieht nur mehr, was der betreffende Mensch am Körper trägt. Oder das falsche Gebiss. Oder den Nagel im Oberschenkel. Oder die Titanplatte im Kopf. Oder den neuen Herzschrittmacher. Oder die exotische Schlange um den Bauch. Vielleicht aber doch auch die Silikoneinspritzung im Po? Wie peinlich!

Immerhin sollten diese Scanner so angebracht werden, dass nicht die gesamte Warteschlange sich über das mehr oder weniger interessante Innenleben der diversen Fluggäste scheckig lachen oder spitze Bemerkungen austauschen kann. Dem Personal, das die an verschiedenen Stellen des Körpers vorhandenen Makel zu Gesicht bekommt, ist das eh völlig wurscht, weil es Tausende von Fluggästen zu „untersuchen” hat und die dazugehörigen Gesichter sowieso schnell wieder vergisst. Na hoffentlich!

Nur, wie steht es mit beispielsweise verschlucktem oder in anderen Körperöffnungen verstecktem Gefahrengut? Ich will gar nicht daran denken, was einem Fluggast blühen könnte, der nicht ins Otto-Normalverbraucher-Raster der Fahnder passt.

Werden die Scanner weiter entwickelt und damit auch diese Probleme abgedeckt, fände ich deren Einsatz gut.

Desgleichen wäre ich für Scanner, die vor Schiffs- und Bahnreisen durchschritten werden müssen, vor Autofahrten, die ins oder aus dem Ausland führen, vor Busreisen und Straßenbahnfahrten. Nicht zu vergessen vor Seilbahnfahrten, Sport-, Konzert- und sonstigen Veranstaltungen, vor Tagungen und Messen und deren Einsatz vor Hochhäusern, Ämtern und Banken.

In Ergänzung dazu würde ich jeweils auch für einen zusätzlichen Duftscanner plädieren; bei Nichtakzeptierens durch das Gerät müsste eine Ganzkörperwaschung durchgeführt werden. So wären wieder einige Lehr- und Arbeitsplätze geschaffen, der Absatz von Seifen- und Duschprodukten würde sich noch positiver gestalten und insgesamt könnten wir uns - endlich - sicher fühlen.

Endlich!

Bedeutet das nicht, dass etwas auch irgendwann einmal endet?

 

 

 

 

 

Meine Wünsche an das Neue Jahr

 

 


Ich wünsche uns Menschen, die zuhören und Anteil nehmen.
Menschen mit eigenen Ideen, die keine Angst haben vor Neuem und Unbekannten.
Menschen, die sich weiterentwickeln.
Menschen mit gesundem Egoismus, ohne Einsatz von Ellenbogen oder gar Fäusten.

Ich wünsche uns Eltern, die ihre Kinder wieder lieben und verstehen lernen.
Ich wünsche uns Lehrer, die unsere Kinder sanft führen und begleiten.
Lehrer, die über ihren Unterrichtsplan hinausschauen und nicht an starren Doktrinen festhalten.
Lehrer, die ihre ehrlichen Meinungen nicht an der Haustür abgeben.

Ich wünsche uns Politiker, die Entscheidungen im Sinne des Staates treffen. Die vor Augen haben, dass der Staat kein abstraktes Gebilde ist, sondern - äußerst real - eine Ansammlung von über 80 Millionen Menschen.
Charakterstarke Politiker, die wissen, dass sie mit ihrem Amt eine Verpflichtung zu Entscheidungen für und nicht gegen uns, das Volk, zu treffen haben.
Politiker, für die es Ehrensache ist, alle ihre Entscheidungen gewissenhaft  zu prüfen.
Politiker, die dem eitlen Wahn abgeschworen haben wie auch gewissenlosen Einflüsterungen einzelner Industriezweige.
Ehrliche Politiker, die sich im Klaren darüber sind, dass sie mit ihrem Amt eine millionenfache Verantwortung übernommen haben.

Ich wünsche uns bezahlbare Produkte aus heimischen Landen.
Ich wünsche uns ein friedliches Miteinander der verschiedenen Glaubensrich
tungen, deren politische Abkehr und dass sie ihr Augenmerk wieder auf ihre eigentlichen Aufgaben, nämlich auf den Glauben und das Seelenheil der Menschen lenken mögen.
Ich wünsche uns einen bewussten und überzeugten Zeitgeist, der gestrige Abartigkeiten in die Schranken verweist.
Einen Zeitgeist, der sich nicht davor scheut, hohlem Stammtischgeplärre offen zu begegnen.

Einen Zeitgeist, der die Schwachen stützt.

Und ich wünsche uns allen, dass wir uns unserer im wahrsten Sinne einzigartigen Natur bewusst werden.

 

 

 

 

 

Purzel hat eine Idee

 

 


Durch Zwerglandia, dem kleinen Wichteldörfchen unter der uralten Buche blies ein eiskalter Wind. Die arme Buche ächzte und stöhnte und die Wichtel hatten Angst, dass Äste auf ihre Häuser fallen würden. Trotz ihrer Angst hatten es die Zwerge in den kleinen Häusern richtig gemütlich. Überall prasselte ein warmes Kaminfeuer und helles Kerzenlicht schien aus den Fenstern. Nur wenige wagten sich bei dem Sturm aus dem Haus.

Purzel hatte eine Zeitlang mit seiner Holzeisenbahn vor dem Kamin gespielt, bis es ihm zu langweilig wurde. Mit seinem Schwesterchen, die erst vor kurzer Zeit geboren worden war und in einer winzigen Wiege schlief, konnte er ja noch nicht spielen.

Er schaute auf das Zwergenbaby.

Gewundert hatte er sich schon, dass seine Mama immer runder und runder wurde. Als er ihr eines Tages sagte, dass sie bald platzen würde, wenn sie weiter so viel isst, lachten seine Eltern und setzten sich mit ihm zusammen.

‚Wir haben eine große Überraschung für dich‘, sagte der Zwergenvater.

Purzels Augen leuchteten. ‚Bekomme ich jetzt endlich einen Flötvogel?‘, fragte Purzel. ‚Können wir jetzt gleich den Käfig bauen?‘

Purzel überschlug sich fast mit seinen Fragen.

Die Zwergenmutter lachte und lehnte sich bequem zurück.

‚Bald wirst du ein Geschwisterchen bekommen‘, erklärte sie ihm. ‚Deshalb bin ich so dick und kann mich nicht so schnell wie sonst  bewegen.‘

‚Und ich hab‘ mich schon so auf einen Flötvogel gefreut‘, seufzte Purzel traurig.

Aber er war neugierig geworden. Nachdem er seine Mutter aufmerksam gemustert hatte, fragte er, was denn ihr dicker Bauch zu bedeuten hätte.

‚Da ist dein Geschwisterchen drin.‘

‚Da drin soll mein Bruder oder meine Schwester sein?‘

‚Fühl doch mal. Manchmal tritt es mit den kleinen Füßchen.‘

Und tatsächlich. Genau in dem Moment, als Purzel zaghaft über den Bauch seiner Mutter strich, stieß das unbekannte Wesen zu.

‚Ich hab‘s gemerkt‘, rief Purzel und führte einen Freudentanz auf.

Doch dann blieb er plötzlich stehen.

‚Und wie ist es in deinen Bauch reingekommen?‘

Die Zwergenmutter rappelte sich aus dem gemütlichen Stuhl auf.

‚Ich fange jetzt an, das Abendessen zu kochen. Vater, du kannst dem Purzel das alles erklären. Hast du noch die beiden Holzpuppen, die dir der Lehrer gegeben hat?‘

Der Vater nickte zustimmend. Er stapfte mit Purzel an der Hand in  die Werkstatt. Dort holte er aus einem Kästchen zwei kleine Holzpuppen und erzählte und zeigte Purzel, wie ein Wichtelleben zustande kommt.

Aber Purzel interessierte sich dann doch nicht mehr richtig dafür. Eigentlich war er noch ein bisschen traurig, dass er seinen Flötvogel nicht bekommen sollte.

Nun hatte Purzel also mächtig Langeweile. Er stellte sich ans Fenster und schaute, wie sich die Bäume im Wind bogen. Was wohl der Uhu in seinem Baumhaus treibt? Hoffentlich ist ihm nicht kalt, dachte er. Einige dick vermummte Zwerge huschten über den Marktplatz. Purzel winkte ihnen zu, aber keiner achtete auf ihn.

Plötzlich hatte Purzel eine Idee. Rasch zog er seine roten Stiefelchen und die dicke gelbe Jacke an, setzte seine blaue Mütze auf und rief seiner Mutter zu:

‚Ich muss schnell zum Bürgermeister.‘

‚Was will denn Purzel beim Bürgermeister?‘, fragte sich die Zwergenmutter. ‚Noch dazu bei diesem fürchterlichen Wetter.‘

Purzel war indessen zum Haus des Bürgermeisters gelaufen. Er klopfte und trat von einem Fuß auf den anderen vor lauter Kälte.

 ‚Ja Purzel, was machst du denn hier?‘ fragte der Bürgermeister erstaunt.

‚Ich habe eine großartige Idee‘, sprudelte Purzel heraus.

‚Na, dann komm rein ins Warme.‘

‚Herr Bürgermeister, wir müssen ein Lichterfest machen, dann ist alles schön hell erleuchtet und wir Wichtelkinder basteln und unsere Eltern backen und basteln und dann zünden wir Lichter an und hängen Girlanden auf und dann essen und trinken wir etwas und dann können wir auch noch etwas singen und Spaß haben und …‘

‚Halt, halt, Purzel. Da muss ich erst einmal genau überlegen, wie wir das machen könnten. Die Idee ist gar nicht so schlecht. Ein Lichterfest in Zwerglandia! Ich werde morgen mit der Dorfgemeinschaft darüber sprechen‘, meinte der Bürgermeister nachdenklich.

Und so geschah es. Der Post-Zwerg klopfte am nächsten Tag an jede Tür und lud die Familien für den Nachmittag in das Schulhaus ein.

‚Gestern kam Purzel mit einer Idee für ein Lichterfest zu mir‘, sagte der Bürgermeister, der eine lange Liste in der Hand hielt, zu der versammelten Zwergengemeinde.

Alle schauten sich fragend an.

‚Ich habe mir alles durch den Kopf gehen lassen und wir brauchen folgendes:

Herr Bäcker, du wirst Kuchen, Kekse und süße Brote backen; Herr Honig hilft dir dabei. Die Herren Tischler und Schreiner werden Tische bauen. Beaufsichtigen wird das der Herr Dachdecker.  Alle Zwergenfrauen basteln bunte Girlanden. Herr Wirt - du sorgst für Kinderpunsch und heiße Getränke für die erwachsenen Zwerge. Die Zwergenkinder werden in der Schule basteln. Das alles wird dann auf den Tischen aufgebaut. Wir werden essen und trinken und uns einen schönen Nachmittag und Abend machen. Die Sänger-Zwerginnen und Zwerge werden einige Lieder einstudieren und vielleicht gelingt es uns auch, unsere Nachbarn aus Zwergenhofen einzuladen.

Dazu wird uns Herr Schreiber ein paar schöne Einladungen verfassen, die unser Freund Uhu über Zwergenhofen abwirft. Herr Maroni wird Kastanien rösten und Herr Bauer kümmert sich um eine heiße Kartoffelsuppe. Herr Licht, du musst viele bunte Kerzen für das Lichterfest ziehen, damit alles hell erleuchtet wird. So, meine liebe Zwergengemeinde, geht schnell an die Arbeit. Denn in zwei Wochen wollen wir feiern.‘

‚Und was soll ich machen?‘, fragte der Wasser-Zwerg.

‚Du könntest dich mit Herrn Schneider zusammentun und Schutzplanen für die Tische nähen. Außerdem stellst du Eimer mit Wasser bereit, falls eine der Laternen umfallen sollte.‘

Gesagt getan. Am nächsten Tag begann in Zwerglandia ein Bohren und Hämmern, ein Sägen und Klopfen - alle waren eifrig bei der Sache. Die Zwergenkinder hörten nicht einmal die Pausenglocke, so sehr waren sie ins Basteln von Strohsternen und Glitzerkugeln vertieft. Nach der Schule flitzte Purzel von einem zum anderen um sich zu überzeugen, dass jeder richtig arbeitete.

Bald schon duftete es nach frischen Honigkuchen und Stollen, nach Zimt- und Apfelstangen und Rosinenplätzchen, dass einem das Wasser im Munde zusammenlief.

Der alte Uhu war nach  Zwergenhofen geflogen und hatte die Einladungen abgeworfen.

Endlich war der Tag des Lichterfestes gekommen.

Rasch wurden noch Bäume und Sträucher mit Laternen, roten Äpfeln, grünen Schleifen und zart klingenden Glöckchen geschmückt, die Tische wurden aufgestellt und darüber die schützenden Zeltplanen an Holzstangen befestigt. Dann stellten die Zwergenfrauen das Weihnachtsgebäck auf die Tische, die Kinder legten vorsichtig ihre Basteleien dazu und der Wirt schleppte Fässchen mit heißen Getränken herbei.

Und es dauerte nicht lange, da kamen die Zwerghofener auf ihrer Amselflotte angeflogen.

Die Zwerge begrüßten einander herzlich.

‚Das hätte uns einfallen müssen‘, brummte ein Zwergenhofener und legte sein Geschenk auf einen der Tische, die ohnehin schon fast zusammenbrachen unter der Last der Kuchen, Basteleien und Getränke.

Plötzlich bat der Bürgermeister von Zwerglandia um Ruhe.

Er begrüßte die Anwesenden, dann rief er Purzel zu sich.

‚Unser kleiner Purzel hier‘, sagte er, ‚hatte die Idee zu diesem Lichterfest. Deshalb wird Purzel heute mit dem Zwergenkinderorden ausgezeichnet.‘

Alle applaudierten heftig und Purzel bekam vor Stolz rote Backen, als ihm der Bürgermeister einen goldenen Sternenorden an die Jacke heftete.

Es wurde noch viel gelacht und gesungen, getrunken und geschmaust, während es langsam Abend wurde und der Sagen-Zwerg den Kindern Geschichten von früher erzählte, als es noch einen Zwergenkönig gab.

Mit einem Mal begann es zu schneien. Dicke Flocken schwebten auf die lachenden und erhitzten Gesichter nieder. Alles wirkte wie angezuckert und langsam, ganz langsam wurde es still.

Purzel beugte sich zu seiner kleinen Schwester, die fest eingemummt in einem winzigen Handkarren schlief. Er zupfte die Wichtelmutter am Rock.

‚Jetzt weiß ich einen Namen für meine Schwester. Sie soll Flöckchen heißen.‘

Der Wichtelvater schaute die Wichtelmutter kurz an.

So soll es sein‘, meinten beide.

Und wenn sie nicht gestorben sind … dann gibt es irgendwann wieder einmal eine Geschichte vom kleinen Purzel aus Zwerglandia.

Liebe Leserinnen und Leser,

liebe Kunden und Freunde!

Zum hohen Fest der Liebe wünsche ich Ihnen Frieden und Freude, Gesundheit  und Erfolg.

Bei dieser Gelegenheit bedanke ich mich herzlich für Ihren Zuspruch, Ihre Anregungen und Ideen, die mich das Jahr über begleitet haben.

Gesegnete Weihnachten!

Ihre Elvira M. Gordon-Pusch

 

 

 

 

 

Heiliger Antonius, bitte hilf!

 

 


Habe ich letztes Jahr nicht darüber geschrieben, meine Weihnachtspost rechtzeitig und vor allem rein handschriftlich zu erledigen? Nun, ich hatte mir - endlich - einen Füller zugelegt, mit dem ich stolz alles beschrieb, was mir zwischen die Finger kam. Doch nach und nach verebbte meine Lust an Schönschrift und Tintenfass und der Füller verschwand irgendwohin.

Jetzt war ich wieder mal sehr spät dran mit meiner Weihnachtspost - Sie kennen das ja sicherlich: Der Geist ist willig, allein, das Fleisch ist schwach. Und will ich nicht als unglaubwürdig dastehen, muss der Füller her. Nur - wo ist er? 

Schublade auf - Schublade zu, das ganze Wochenende verbrachte ich mit der Suche nach meinem wunderschönen Füller. Er ist und bleibt verschwunden.

Selbst meine Krims-Krams-Schubladen wurden von mir durchwühlt -  nichts.

Da fiel mir der Spruch meiner alten Tante ein die immer ein Stoßgebet zum Heiligen Antonius sandte, wenn sie etwas verlegt hatte. Ich sandte - bekam aber keine Antwort. Ich drehte und wendete meinen Blick und bat inständig um Hilfe, aber meine Sensoren dürften irgendwie eingefroren sein oder der gute Antonius war anderweitig beschäftigt. Das Resultat: Ich ärgerte mich, dass ich nicht besser auf meinen Füller aufgepasst hatte.

Immerhin habe ich das Tintenfässchen gefunden. Nur half mir das nichts ohne den Füller. Es war zum Mäusemelken.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Weihnachtswünsche mit dem Kuli zu schreiben. Nach eineinhalb Stunden vorweihnachtlicher Nachdenklichkeit und den allerbesten Wünschen war ich fertig, klebte Briefmarken und warf die Billets in den Briefkasten. Immerhin darf ich mich darüber freuen, dass die Weihnachtspost rechtzeitig ankommen wird.

Als ich mich gestern Abend für ein Treffen mit einer Freundin anzog, nahm ich meine hellbraune Handtasche, die ich eher selten gebrauche, und raste aus dem Haus.

Wir beide schlen-derten gemütlich durch die Gassen und wärmten uns anschließend in einem Café auf. Für das neue Jahr vereinbarten wir ein Treffen und ich wollte das in meinem Kalender vermerken. Ein Griff in das Seitenfach der Handtasche und … ich ziehe den vermissten Füller heraus!

Tja, was soll ich noch sagen?

 

 

 

 

 

Wieder mal viel zu spät!

 

 


Ich sitze vor meinem vielgeliebten Blechtrottel und bete um spontane Eingebungen. Aber es ist wie mit dem Taxi, auf das man wartet und wartet, aber es kommt nicht. So flitzen allerlei aberwitzige Ideen durch meine Gehirnwindungen, aber keine wirklich passenden. Mich schleudert es einfach bei den Gedanken an Weihnachten, an die noch fehlenden Geschenke und dass  nur noch 17 Tage zur Vorbereitung bleiben.

Der Bildschirm schaut mich fragend an, die Tastatur warten auf den Druck meiner Finger, und ich überlege, worüber sich meine Lieben und Bekannte freuen würden.

Was wäre, würde man den Computer mit den verschiedensten Daten und Gewohnheiten eines Menschen speichern? Müsste er dann nicht genau das Geschenk für denjenigen ausspucken können? Nichts mit ellenlangen Vorschlägen aus dem Internet, durch die man zeitintensiv und planlos zappt, sondern das einzig wahre Weihnachtsgeschenk per Knopfdruck beispielsweise für Mama dank mit allen Informationen gefüttertem Computer.

Mal angenommen, Mama ist in diesem Jahr 68 geworden. Sie ist eine fitte und schlanke Frau, die stolz die neueste Mode - weder braun noch lila - trägt, keinen Schnick-Schnack in der Wohnung, die in warmen Farben strahlt, herumstehen hat; sie ist Vegetarierin die  täglich abends ein Glas Rotwein trinkt und sämtliche CD‘s von ABBA, den Bee Gees, Frank Sinatra und Udo Jürgens im Schrank stehen hat. Von ihrem Enkel ließ sie sich  einige CD‘s mit bestimmten Opernarien brennen, die sie häufig abspielt.

Ihre Lieblingsmusicals sind ‚Kiss me Kate‘, ‚Cats‘, ‚Der Mann von La Mancha‘ und ‚Cabaret‘, sämtliche Filme mit Fred Astaire sowie Gene Kelly, Richard Gere,  Humphrey Bogart, Ingrid Bergmann, Shirley McLane und Robert Redford - auch davon hat sie reihenweise DVD‘s im Schrank stehen -, und manchmal schwingt sie - mehr oder weniger heimlich - zur ‚Rocky Horror Picture Show‘ ihre Hüften. 

Zeitweise stöbert sie in den Zeitungen - sie liest keine Illustrierten - nach Kontaktanzeigen. Mama hasst Kaffeekränzchen und seichtes Geplauder, stöbert in Buchhandlungen am liebsten nach Biographien und Politischem, liebt es, nach Italien zu reisen und trägt ihre Haare, die sie selbst färbt, ziemlich kurz.

So, und nun suchen Sie mal für so eine facettenreiche  Dame ein Geschenk.

Der Computer würde wahrscheinlich in Sekundenschnelle das Passende liefern - wir hingegen müssen uns tagelang quälen und stets würde uns die Frage verfolgen - so wir nicht oberflächlich sind: ‚Freut sich Mama über dieses Geschenk wirklich?‘ oder ‚Ist das überhaupt das Richtige für Mama?‘

Kinder zu beschenken ist ungleich einfacher. Die freuen sich auch über das elfte (in heimischen Landen erzeugte) liebevoll ausgesuchte Kuscheltier.

Nur noch 17 Tage. Hiiiiilfe!!!

 

 

 

 

 

Fundgrubennostalgie

 

 


Irgendwann fiel mir beim Besuch eines unmöglichen Möbelhauses aus dem hohen Norden - glücklicherweise weiß niemand, wovon ich schreibe - ein, mir eine große Schachtel zu besorgen, um mich besonderen Krimskrams zu entledigen. Irgendwann, so stellte ich mir vor, würde ich dann zu sortieren beginnen. Dieses ‚irgendwann‘ begleitet mich bis heute.
Ich nenne meine Schachtel schlicht und ergreifend ‚Fundgrube‘. Das heißt, mittlerweile besitze ich bereits drei dieser großen Fundgruben.
Bastelt beispielsweise mein kleiner Benjamin etwas undefinierbar Schönes, lege ich es in eine der nostalgischen Fundgruben. Aufstellen kann man diese Besonderheiten nicht, sonst würden sie nach und nach Staub ansetzen und unansehnlich werden.
Auch die von meiner Tochter im Kindergarten gebastelte Weihnachtsglocke aus einem kleinen Tonblumentopf wanderte in die Fundgrube. Außen herum hat sie den Tontopf in Gold- und Silberfarben bemalt. Durch das Loch im Blumentopf ist ein dickes Geschenkband gezogen, das den Topf durch eine kleine Holzkugel festhält. Wie die kleine Weihnachtsglocke nun ‚glocken‘ soll, hat sich mir nie erschlossen. Dennoch ist sie die  Erinnerung an ein schönes Weihnachtsfest, die mich nostalgischen Gedanken nachhängen lässt.

Später hat mein Drachenkind aus kleinkariertem blau-weißen Stoff einen Teddy für mich gebastelt. Er ist schon ein bisschen abgegriffen, der Bursche - eine weitere Erinnerung an eine aufregende Zeit.
Zettelchen mit wenigen Worten in krakeliger Schrift finden sich hier ebenso wie haufenweise Fotos.
Ich liebe es, ab und zu in meinen Fundgruben zu wühlen.
Manchmal entdecke ich Dinge neu, und je älter ich werde, desto mehr verklären sich erinnerte Situationen.
Da gibt es ein Foto von meiner Schwester und mir, aufgenommen in Venedig.  Mit struppigem Igelhaar schauen wir lachend in die Kamera. Wir waren 18 und 21 Jahre alt, haben einen einwöchigen Urlaub in Italien genossen. Allein. Erstmals ohne Anhang wie Eltern und jüngerer Schwester. Wir konnten uns keine großen Sprünge leisten und jedes Extra wie Cappuccino oder Campari  musste gut überlegt werden. Unvergessliche Tage.

Auch Bilder von längst Verstorbenen lösen gute Gedanken aus.
Die Handabdrücke meiner Tochter, als sie sechs Jahre alt war.
Weihnachtskarten.
Geburtstagswünsche von Kollegen.
Briefe aus der Vergangenheit.
Ein Gedicht.
Ein Bettelarmband, geschenkt von einer lieben, sehr quirligen und lauten Tante.
Das Poesiealbum, welches an Freundinnen und Lehrer erinnert.
Eine Kohlezeichnung. Ich war damals rund 14 Jahre alt und unheimlich verliebt in meine Werke; genau vier Stunden lang fühlte ich mich zur Künstlerin berufen.
Ein kleiner Engel aus Papier von meiner Freundin - unser beider Engelphase hält nach wie vor an.
Ein uralter Meldezettel, den meine Großmutter ausgefüllt hatte, als ich - schreiend wie jedermann - die große Weltbühne betrat.
Das Foto unseres Wiener Wohnhauses, aufgenommen vor dem Krieg.
Meine Kommunionskerze.
Die vergoldete Hülse eines alten Augenbrauenstiftes, gefunden im Nachtkästchen meiner Mutter.
Der Ring aus einem Kaugummiautomaten, geschenkt von meinem acht Jahre alten Schulfreund. Nach rund einem halben Jahr war meine Freundin interessanter für ihn.

Es ist schier unglaublich, was ich alles aufbewahrt habe.

Ich denke, gerade die Vorweihnachtszeit bietet sich an, wieder mal in meinen nostalgischen Fundgruben zu kramen.

Sicherlich auch mit einer Träne im Knopfloch werde ich mich den wandernden Erinnerungen hingeben und dankbar darüber sein, so viele wunderschöne Momente mit geliebten Menschen erlebt zu haben.

 

 

 

 

 

Nackte und Tote - der erbärmliche Abverkauf

 

 


Eines unserer täglichen Bildungsblätter berichtete darüber, dass Nacktfotos der berühmten Jackie O. unter den Hammer kommen. Endlich. Denn darauf hat die Welt seit langem händeringend gewartet.

Jackie Kennedy war eine Stilikone, die es verstand, Kultur zu verbreiten.
Eine Frau mit unnachahmlichem Geschmack die wusste, sich als Präsidentengattin des legendären John F. Kennedy zu präsentieren.
Ständig umjubelt und beobachtet wurde die vom Zeremoniell beherrschte Dame der High Society zu einem angebeteten Idol ihrer Zeit. 
Dass sie Jahre nach dem Tod ihres Mannes Herrn Onassis heiratete, war ihrem Image nicht unbedingt  förderlich; trotzdem riss man sich weiterhin um Geschichtchen und Bildchen rund um ihr Leben.
Die eher zurückhaltende, auch scheue Frau hatte sich eines Tages, wie schon so oft, auf einem wunderbaren Fleckchen der Privatinsel Skorpios zurückgezogen, um ausgiebig der Sonne zu huldigen.

Einer der fotografischen Schmeißfliegen, vorab informiert vom Personal oder sonstigen Wichtigtuern und ‚Handaufhaltern‘, lag bereits auf der Lauer. Und schoss ein Foto nach dem anderen von einer Frau, die sich allein und unbeobachtet glaubte. Die in Ruhe einen schönen Tag genießen wollte. Hatte sie doch genug Schicksalsschläge einstecken müssen in ihrem Leben.

Was lässt bloß die Menschen auf solche Geschmacklosigkeiten abfahren? Wen könnten nun - 25 Jahre nach Jackies Tod - diese Fotos reizen?

Handelt es sich doch weder um  künstlerisch oder ästhetisch-wertvolle Aufnahmen, die den Betrachter zu Beifallsstürmen veranlassen könnten, sondern um so genannte Bilder aus der Gucklochperspektive. Sie signalisieren lediglich, dass sie verbotener Weise geschossen wurden. Geheim aufgenommen  für uns - das Volk - sollen sie etwas auslösen. Sinnlos, über die Gründe einer derartigen Veröffentlichung nachzudenken.

Es ist eher ekelig sich vorzustellen, dass jemand diese Fotos in ein Album klebt und sie hinter verschlossener Tür heimlich betrachtet. Oder sie vergrößern und seine Wände damit tapezieren lässt, um dann vor seinen Freunden anzugeben, soundsoviel Tausender dafür hingeblättert zu haben.

Traurig, was von dieser Frau, die eines einsamen Krebstodes starb, übrig blieb. Respektlose Nacktbilder für die geifernde Meute mit ein paar hingerotzten Worten.

Aber offensichtlich ist der sabbernde Sensationsmarkt immer noch groß genug. Denn sonst würden sich manche Entscheider im Blätterwald wirklich wichtigen und erbaulicheren Themen zuwenden als uns permanent mit Nackt- oder Busenfotos zu beglücken.

Die Zeiten, als man sich noch bei gelöschtem Licht unter der Decke vergnügte, sind vorbei; Männlein wie Weiblein sind aufgeklärt, wissen von Klein auf um die Sexualität. Wozu also sind derartige Fotos gut?

Ich meine, wir brauchen dringend einen Sinneswandel. Doch um diesen zu bewerkstelligen, fehlt es in einigen Etagen an Interesse und Fingerspitzengefühl, Inspiration, Weitsicht und vor allem dem Willen, hohles Geschwätz und Abwertung zu unterlassen.

Tragen nicht gerade die Me-dien in erheblichem Ausmaß zur Bildung bei?

Oder sehen Sie das anders?

e.gordon@frankfurterstadtkurier.de

 

 

 

 

 

H1N1 - Die Angst geht um!

 

 


Rund 15.000 Tote jährlich fordert die Grippe deutschlandweit. Die alte Grippe wohlgemerkt, die bekannte Influenza.
Bereits in den Jahren 1918 - 1920 trat sie als Spanische Grippe (deshalb so genannt, weil angeblich von dort die ersten Seuchenmeldungen stammten) auf und forderte weltweit rund 25 Millionen Tote. Experten sprechen von 50 Millionen Toten.

Es gab viele Gerüchte über die Entstehung dieser Krankheit, die gesunde, junge Menschen zwischen 15 und 40 Jahren befiel. Unter anderem, dass massive Impfungen die Pandemie ausgelöst haben sollen.
In den Jahren 1957 bis 1958 folgte die Asiatische Grippe mit 1 bis 2 Millionen Toten; zwischen 1968/70 forderte die Hongkong-Grippe rund 800.000 Opfer.
Als die Vogelgrippe wütete, wurden hektisch Hochrechnungen angestellt. Man ging - allein in Deutschland - von 160.000 Toten aus. Weltweit starben 262 Menschen.
Die Rinderpest (BSE - Creutzfeld-Jakob-Krankheit) forderte bislang - die Inkubationszeit beträgt einige Jahre - ca. 100 Tote.
Zu Buche geschlagen haben seit Menschengedenken auch die Pocken und die Pest, Typhus, Cholera, Tuberkulose und - ja, auch die Syphilis hat Menschen dahingerafft.

Aber zurück zur Schweinegrippe. Dank der rührigen Pharmaindustrie wurde in kürzester Zeit ein Impfstoff  entwickelt, der in zwei verschiedenen Ausfertigungen  auf den Markt gebracht wird.

Dabei enthält der eine zur Verfügung stehende Impfstoff keine, der andere sogar zwei Substanzen, die als bedenklich, wenn nicht gar als höchst gefährlich eingestuft werden.

Das Adjuvans (Immun- oder Wirkverstärker) Squalen beispielsweise wurde Soldaten des Golfkriegs geimpft. Es steht im Verdacht, Autoimmunität *) auszulösen und Mitverursacher des Golfkriegs-Syndroms (chronische Müdigkeit, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Muskelrheuma, Hautausschlag, persistierende (lat.: andauernd) Kopfschmerzen, Erschöpfung, chronische Verdauungsprobleme) zu sein.

Doch nicht nur Squalen steht in der Kritik.

Vor allem Thiomersal, das dem Impfstoff als Konservierungsmittel dient und zu fast 50 Prozent aus Quecksilber besteht, erregt die Gemüter. Quecksilber ist das giftigste, nicht-radioaktive Element und wurde als Krebs erregend eingestuft.

Der Internist Dr. med. Jürgen Seefeldt hat sich in einem offenen Brief an die Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, Dr. Susanne Stöcker, gewandt (http://g-pb.de/Seefeldt). Hat Frau Dr. Stöcker im Westfalen Blatt vom 2. Oktober noch betont, dass eine Impfung unbedenklich (und notwendig) ist, widerlegt Dr. Seefeldt dies eindringlich anhand seiner Ausführungen, die er mit entsprechenden medizinischen Literaturhinweisen untermauert.

Während Frau Dr. Stöcker darauf hinwies, dass Schwangere, denen empfohlen wird, viel Fisch zu essen, eine weitaus höhere Quecksilber-Konzentration zu sich nehmen, entgegnete Dr. Seefeldt in seinem Brief, dass Quecksilber in jeder Form karzinogen wirkt und es für karzinogene Gifte keinen Schwellen- und Unbedenklichkeitswert gibt.

Die in den USA verabreichten Einzelampullen, so Dr. Seefeldt, sind Thiomersal-frei.  Nun erhebt sich die Frage, weshalb nicht auch in Deutschland der Impfstoff nur in Einzeldosen und somit ohne Konservierungsmittel hergestellt werden kann. Das Verhalten der Pharmaindustrie stellt sich als - gelinde gesagt - unbedacht dar, wenn sie die  explosionsartige Nachfrage mit Einstechfläschchen größeren Inhalts befriedigt, der mit einem höchst gefährlichen Wirkverstärker versetzt ist. Aber - so ist der Impfstoff eben günstiger und vor allem rascher zu produzieren. Über mögliche Langzeitfolgen, die daraus resultieren können, macht sich keiner Gedanken.

Das Internet, honorige Professoren und Fachleute und die Medien überschlagen sich täglich mit divergierenden Meldungen. Fieberhaft, ohne wirklich krank zu sein, reden sich die Menschen die Köpfe heiß. Impfen oder nicht impfen - das ist hier die Frage!

e.gordon@frankfurterstadtkurier.de

*) Autoimmunität in der Medizin bedeutet eine Reaktion des Immunsystems gegen das eigene Gewebe, was zu Entzündungsreaktionen und Schäden an den Organen führen kann.

Hier noch ein kurzer Abriss zum Thema:
Das Schweinegrippe-Virus
zeigt ähnliche Symptome wie die saisonale Influenza: Kopf-, Hals-  und Gliederschmerzen, Fieber, Husten, Schüttelfrost - verbunden mit einem starken Krankheitsgefühl; daneben kann auch Erbrechen und Durchfall auftreten. Bei einigen Erkrankten trat allein Erbrechen und Durchfall auf, bei machen ‚fehlte‘ das Fieber. Die Inkubationszeit beträgt 1 bis 4 Tage.

Der Impfschutz tritt nach ca. 14 Tagen ein; manche Menschen benötigen sogar bis zu drei Wochen zur Antikörperbildung.

Übrigens: Auf der Seite http://www.gesunde-westlausitz.de/bund/2009/dokumente/091028_Grippe.pdf können Sie eine Pressemitteilung von Dr. med. Hans-Peter Donate, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender Deutscher Berufsverband der Umweltmediziner, Berlin vom 26.10.2009 nachlesen.
Bilden Sie sich selbst ein Urteil!

 

 

 

 

 

Der Kristall

 

 


Ein faszinierender, Licht brechender Körper, der - je nach Fundort, Intensität der Farbe und Größe - seinen Besitzer in Freudentaumel versetzt.
Sein Name stammte aus dem Griechischen und bedeutete soviel wie Eis und Bergkristall. Später hat sich jedoch die Bezeichnung ‚kristallo‘ (aus dem Lateinischen crystallus gebildet, was sich nach und nach zu Kristall gewandelt hat.

Kristall - ein wunderschönes Wort, das Assoziationen mit Natürlichem und Schönem, mit Reinheit, Kostbarkeit und Werten weckt.

Die Braunhemden und Totenköpfe werden sich etwas dabei gedacht haben, die Nacht vom 9. auf den 10. November als ‚Reichskristallnacht‘ zu bezeichnen. Es regnete glitzernde und glänzende Glassplitter, als die Synagogen brannten, die Scheiben barsten und die Geschäfte der Juden zerstört wurden.

Reichtskristallnacht vielleicht auch deshalb, weil die verhassten reichen Juden ihrer Werte (Kristalle)  beraubt wurden, die das großdeutsche Reich dringend benötigte.

Die Reichtskristallnacht vom November 1938 (eine lang geplante und organisierte Aktion, deren angeblicher Ursprung in der Erschießung eines eher unbedeutenden, posthum zum fähigen Diplomaten stilisierten - Legationssekretärs durch den verzweifelten jungen Herschel Grynszpan am 3. November in Paris lag), stellt eine böse Verniedlichung dessen dar, was damals in unvorstellbar großem Ausmaß und nicht nur in einer Nacht geschah.

Von jeher wurde der Jude verfolgt, erpresst, gedemütigt. Unter anderem, weil er den jüdischen Wanderprediger Jesus gekreuzigt hat; er wurde für die Pest verantwortlich gemacht, soll Kinder ermordet und ihr Blut getrunken haben und vieles mehr.

Die Wahrheit ist, dass seine Kultur für Außenstehende viel zu undurchsichtig war. Die Bedrohung durch den ‚hinterlistigen, buckligen Juden mit riesiger Nase, großen Ohren und stechendem Blick‘, der wegen seines Reichtums stets beneidet wurde, war immens. Er verstand es, mit Geld umzugehen, das er - dies wurde ihm gerade noch huldvoll erlaubt - an die erlauchten Herrschaften ‚verleihen‘ durfte. Das und die zusätzlichen Zinsforderungen jedoch wurden ihm zum Verhängnis. Denn spätestens, wenn der Schuldner nicht leisten konnte, wurde der Jude angefeindet, bedroht, enteignet, in Ghettos gepfercht und schließlich ermordet.

Millionenfach.

Seine Auslöschung wurde systematisch betrieben. Der Abschaum überschlug sich im Erfinden immer neuer Gräueltaten. Der Feind des deutschen Volkes finanzierte schließlich mit der ihm auferlegten horrenden Vermögensabgabe nicht nur den Zweiten Weltkrieg mit, sondern auch - so pervers es klingen mag - seine Auslöschung.

Doch das unwerte Leben der damaligen Schreckensherrschaft hatte noch viele andere Gesichter: Roma und Sinti, so genanntes Zigeunerpack,  Behinderte oder Homosexuelle - alles, was nichts ins göttliche Gedankengut der braunen und einzig reinen Rasse passte, wurde vernichtet.

Wenn (un)kritische Stimmen davon sprechen: ‚Genug ist genug‘ oder ‚Davon haben wir nichts gewusst‘ oder ‚Damit hatte ich nichts zu tun‘ sei folgendes bemerkt:

Diese traurige Epoche deutsch-österreichischer Historie darf niemals in Vergessenheit geraten.

Wir gedenken der Opfer!

 

 

 

 

 

Die hat doch ‘nen Fimmel!

 

 


Haben Sie auch Bekannte, die Sie nicht mehr besuchen wollen, weil diese einen Fimmel haben?
Eine Marotte beispielsweise, indem sie jedermann hinterher putzen, wenn dieser gerade erst die Wohnungstür hereingekommen ist - bestenfalls mit einem Staubsauger, weil man auf den Teppichfasern die Fußspuren sieht?
Oder solche, die sofort mit Alkoholreiniger oder einer Riesenflasche Sagrotan bewaffnet die Klobrille zu reinigen beginnen, wenn man das stille Örtchen gerade aufgesucht hat?
Ich spreche jetzt nicht von einem Putzzwang, auch wenn sich dieses Verhalten dorthin entwickeln kann, sondern von einem (im ersten Moment) nervigen Menschen, der anscheinend nichts Besseres zu tun hat als jede Minute mit wischen oder räumen zu verbringen.
Ich habe mal ein Gespräch mitbekommen über eine Frau, die alles, was ein ‚Fremder‘ angefasst hat, am liebsten gleich verbrannt hätte, um es neu zu kaufen, weil es dann einfach ‚unberührt‘ ist. Der Erzählerin wäre es lästig gewesen, als sie jene Frau besuchte, weil diese die Gegenstände sofort nach Benutzung wieder glasklar und sauber wischte. Selbst die Couch, die als Schlafgelegenheit für eine Nacht gedient hatte, wurde sofort nach dem Aufstehen abgesaugt und in den Ursprungszustand zurückversetzt. Die Überzüge von Kopfkissen und Decke sowie das Spannbetttuch wurden hektisch abgezogen und schon begann die Waschmaschine zu rödeln. Das alles innerhalb von nur wenigen Minuten.

Manch einer wird denken: ‚Was für eine tolle Gastgeberin. An der könnte ich mir eine Scheibe abschneiden.‘ oder ‚Wo bleibt da die Marotte?‘

Ich gehe von einer bitteren Erfahrung besagter Frau aus und von großer Unzufriedenheit mit dem momentanen Lebensstandard. Diese Frau ist heute 54 Jahre alt, hat 22 Jahre in einer äußerst schwierigen Ehe gelebt und 4 Kinder zur Welt gebracht. Zudem wurde sie nach der Scheidung von einem Mann regelrecht ‚ausgenommen‘.
‚Früher war sie gelassener‘ sagte eine Frau, die sich im
weiteren Gesprächsverlauf
als die Tochter herausstellte. Dieses gravierende Verhalten hätte erst angefangen, als der damalige Ehemann immer öfter nachts betrunken nach Hause gekommen war.

Mittlerweile wohnt die Frau allein in einer großen Stadt und wird nur selten besucht. ‚Es ist immer so anstrengend bei ihr‘, sagte die Tochter. ‚Ich komme dort nie zur Ruhe und habe Angst, dass sie plötzlich mit einem Handsauger an mir herumfummelt, weil ich vielleicht ein Sandkorn in die Wohnung eingeschleppt haben könnte.‘

Ich glaube, diese Frau - aber auch solche, die Plastiküberzüge über ihre Sofas spannen, die ständig den Wasserhahn auf Hochglanz polieren, die permanent die Fransen am Teppich bürsten, die ihre Tabletten in eine Reihe legen, (am liebsten von dunkel nach hell), haben etwas erlebt, das sie dazu treibt, die Seele rein zu putzen (zu saugen).

Möglicherweise haben sie mit ihrem Fimmel oder ihrer Marotte eine Art Ritual geschaffen, um sich selbst zu reinigen, vielleicht, um Erlebtes, das unbewusst immer wieder auftaucht, abzuwaschen.

Bevor man über ein derartiges Verhalten entnervt schimpft oder eine Therapie empfiehlt, sollte man sich Zeit nehmen, mit dem betreffenden Menschen zu sprechen, ihn auf sein Verhalten aufmerksam machen. Und ihm zuhören. Vielleicht geraten so die schief liegenden Teppichfransen oder der imaginäre Wassertropfen an den Armaturen langsam in Vergessenheit.
Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Wenn die Inspiration fehlt

 

 


Kennen Sie diese unsagbar langen Minuten, die sich ziehen wie ein Strudelteig? Dann, wenn uns beispielsweise die Ideen fehlen zum Thema Kochen? Man reißt den Kühlschrank auf, starrt minutenlang auf Eier, Butter, Margarine, Wurst und Käse und weiß beim besten Willen nicht, was man damit anfangen sollte. Dann schaut man in den Vorratsschrank, der sich ebenso nichtssagend präsentiert und heult innerlich auf: ‚Was soll ich heute bloß brutzeln?‘
Ist man allein, wird man sich - wieder einmal - auf die schnelle ‚kalte Küche‘ besinnen. Das heißt: Brot geschnitten, bestrichen mit x-beliebigen Belag und Wurst und/oder Käse drauf. Dazu vielleicht ein paar Gürkchen oder Oliven und gut is. Oder man ordert, ohne einen Gedanken auf das Hüftgold zu verschwenden, eine Pizza mit allem Drum und Dran mit nicht zu vergessen der doppelten Fuhre Käse.

Bei einem größeren Haushalt wird es schwieriger. Doch gerade jetzt hält die Natur ein besonderes Schmankerl für uns bereit: den Kürbis.
Von der Suppe über Auflauf bis hin zu Kuchen und Desserts lässt sich mit diesen Schwergewichten viel Köstliches zubereiten.
Und - was nicht zu vernachlässigen ist - die Kinder können mit einbezogen werden. Und Sie können sicher sein, dass die Kinder mit Feuereifer bei der Sache sind. (Halloween lässt grüßen!)

Während die Kinder lustige Grimassen in die Kürbisse schnitzen, können Sie sein Innenleben ohne viel Aufwand gut und vor allem schnell verwenden.
Das Kürbisfleisch hat den Vorteil, dass es wenig Kalorien (es besteht zu 90 Prozent aus Wasser) enthält. Dafür aber enthält es wichtige Nähr- und Ballaststoffe.

Die enthaltenen Carotinoiden gelten auch als Schutz vor Herz- und Gefäßkrankheiten sowie vor Krebs. Nicht nur, dass mithilfe des Kürbis der Cholesterinspiegel gesenkt und die Verdauung geregelt werden kann, hilft der Kürbis  auch bei Prostata- und Blasenbeschwerden.
Das leider etwas teure Kürbiskernöl gehört zu einem der wertvollsten Pflanzenöle, das reich ist an ungesättigten Fettsäuren und Vitamin E.
Sollten Sie also wieder etwas planlos vor Ihrem Einkaufszettel sitzen, denken Sie an diese gesunde Frucht. Es muss nicht immer Fleisch sein.

Dazu ein leckeres Rezept:

1 kg Kürbisfleisch (Butternnut- oder Hokkaidokürbis)
100 g Butter
2 EL Mehl
2  Eier, getrennt
Zucker, Zimt, Semmelbrösel
Butter, als Flöckchen
etwas Milch

Kürbis in mundgerechte Stücke schneiden; falls zu hart, in etwas Wasser weich kochen. Aus Butter und Mehl eine Schwitze bereiten und mit Milch ablöschen. In die sämige Soße 2 Eigelb unterrühren und das steif geschlagene Eiweiß darunterziehen. Den Kürbis in eine gebutterte Auflaufform geben und die Soße (gewürzt mit Zucker und Zimt) darübergießen.
Darauf die Semmelbrösel streuen, mit Butterflöckchen belegen und bei rund 200 Grad backen, bis die Semmelbrösel knusprig-braun sind.

 

 

 

 

 

Was Sie schon immer wissen wollten!

 

 


Bei meinem Gang über die Buchmesse - das Gedränge war teilweise übel - unterhielt ich mich mal hier und mal da. Bis ich an den Stand österreichischer Verlage kam, die sich darauf konzentriert hatten, mit der kostenlosen Ausschank von Heurigem und Liptauerbroten Buchhändler anzulocken, die hoffentlich in den Werken mehr oder weniger bekannter Autoren stöbern und entsprechende Bestellungen aufgeben würden.
Mit im Programm der Alpenrepublik waren natürlich auch Bücher über die heimische Flora und Fauna nebst Berg-, Burgen-, Schlösser-, Straßen- und Weinführern. Eine schier undurchdringliche Menschentraube hatte sich dort gebildet und mich umschwirrte der herzige Dialekt des seelenbaumelnden Alpendorados.

‚Jo Servas, bist a wiada do? Ham ma scho an Umsotz gmocht? (=Haben wir schon einen Umsatz getätigt?)
‚Küss die Hand, gnä Frau. Dos is ja eine nette Übarroschung.‘
‚Jo der Herr Kommerzienrot. Gell, Sie suachn (=suchen) wieder nach an Biachl (=Buch) vom - na, wia hasst a denn no glei?‘ (= na, wie heißt er denn noch gleich).
‚Trink ma no a Glaserl mitanonder?‘

Ach, wie ich manchmal diese Plänkeleien vermisse. Grinsend versuchte ich, mich durch die Massen zu zwängen.
‚No, ham ma ka (=haben wir keine) Zeit, die Dame?‘ witzelte ‚a gstondenes Monnsbüd‘, den ich in dem Gedränge anrempelte.
‚Zeit schon, aber keine Lust, mir schon am frühen Vormittag die Kante zu geben‘, sagte ich lachend.
‚No gengans (=Na gehen Sie), so a klans Glaserl wird Eana (=Ihnen) do nix antuan. ‚Sogn ma Du‘ (= Sagen wir Du).
Herrlich, ich war hin und weg, nach jahrelanger Abstinenz wieder mal meine Heimatsprache zu hören und ich gestehe, ich war gleich wieder drin.

Zur Erklärung: Das o wird etwas nasal und gedehnt  wie ‚ao‘ gesprochen. Wie ein ‚offenes O‘ halt.  Also kein reines A und kein reines O, irgendwie verwaschen sollte es schon klingen. Und nein, Sie müssen keine Hals-Nasenkrankheit haben, um so sprechen zu können.

Jedenfalls - es wurde ein gemütlicher Vormittag, den ich in einer noch gemütlicheren Runde verbrachte.

Natürlich hatte ich - bevor ich mich wieder dem Heurigen- und Liptauerbrotestand (vielleicht war es auch etwas anderes, ich war zu selig, um genau zu schauen, was ich da kanbberte) zuwandte, einen Rundgang über die Buchmesse gemacht.

Und das war auch gut so, denn aus dem einen Glaserl wurden zwei und dann drei … So lustig war es noch nie auf der Frankfurter Buchmesse. Der kleine Kreis versprach, sich im nächsten Jahr wieder zu treffen.
No, i bin gschbonnt (=Na, ich bin gespannt.)

 

 

 

 

 

Freiwild Kind!

 

 


Leider stehe ich friedliebendes Menschenkind wieder kurz vorm Platzen. Darf ich Sie damit belästigen?
Stellen Sie sich bitte eine Spielstraße vor. Kinder spielen fangen, fahren mit ihren kleinen Rädchen, zeichnen mit Straßenkreide, springen Seil - vertreiben sich eben die Zeit - kindgerecht und nur mit halbem Blick auf mögliche Gefahren. Deshalb haben auch die Eltern oder Großeltern immer ein Auge auf die Kinder. Ein Teil der Straße selbst ist im Zick-Zack-Kurs mit großen Blumenkübeln bestückt, so dass die Autofahrer - eigentlich - nur die vorgeschriebenen 10 km/h fahren dürfen. Es ist eine kleine heile Welt, eine schöne dörfliche Idylle in Schwabenheim.
Das heißt, das war es mal. Denn irgendwann einmal fiel es einem Autofahrer ein, die Strecke als Slalomkurs zu benutzen. Selbstredend fuhr er nicht das vorgeschriebene Schritttempo, sondern stieg mutig aufs Gas. Das geschah in den frühen Abendstunden, so dass niemand sich aufregen konnte. Es blieb jedoch nicht bei diesem einen Ignoranten, es zogen immer mehr Autofahrer nach, so dass diese ruhige Spielstraße mittlerweile fast zu einer Rennstrecke mutierte. Seit Neuestem wird sie sogar als Umgehungsstraße benutzt - trotz bestehender Widmung als Spielstraße.

Also wird nun nicht nur abends oder morgens in dieser Straße gepest, was die Strecke hergibt, sondern selbst tagsüber. Die ausgewiesene Spielstraße wurde von den Autofahrern vereinnahmt, so dass es den Kindern nicht mehr möglich ist, dort mehr oder weniger gefahrlos zu spielen.

Hält sich ein Autofahrer an die Geschwindigkeitsbeschränkung, entblöden sich andere nicht, diesen - man mag es kaum glauben - kopfschüttelnd und den Stinkefinger zeigend zu überholen.

Wenn selbst Mütter - noch dazu unter Zeitdruck - ihre Kinder zum Sportunterricht kutschieren und dabei bewusst ignorieren, dass sie mit überhöhter Geschwindigkeit auf einer Spielstraße fahren - was bleibt da noch zu sagen?

Vor geraumer Zeit beschlossen zwei Elternpaare etwas zu unternehmen und die Polizei um Hilfe zu bitten. Die Polizei  sah sich nicht zuständig und verwies die Besorgten an das Ordnungsamt. Das hatte nichts Besseres zu tun, als die Zuständigkeit zu bestreiten und wieder an die Polizei zu verweisen.

Wenn man so etwas liest, verliert man - wieder mal - den Glauben an das System. Alles, was ein kleines bisschen Einsatz oder Vermittlung erfordert, wird abgeschoben. Nur schnell vom Tisch, das könnte ja in Arbeit ausarten.  Und dann auch noch die immensen Kosten! Wegen einer Spielstraße werden wir doch den ohnehin eng gestrickten Haushalt nicht ‚aufs Spiel‘ setzen. Was haben die Kinder auf der Straße zu suchen? Husch husch ins Haus mit euch kleinen Menschlein, die ihr die armen Autofahrer gefährdet und unnötig aufhaltet!

Was sollen die Eltern nun tun? Eine Sitzblockade veranstalten? Mit Transparenten den Rasern zuwinken? Sich auf die Straße legen?

Es ist wirklich eine Zumutung, was sich einige ignorante, egoistische und tumbe Autofahrer erlauben. Von denken spreche ich gar nicht, denn dieses Wort dürfte in ihrer kleingeistigen Welt gar nicht existieren. Bevor man hier endlich tätig wird, muss, man kennt das aus anderen Bereichen,  erst etwas Fürchterliches passieren. Das dann folgende Heulen und Zähneknirschen nutzt jedoch weder dem betroffenen Kind, noch dessen Eltern.

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Keine Gnade für Maronen & Co

 

 


War das letzte Wochenende nicht traumhaft? Zwei Tage lang lachte die Sonne vom Himmel als wollte sie sagen: Genießt es, wer weiß, wann ich wieder mal Zeit habe, an euch zu denken.
Natürlich ließ ich mich nicht lange bitten und machte mich zeitig auf die Beine. Und ich habe - danke, liebe Pilzfee - massenweise Schwammerln gefunden. Fast vier Stunden war ich auf der Pirsch und sammelte hauptsächlich Maronenröhrlinge.

Das Resultat meiner Suche: ein enormer Muskelkater, von dem ich heute noch geplagt werde und ein herrliches Abendessen.

Ein paar der Pilze habe ich natürlich getrocknet. In der Hoffnung, auch weiterhin fündig zu werden, gibt es dann im Winter öfter mal eine Schwammerlsauce mit Semmelknödeln. Oder aber ich mahle die getrockneten Knilche zu Pilzmehl. Zwar stehen noch einige Gläser mit getrockneten Pilzen aus dem letzten Jahr herum, doch wenn ich im Wald herumspaziere und mir ein Hauch von Pilzduft durch die Nase schleicht, bin ich nicht zu halten.

Ein leidvolles Lied davon kann mein damals noch kleines Töchterlein singen, das ich rücksichtslos durchs Gelände schleifte. Ich versuchte, sie mit meinem Jagdtrieb anzustecken, erzählte ihr zwischendurch liebliche Zwerge-, Feen- und sonstige Geschichten, aber das Kind hatte keinen Sinn für diese Art der Bewegung in ‚gesunder‘ Luft. Irgendwann streikte es, hockte sich mit gequältem Gesichtsausdruck hin und ließ sich durch nichts mehr animieren. Ich Rabenmutter musste schließlich einsehen: Aus diesem Kind wird niemals ein wandernder Pilz-Fan.

Ein einziger Steinpilz, ein wunderschönes mittelgroßes Exemplar stand plötzlich vor mir. Ich kannte keine Gnade und legte ihn zu den Maronen. Ob die sich miteinander unterhalten haben? Möglicherweise signalisierten sie ja den Pfifferlingen - irgendwie - dass da wieder die Süchtige mit den Argusaugen unterwegs ist und deshalb haben sie sich nicht gezeigt?

Nun, am nächsten Wochenende werde ich mich wieder an meine Geheimplätze begeben und schnüffelnd schauen, was es Neues gibt.

Das Pilzesuchen hat für mich aber nicht nur den Sinn, mir mühsam im Wald mein Abendessen aufzuklauben, sondern vor allem etwas Meditatives. Vieles, was ich unter der Woche nicht verarbeitet habe, wird leichter. Die herrlich erdige Luft, die Bäume, die von der Sonne beschienenen Moosflecken, das Vogelgezwitscher und das Rascheln der Blätter unter meinen Füßen tragen dazu bei, dass ich den unnötigen Ballast abwerfen kann.

Nur eines verzögert ab und an meine Schritte: Das Wissen um die Wildsäue. Wenn ich an Kuhlen vorbeikomme, über denen alte gefällte Bäume liegen, macht mich das ein klein wenig kribbelig. Entdecke ich jedoch ein braunes Käppchen - oder zwei oder drei -, ist die gefährliche Sau schnell vergessen.

So, jetzt habe ich Sie aber genug gequält mit meiner Sucht.
Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen goldenen Aktiv-Oktober.

 

 

 

 

 

Abgewiesen und Abgelehnt

 

 


Liebe Leserinnen und Leser,

in der KW 28 berichtete ich unter dem Titel ‚Nur 28.800 Minuten länger!‘ über das Schicksal von Detlev Bloß. Ein paar Stichworte dazu:
DDR - Teilnahme an unerlaubter Demo - niedergeknüppelt - weggesperrt - Freikauf durch die BRD - Gutachten während eines Gerichtsverfahrens: Schizophrenie - Einweisung in geschlossene Abteilung München Haar - nach fünf Jahren und Gegengutachten endlich frei - kein Job - keine Entschädigung für den zu Unrecht erfolgten psychiatrischen Zwangsaufenthalt - keine Rente für die 160 Tage Gefängnistortour in der DDR.

Die Klage auf besondere Zuwendung für Haftopfer wurde vom Frankfurter Verwaltungsgericht abgewiesen. Die dagegen erhobene Beschwerde - zurückgewiesen; der Antrag auf Zulassung der Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts - abgewiesen; der Antrag auf Bewilligung der Prozesskostenhilfe für das Zulassungsverfahren - abgewiesen.

Nach wie vor reiten die Richter am Hessischen Verwaltungsgerichtshof auf einer Mindesthaft-zeit von sechs (abgeschlossenen) Monaten herum.

Detlev Bloß verbüßte jedoch  nur 160 anstatt der für eine Rente erforderlichen 180 Tage. Ob diese Haft grausam war und mit Folter und Krankheitsfolgen verbunden lässt das Gericht kalt. Es führt in seinen Gründen § 17 a Abs. 1 S. 1 StrRehaG an und verweist ferner auf die ‚Begründung zum Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und SPD für ein Drittes Gesetz zur Verbesserung rehabilitierungsrechtlicher Vorschriften für Opfer der politischen Verfolgung in der ehemaligen DDR vom 27.3.2007‘ und mehr.

Bemerkenswert finde ich allerdings folgenden Passus:
… ‚Diese (die monatliche Zuwendung für Haftopfer einer Freiheitsentziehung von insgesamt mindestens sechs Monaten) stellt nämlich eine besondere, auch finanziell den Staat nicht unerheblich belastende Leistung dar. Ihre Höhe beträgt 250 Euro pro Monat; der Betrag wird gemäß § 20 StrRehaG zu 65 vom Hundert durch den Bund, im Übrigen durch die Länder aufgebracht. Dies rechtfertigt es, nicht allen bedürftigen Opfer einer Freiheitsentziehung einen solchen Anspruch zuzuerkennen, sondern nur solchen Betroffenen, die Opfer einer Freiheitsentziehung von insgesamt mindestens sechs Monaten waren.‘

Detlev Bloß ist ein Opfer, ein bedürftiges Opfer, das von Krankengeld, welches unter dem Hartz IV-Satz liegt, lebt. Die damaligen schlimmen Vorkommnisse kann er unter ‚Privatvergnügen mit unvorhersehbaren Folgen‘ ablegen.
Der Beschluss ist für ihn eine Katastrophe und Anwalt Stefan Siewert aus Berlin bleibt jetzt nur noch
der Weg zum Verfassungsgerichtshof in Kassel.
Ich finde, die Entscheidung des Senats ist völlig unsensibel.

Nein, falsch, so kann man das nicht im Raum stehen lassen. Denn immerhin bewahrt sie Bund und Länder davor, monatlich 250 Euro für einen hilfebedürftigen und sehr kranken Ex-DDR‘ler hinzublättern.
Noch Fragen?

 

 

 

 

 

Hereinspaziert …

 

 


... meine sehr verehrten Damen und Herren. Immer hereinspaziert. Nehmen Sie Platz in der ersten, zweiten oder dritten Reihe und genießen Sie den heutigen Abend. Geboten wird nichts als Spannung, Spannung und nochmal Spannung.

Sie werden begeistert sein von der atmosphärisch dichten und knisternden Stimmung, die sich bereits aufgebaut hat. Lassen Sie sich vom Scheinwerferlicht und den vielen Kameras nicht irritieren. ‚Don‘t look at them!‘ Schauen Sie nicht hin! Vergessen Sie die spitzfindigen Moderatoren und Reporter. Lehnen Sie sich genüsslich zurück und bilden Sie sich eine eigene Meinung. Lassen Sie sich nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißen, bleiben Sie ruhig und abwartend.
Am Ende der Vorführung werden einige Ausgesuchte von Ihnen ein paar Worte in die Kamera sprechen dürfen. Diejenigen, die vor der Übertragung ausgewählt wurden, sollten sich schon jetzt ein paar Gedanken darüber machen, was sie erzählen möchten in punkto Wirkung und Erzählkunst der beiden Kandidaten.
Und jetzt - begrüßen Sie mit mir - in den gedeckten Farben mit damenhafter und dem Amt entsprechender Zurückhaltung - Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Ihr Herausforderer, Frank- Walter Steinmeier, hat es sich nicht nehmen lassen, seinen dunklen Anzug mit einer roten Bekenner-Krawatte aufzuputzen. Auch er wirkt etwas getragen. Nicht so schüchtern, Herr Steinmeier, hereinspaziert in die gute Stube.
Für das Hauen und Stechen, meine sehr verehrten Kontrahenten, gibt es nur ein paar Regel: Niemals unter die Gürtellinie, fair und beherrscht, den anderen ausreden lassen, nicht die Augen verdrehen, keine Fremdwörter, die der Zuschauer oder der Zuhörer nicht versteht.
An Sie, Kolleginnen und Kollegen der Journaille, ergeht die Bitte: liebevolle Auflockerung bei eventueller Stagnation, keine frechen Bösartigkeiten.
Und nun, verehrte Kandidaten, auf die Plätze - fertig - los!‘

Das mit riesiger Spannung erwartete Hauen und Stechen der beiden Großparteien entpuppte sich bereits nach wenigen Minuten als zäher, nichtssagender Politbrei.
Wer dieses so genannte ‚Duell‘ am Sonntagabend in seiner Gesamtheit ertragen hat, kann sich als Masochist bezeichnen.
Erklärungen und Begründungen wechseln einander ab wie sachter Angriff und noch sachtere Verteidigung. Man bekam das Gefühl, dass die beiden Kontrahenten klare und eindeutige Bekenntnisse fürchteten wie der Teufel das Weihwasser.
Das gigantisch aufgemachte Spektakel endet nach einschläfernden 90 Minuten mit der Frage: ‚Was haben die beiden eigentlich gesagt?‘
Kurzzeitig frischen Wind in das Geschehen brachten lediglich die Fragen der Journalisten.
Danach kamen die Strategen zu Wort, die selbstredend ihren Kandidaten zum Sieger ausriefen.
Wer mutig genug ist, dieses Land zu regieren, sollte seine Ansichten und Vorhaben so verteidigen und vortragen, dass das Volk sich eindeutig mit ihnen identifizieren kann. Nach diesem Fernseh-Duell jedoch werden viele Wählerinnen und Wähler unschlüssig die Kästchen betrachten und ihre Kreuzchen leider irgendwohin setzen. Schlimmstenfalls gar nicht.

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

‚Immer mehr Deutsche sind zu dick‘ …

 

 


Das wissen wir doch schon längst.

‚Das ist nicht gesund…‘

Auch dieses ist uns bekannt.Entweder bekommen wir es endlich in unsere Köpfe, dass wir auf die Bremse treten müssen, oder wir finden uns damit ab und kaufen uns die Kleidung eben eine Nummer größer. Schlimmstenfalls lassen wir uns ein Magenband legen und warten mit gierigem Blick, dass die Waage weniger und weniger ausschlägt.

Wir wissen das alle, wir haben unzählige Male schon hin und her diätelt und uns - nach einigen wenigen Erfolgen - über das sattsam bekannte Jojo-Ergebnis geärgert.

Was mich mittlerweile jedoch rasend macht sind die gehäuften Mails erfundener Doktoren mit irgendwelchen obskuren Studien, die täglich in Massen bei mir eingehen.  Da schreiben Dr. Steffanie Bossack, Dr. Sabrina Bemert, Dr. Tanja Weissadler, Dr. Hannelore R. Schmidt, Dr. Petra Baldus und wie sie alle heißen mögen, wie fürchterlich unsere Essgewohnheiten sind, dass Erdbeereis dick macht (ist ja ganz was Neues) und mehr solch intelligenter Sätze. Im Anschluss daran wird auf eine Bestellseite verwiesen mit Informationen, ‚um simpel viel abzunehmen - ohne jegliche Einschränkungen.‘

Ich sag‘s jetzt ohne Beschönigung: Dieser Dreck ärgert mich unendlich. Obwohl die Mails gleich in den Papierkorb bzw. den Junkmail-Ordner wandern, sind sie zum Kotzen. Denn immer wieder tauchen sie - obwohl Absender und Domän blockiert sind - auf.  Unter neuen Namen, mit anderem Betreff und so weiter. Natürlich klicke ich nicht auf die ominöse ‚Bestellseite‘, weil ich gar nicht wissen will, was mich da für Blödsinn erwarten könnte.

Was mich jedoch noch mehr in Wut versetzt sind Mails, die auf eindeutige Seiten verweisen. Auf menschenverachtende und abartige Seiten, wo sich Väter und Mütter mit ihren (angeblichen) Kindern vergnügen, der Nachbar, die Sekretärin, ‚noch voll im Saft‘ stehende ältere Ladies und Gentlemen und weiteres Sauzeugs. Ich bin wahrlich nicht prüde, aber diese Schwemme an dreckigen ‚Angeboten‘, die noch dazu viele Euros verschlingen, hat man sie denn (irrtümlich oder gewollt) angeklickt, ist krank. Unabhängig von den Mitbürgern, die solche Seiten benötigen, um sich ihr armseliges Dasein geifernd zu versüßen.

Mit derartigen Stoffwechselprodukten wird also mein Rechner - und sicherlich nicht nur meiner - Tag für Tag zugemüllt und ich vergeude wertvolle Zeit mit der Bereinigung.

Das Internet war eine gute Erfindung; in sekundenschnelle kann man auf Informationen zurückgreifen und die neuesten Nachrichten erfahren, was früher undenkbar war. Doch mit dieser Erfindung bekamen auch dubiose und bösartige Elemente Zugriff, die nicht zu fassen sind, denen man nicht Herr werden kann. Die irgendwo im Ausland auf Dumme lauern, um ihnen einen Kick zu verschaffen, im Endeffekt aber nur auf Kohle aus sind.

Tun Sie mir einen Gefallen: Finden Sie selbst einen Schlusssatz. Im Moment bin ich viel zu wütend, mir noch etwas Treffendes einfallen zu lassen. Danke.

 

 

 

 

 

Endlich Schulanfang!

 

 


Ja wer freut sich da denn so? Sind es die Kinder, weil sie ihre Schulfreunde nach langer Zeit wiedersehen oder sind es die Eltern, die nach den sechswöchigen Ferien aufatmen und einen Gang zurückschalten können?

Vielleicht sind es gar die Lehrer, die - nach Urlaub und Vorbereitungszeit - den Kindern (wieder) Manieren beibringen dürfen?

Egal wer, die Schule geht wieder los. Für Einige erstmals, für Andere der ewig gleiche, ungeliebte Trott mit Lernen, Arbeiten schreiben, Hausaufgaben und und und. Für die Einen mit aufwändiger Suche nach den richtigen Klamotten, für die Anderen mit Aufstehen in letzter Minute. Für die einen ohne Frühstück, ohne Pausenbrot,  für die anderen mit liebevoller Betreuung am Morgen und Begleitung zur Schule durch Eltern oder Großeltern.

Für uns war der Schulbesuch in den ersten Jahren herrlich. Wir fühlten uns groß und stolz, hatten den Ranzen schon am Vorabend gepackt und durften uns beim Bäcker ein Rosinenbrötchen oder Ähnliches kaufen. In der ‚großen Pause‘ wartete dann entweder ein Tetrapack mit Milch oder Kakao auf uns. Niemand war ausgeschlossen, auch nicht die Schüler mit weniger begüterten Eltern. Jeder von uns übergab am Monatsende die entsprechende Summe für die Getränke der Lehrerin und jeder hatte etwas zu essen dabei.

Die Eltern schauten darauf, dass keines der Kinder mit hungrigen Augen auf das Essen der anderen schielen musste. Heute ist es leider oftmals so, dass Kinder ungewaschen, mit miefenden Klamotten und vor allem ohne etwas gegessen zu haben das Haus verlassen.  Diese Kinder sind glücklich, wenn sie einmal am Tag eine Mahlzeit bekommen. Sie müssen Suppenküchen und ähnliche Einrichtungen aufsuchen, weil sich niemand um sie kümmert. So weit haben wir es gebracht.

Damals waren Kinder, deren beide Elternteile arbeiteten, die Ausnahme. Sie hatten die Wohnungsschlüssel dabei, wurden - weil es für damalige Verhältnisse ungewöhnlich war - ‚Schlüsselkinder‘ genannt.  Und doch konnte man sicher sein, dass sie versorgt waren. Denn vom Vorabend war immer etwas übrig, das sich diese Kinder aufwärmen konnten.

Bereits zu dieser Zeit gab es Elternabende, zu denen eingeladen wurde. Natürlich wurden - neben dem Lehrplan - auch Fragen zu Ausflügen und Schulfreizeit und die entsprechenden Gelder besprochen. Betrachtet man die heutigen ‚Beiräte‘, hat man den Eindruck, dass sich diese mehr um ihr Image als um greifbare  Notlagen sorgen. Was würde denn dagegen sprechen, setzt sich der engagierte Beirat für Butterbrot, Äpfel und Bananen ein, die in der Pause kostenlos verteilt werden?

Dafür sollte der Beirat Spenden sammeln und nicht minutiös die Ausrichtung der verschiedenen Aufführungen und Festivitäten planen. Wer übernimmt welchen Stand? Welche Farben haben die Tischdecken?  Nehmen wir abwaschbare oder welche aus Papier. Der Vorteil der abwaschbaren … Wie viele Servietten werden wir brauchen? Nehmen wir Gläser oder Plastikbecher? Sollen wir auch auf dem Parkplatz Mülleimer stellen? Wer hilft mit, aufzubauen? Sicherheitshalber nehme ich meinen Werkzeugkoffer mit. Wann sollen wir beginnen? Ich komme später, wir wohnen ja …. Wer backt Kuchen? Bitte ohne Cremefüllung, weil … Bringt jemand Salat mit? Ich habe ein gutes Rezept für einen Schichtsalat… Wer kümmert sich um die Getränke? Sollen wir auch Cola anbieten? Ich werde Würstchen grillen. Schwein oder Rind? Oder vielleicht doch beides? Wer räumt auf? Vielleicht sollten wir uns nochmals treffen, um einen genauen Zeitplan aufzustellen? Und wohin geht die nächste Klassenreise? Die Winterfreizeit? Also mein Kevin kann ja ganz toll skifahren…

Meist tun sich immer wieder die gleichen Personen hervor. Sie haben genügend Zeit und Geld und hoffen, mit ihrem Engagement ihren Kindern zu besseren Noten zu verhelfen. Und natürlich ihr Ansehen herauszustellen. Sie wissen meist alles besser, sind bessere Mütter oder Väter als alle anderen und überhaupt …

Schon im Kindergarten fallen sie (und ihre Kinder) auf. Sie sind es auch, die besorgten Beiräte, die Besprechungen mit einem Limit von zwei Stunden auf vier ausdehnen und dabei Probleme ansprechen und wiederkäuen, die nach längstens fünf Minuten abgehandelt wären. Die ‚Normalos‘ unter den Eltern kommen kaum zu Wort und auch Erzieherinnen oder Lehrer sind schwerlich in der Lage, sie zu bremsen.

Sie meinen, ich würde frech übertreiben? Ich spreche von Elternbeiräten, die ich selbst jahrelang miterleben musste, als meine Tochter noch den Kindergarten und die Schule besuchte. Es war eine Quälerei und für mich der größte Horror, wenn diese Termine anstanden. Und wehe, es hatte einer früher als zum Ende der überaus spannenden und fruchtbaren Diskussionen das Feld verlassen!
Letztendlich glaube ich, dass sich die Elternbeiräte am meisten über den Schulbeginn freuen.
Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Heureka - Die Bundesliga hat wieder begonnen!

 

 


Endlich! Seit Wochen vermisst und heiß ersehnt dürfen wir uns wieder auf die Bundesliga freuen. Das Herz geht auf bei den Gedanken, wieder die mehr oder weniger schönen Trikots - bestenfalls mit  Unterschrift des einzigen, geliebten, besten aller Fußballstars -, Mützchen, Fahnen, Wimpeln oder Bekennerschals aus der heiligen Ecke ziehen zu können.
Endlich dürfen sie wieder fernsehen, unsere entzugsgeschädigten unheimlichen Besserwisser der Szene, die - vor dem kleinen oder großen Kasten, in geselliger Runde oder allein - jede kleinste Regung ihres Vereins lautstark beklatschen und jedes Vergehen des Gegners brüllend und abwertend kommentieren.

Endlich dürfen sie wieder in die Stadien und trötend und pfeifend und grölend ihren Unmut kundtun oder den eigenen Verein trommelnd unterstützen. Das Bier wird in Strömen fließen, der Aufregungsschweiß sowieso, die Straßenbahnen brechend voll sein und einer wird den anderen mit halbgaren Fußballweisheiten übertrumpfen wollen. Ach ja, was für eine Freude.

Und Sie, meine Damen? Was tun Sie mit diesen gewonnenen Stunden? Außer natürlich, Sie begleiten Ihren Göttergatten oder Partner zu den angesagten Spielen. Oder setzen sich zu ihm auf die Couch und lassen - tief ergriffen - Vorberichte und Kommentare, Spiel und Nachberichte mit Kommentaren stoisch über sich ergehen und verwöhnen den Entzugsgeschädigten mit Häppchen und Getränken.

Sie, liebe Leserinnen, dürfen - endlich - wieder aufatmen und das tun, was sie während der fußballarmen Zeit nicht konnten: Entspannen, relaxen, sich verwöhnen, mit der Freundin klönen und shoppen gehen, lesen, Briefe schreiben, Musik hören, in Ruhe telefonieren, schneidern, besondere Rezepte ins eigene Kochbuch schreiben,  mit den Kindern Ausflüge unternehmen, an der eigenen Biographie arbeiten, die Sonne anbeten, im Garten werkeln, spazieren gehen, die Blumen umtopfen, malen, Gitarre spielen, die Wohnung umdekorieren, den Kindern vorlesen, eine Schifffahrt unternehmen, ein Fest besuchen, Gymnastik treiben, ‚Problemzonen‘ enthaaren und und und. Weil Sie Ihren grummelnden oder in sich zurückgezogenen Partner bislang ablenken mussten.

Es gibt so viel, was wir alles erledigen können, wenn die ‚Herren der Schöpfung‘ aus dem Haus sind. Aber - meist meckern wir nur rum, dass sie ‚schon wieder‘ in Sachen Fußball unterwegs sind, vor dem Fernseher hocken, nichts mit uns unternehmen, zu ‚Couchpotatoes‘ versauern, in Kneipen abhängen und nur noch Fußball und nichts als Fußball, Trainerfragen und Spielertransfers im Kopf haben.

Mit betontem Schmollmund verabschieden wir uns von ihnen, bitten, es nicht zu spät werden zu lassen, seufzen resigniert und regen uns darüber auf, dass die Männer einem Hobby frönen, von dem nur die wenigsten Frauen angetan sind oder etwas verstehen. Manchmal treiben wir es mit unserem zur Schau getragenen Unverständnis leider auch auf die Spitze, was unsere Herren nur noch mehr anregt, dem Heim fernzubleiben oder es immer freudenstrahlender zu verlassen.Mit hängenden Schultern sitzen wir da, schauen uns stumpf um, wissen nichts mit uns anzufangen, fühlen uns ‚ins Aus gestellt‘, allein. Vielleicht meinen Sie, das wäre viel zu überspitzt dargestellt. Aber jetzt mal ehrlich: ein Quäntchen Wahrheit steckt doch drin.

Wir sind sauer, weil wir diesen Teil der Männerglückseligkeit nicht verstehen oder nicht nachvollziehen können. Also ist es an der Zeit, dass wir uns ein Hobby suchen, das genau so ausartet wie der jetzt folgende, wochenlange Fußballtaumel.

Es erhebt sich nur die Frage, ob sich die starke Männlichkeit an solch ungewohnten Ausuferungen unsererseits gewöhnen könnte. Wir sollten es auf einige Versuche ankommen lassen. Vielleicht bemerken die Herren irgendwann, dass ihr Gehabe doch ein klitzekleines Bisschen übertrieben ist?

Ich wünsche ihnen viel Spaß bei der Suche nach dem geeigneten Ausgleich.

 

 

 

 

 

Die Teufel schlafen nicht!

 

 


Traurig sein allein genügt nicht. Es genügt auch nicht, seiner Empörung, Ärger und Hass Luft zu machen. Nur - es frisst in einem, es tut weh wenn man wieder von einem vergewaltigten und ermordeten Kind hören muss.
Abgelegt in einem Müllsack, verbuddelt in einem Waldstück, in den Fluss geworfen oder in eine Kühltruhe gelegt - Kinder, haben oftmals nur kurzzeitig einen Wert. Werden sie lästig, könnten sie Verrat begehen, werden sie entsorgt wie Müll.

Kinder wiederum, die von geilen Pädophilen angegraben und missbraucht werden, landen im Internet. Es ist ihre Unschuld, ihre Reinheit, ihre Angst und ihre Wehrlosigkeit, die die Bestien anlockt.
Man könnte nun psychologisch wertvolle Erklärungen einholen, die Rückschlüsse auf das harte und traurige Los dieser Drecksäcke zuließen. Die erklären, warum sie so geworden sind und sie in einem bedauernswerten Licht erscheinen lassen. Doch den Babies, Kindern und Jugendlichen, die in die Hände solch abartiger ‚Menschen‘ fallen, hilft das nicht. Sie sind entweder tot oder nur begrenzt lebensfähig, weil sie sich ständig an die entsetzlichen Momente erinnern werden, denen sie ausgesetzt waren. Es gibt kein Entkommen.

Ein Kind wird geboren, kommt in eine heile Welt mit vier beschützenden Wänden. Heiß ersehnt und geliebt von den Eltern. Es lernt, spielerisch diese Welt zu begreifen, beginnt sich zu artikulieren; der Kindergarten zeigt wunderschöne Möglichkeiten, die Schule lehrt es, zu lesen. Das Kind ist bereit für das Abenteuer Leben. Es erzielt Preise im Sport, stellt Versuche an, liebt die Natur und alles, was da kreucht und fleucht. Geführt von den Eltern entwickelt es sich zu einem unverzichtbaren Mitglied der Gesellschaft. Es hat eine reine Seele, wird von den Eltern beschützt und behütet.

Soweit es nur möglich ist. Denn irgendwo lauert ein freundlicher Nachbar, ein lieber Onkel, eine nette Dame, die eine Bewegung, eine Geste, einen scheuen Blick, den unverfälscht kindlichen Ausdruck erhaschten - und schon ist es passiert. Die ungekünstelte Jungfräulichkeit des Kindes ist es, die es zum Freiwild macht.

Die angeborene und vorgelebte Höflichkeit aber auch die natürliche Neugier lassen es Hinweise und Verbote vergessen. Es wird zum Opfer. Ungläubig, voll von Angst und wehrlos muss es abartige Dinge mit sich geschehen lassen, die ‚normalen‘ Menschen niemals einfallen würden. Und seine Seele schreit. Doch niemand kommt zu Hilfe. Wo ist der Papa? Warum hilft die Mama nicht? Muss ich jetzt sterben? Es tut so weh!

Es muss etwas geschehen! Die Gutgläubigkeit der Kinder und Jugendlichen dürfen nicht ausgenutzt werden. Eltern müssen sich endlich klar werden darüber, dass künftig Maßnahmen gegen derartige Übergriffe ein MUSS sind. Ob sie nun in Kursen in den Schulen praktiziert werden, ob die Kinder in Studios angemeldet werden, die bereits die Jüngeren auf mögliche Überfälle vorbereiten, ist dabei völlig egal. Die Eltern müssen einsehen, dass ein Kurs in Selbstverteidigung in der heutigen Zeit zwingend notwendig geworden ist. Diese - regelmäßigen - Kurse müssen genauso eingeplant werden wie das reizende Balletttraining, die unumgängliche Geigen- oder Klavierstunde, das ehrgeizige Fußballtraining.

‚Hol mal schnell fünf Brötchen vom Bäcker‘ sollten Eltern schnellstens vergessen.
 ‚Es wird schon nichts passieren‘ sind untaugliche Beruhigungstropfen. Denn es passiert schon eine Straße weiter. Nur hundert Meter entfernt.
Ich will keine Panik verbreiten. Ich möchte Eltern sensibilisieren für dieses immer aktuelle Thema. Leider ist die Aufregung nur im Moment eines Fundes groß. Man unterhält sich so lange, wie die Medien sich darüber empören. Dann schläft die Wachsamkeit wieder ein und alles ist wie vorher.

‚Es wird schon nichts passieren‘. ‚Warum sollte ausgerechnet in dieser Gegend so etwas vorfallen?‘ ‚Hier ist noch nie etwas vorgekommen.‘ ‚Jeder kennt hier jeden; wir feiern gemeinsam, alle sind per Du - bei uns doch nicht!‘
Traurig sein und Empörung zeigen - das genügt nicht.
Die Teufel schlafen nicht. Sie warten auf einen geeigneten Moment. Und auch wir sollten nicht schlafen!

 

 

 

 

 

‚Melde dich mal wieder…‘

 

 


Es gibt Telefonate, die man gerne führt. Man greift zum Hörer und telefoniert drauf los. Wie selbstverständlich, als ob man einander erst vor kurzem gesehen hat, fließt der Dialog. Man fühlt sich im wahrsten Sinne verbunden.
Es gibt aber auch Telefonate, die man vor sich herschiebt. Bei denen man von vornherein weiß, dass sie zäh wie ausgelutschter Kaugummi verlaufen werden. Dass man krampfhaft nach Themen sucht, um wenigstens das Gespräch ein paar Minuten im Fluss zu halten. Nach diesen Gesprächen legt man erleichtert, aber unbefriedigt auf. Man hat seine Schuldigkeit getan - mehr ist nicht.
Meine Freundin, mit der ich zeitweise gut und gerne ein bis zwei Stunden telefonieren kann, erzählte mir von einem Telefonat, das sie vor sich hätte und jetzt schon genervt sei weil ein MUSS.
‚Warum musst du?‘, fragte ich sie.
‚Diese Telefonate wurden nach dem Tod meines Vaters zur Pflichtübung. Und nur deshalb, weil mir sein Bruder, sprich mein Onkel, Geld für die Beerdigung geliehen hat. Mir war das ohnehin sehr peinlich und ich hab‘s so schnell wie möglich zurückgezahlt.  Ich weiß nie, was ich mit ihm reden soll, weil er - bis auf seinen Garten - keine Interessen hat. Liest nur die Tageszeitung und schaut Fußball … das war‘s schon.‘

‚Hat er denn keine Kinder?‘
‚Ja, schon. Nur haben die keinen Draht zu ihm. Ist schon traurig, aber er geht auch nicht auf die Menschen zu. Er wartet immer nur, dass die anderen sich bei ihm melden. Und meckert dann, dass sich niemand um ihn kümmert. Mache ich ihm den Vorschlag, dass er sich einem Seniorenclub anschließen soll, meint er doch tatsächlich: ‚Was mach ich denn unter den alten Leuten‘. Dabei ist er selbst schon 76.‘

‚Besuchst du ihn?‘
‚Eher selten. Er hat ein kleines Häuschen, das fast antiseptisch gepflegt ist. Sogar der Keller ist tip-top in Ordnung. Ungemütlich ist es. Nur ein paar Bücher, die noch von Tante Elsbeth stammen, wenige Bilder an der Wand, alles in allem als kalt zu bezeichnen. Steht man vom Sofa auf, rennt er sofort, die Kissen aufzuschütteln.‘
‚Er hat sicherlich eingefahrene Angewohnheiten, die man in der heutigen Zeit nicht nachvollziehen kann.‘
‚Oh ja. Wenn wir beispielsweise etwas gegessen haben, wird - man hat kaum den letzten Bissen geschluckt - der Tisch abgeräumt und das Geschirr gewaschen. Keine zwei Minuten kannst du sitzen und verdauen, alles muss sofort passieren. Es ist so ungemütlich. Und dann hocken wir in der Küche herum und wissen nicht, worüber wir reden sollen. Doch wenn er den Mund aufmacht, politisiert er, erzählt, wie toll es früher war, was er alles mit seinen eigenen Händen geschaffen hat und poltert, dass mit der heutigen Jugend sowieso nichts los ist. Und wehe, ich sage etwas dagegen. Dann fühlt er sich angegriffen und ist tödlich beleidigt. Der Sturkopf ist  auch nicht zugänglich für irgendwelche  Vorschläge. Tante Elsbeth hat es nicht leicht mit ihm gehabt. Alle mussten nach seiner Pfeife tanzen. Selbst beim Möbelkauf hat er  bestimmt, was Sache ist. Um des lieben Frieden Willens hat sie sich nicht gewehrt.‘
‚Das sollte mir passieren - sofort würde ich die Rote Karte zücken.‘

‚Als seine Tochter heiratete, hat er das Menü ausgesucht mit der Begründung, wer zahlt, bestimmt. Wie Tante Elsbeth hat auch meine Cousine sich gefügt. Aber es war ihr so was von peinlich, als dann Suppe, Schnitzel und Schweinebraten und zum Dessert drei Kugeln Eis aufgetragen wurden.‘
‚Und er wundert sich, warum er außen vor bleibt.‘
‚Das ist richtig. Er hat nie die Schuld bei sich gesucht, immer nur getönt, dass alle undankbar wären.‘
‚Am besten ist, du bringst den Anruf schnell hinter dich. Frag‘ ihn halt, wie sein Garten aussieht, ob alles schön blüht, ob die Zucchini groß sind oder ob er viel Unkraut jäten muss. Irgendwas wird dir schon einfallen.‘

‚Du solltest den Garten mal sehen. Er hat sogar die Beet-Trittbretter mit witterungsbeständiger Lasur gestrichen und es ist nicht das kleinste Blättchen Unkraut zu sehen. Eh klar, wenn er nichts anderes zu tun hat. Er müsste unter Menschen, Eindrücke sammeln, sich ein Hobby suchen. Mache ich ihm den Vorschlag, dass er mal in Urlaub fahren soll, dann sagt er, dass er das wegen des Gartens nicht kann.‘
‚Er hat doch sicher Nachbarn, die mal gießen könnten.‘
‚Das schon, aber er will niemandem etwas schuldig sein oder danke sagen müssen. Noch dazu ist der Sturkopf ziemlich geizig. Er gönnt weder sich etwas noch den Kindern oder Enkeln. Seine Schwester besucht ihn ab und zu, sagt immer wieder, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, aber das juckt ihn nicht.‘

Wir diskutierten noch eine Weile, weshalb der Onkel so sperrig ist und was ihn möglicherweise zu solch einem Dickschädel gemacht hat. Dabei kommen wir zu dem Schluss, dass man solch einem Zeitgenossen höchstens mit einem Psychologiediplom in der Tasche beikommen könne.

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Trinken, trinken und nochmals trinken

 

 

Jeder weiß es, die wenigsten tun‘s auch wirklich regelmäßig. Egal, ob in der heißen Jahreszeit oder ob im Winter, der Mensch sollte täglich eineinhalb Liter Flüssigkeit zu sich nehmen.  Minimum!

‚Wenn ich aber keinen Durst habe‘, heißt es entnervt, macht man ältere Menschen auf die Wichtigkeit des regelmäßigen Trinkens aufmerksam.  Da hilft eigentlich nur, sich zu disziplinieren. Denn die Folgen der Austrocknung sind verheerend. Nicht nur, dass der Geist nachlässt, Schwindelgefühle einsetzen und man sich rundum einfach schlecht fühlt, drohen Verstopfung und Infektionen der Harnwege und  - ein nicht zu verachtender Faktor - die Falten werden tiefer. 

Nun gut, wenn ich meine Fältchen betrachte … Also, ich gebe es zu. Mein Getränkekonsum ist nicht unbedingt als immens zu bezeichnen. Ständig steht eine Tasse Kaffee auf meinem Tisch (ich weiß, dass ist niemals, nie und kein Vorbild), doch immerhin wird nach den neuesten amerikanischen, schwedischen oder was weiß ich für Studien nun auch Kaffee zur Flüssigkeitsmenge dazugerechnet. Ab und zu ein Glas Wasser zwischendurch und so komme ich auf geschätzte eineinhalb Liter. Und jeden Abend das gleiche Spiel. Ich stürze mich regelrecht auf die Wasserflasche, weil ich mich - dank sei den Kaffeeröstern - richtiggehend ausgetrocknet fühle. Mit dem nicht unerwarteten Ergebnis, dass ich mitten in der Nacht aufstehen muss.

Also, wenn ich vom Disziplinieren spreche, muss ich bei mir selbst anfangen, sagte ich mir. Und seit ein paar Wochen beginnt mein Tag mit einem Glas Wasser. Kein Sprudel-, sondern stilles Wasser gieße ich in ein Glas und trinke es noch vor dem Frühstück. Das doch tatsächlich auch mehr Vollkornbrote beinhaltet.

Normalerweise sagt man, dass sich der Körper alle sieben Jahre verändert oder so. Das heißt, dieser seltsame Umschwung hätte erst in vier Jahren stattfinden dürfen. Nun, der Meinige hat‘s schon in diesem Jahr, einem innerlichen, unerklärlichen Drang folgend, angepackt und dreht mich in Richtung Rundumerneuerung. Vielleicht hat auch Neptun dafür gesorgt, dass es jetzt schon los geht, wer weiß?

Dabei stelle ich mir vor wie angenehm es für meinen geplagten Körper ist, gesünder zu leben. Viel frische Luft, weniger Fleisch und Wurst, mehr Fisch, Gemüse und Obst (letzteres  habe ich bislang mehr in Form meiner über alles geliebten Marmelade zu mir genommen) und … viel Wasser. Wie das berühmte ‚Ommm‘ sage ich mir täglich, wie gut mir das alles tut, wie wichtig es ist für Gelenke, Knochen, Magen, Milz und sonstige Innereien, wie sich mein Körper freut und mehr. Hört ja niemand, also kann es egal sein was ich mit meinen … Kilos bespreche.

Leider, leider habe ich in meiner Gutfühleuphorie einen Fehler gemacht, der sich nicht rückgängig machen lässt. Ich erzählte meiner Tochter, wie wirksam dieses einfache Wasser-und-gesünder-leben-Konzept ist. Mit dem Ergebnis, dass sie in unseren Telefonaten Besorgnis heuchelnd fragt:

‚Na, hast du heute schon deine Ärmchen getätschelt?‘ oder ‚Was haben dir deine Zehen erzählt?‘ oder ‚Sprichst du wieder mit deinem Bauch?‘ oder ‚Hast du heute schon mit deiner Niere telefoniert?‘.  Kinder können manchmal so gnadenlos sein.

Immerhin fällt mir so einiges leichter. Und auch meine Waage freut sich, dass ihre Feder nicht mehr überstrapaziert wird. Langsam, sehr langsam aber stetig zuckt sie Millimeter für Millimeter in Richtung meines Idealgewichts, dem ich  jahrelang nachgetrauert hatte. Denn wenn ich zwischendurch mal Hunger bekomme, greife ich jetzt zu einem Glas Wasser. Schnittchen, Süßes oder Kekse sind in der Verbannung gelandet. Zwar hat es ein bisschen Kopfarbeit gebraucht, doch nun habe ich gar kein Verlangen mehr danach. Ab und zu abends ein kleines Eckchen Schokolade - das reicht schon.

Manchmal braucht es eine Weile, bis ich etwas verinnerlicht habe. Doch wenn es bei mir funktioniert, dann doch sicherlich auch bei Ihnen!

(Bevor Sie mich mit E-Mails bombardieren: Nein, meinen Zigarillos habe ich noch nicht abgeschworen.)

 

 

 

 

 

‚Thriller‘ - posthum

 

 


Was für ein Ereignis, die Jacko-Anbetung! Mir ist dazu nur noch wenig eingefallen. Keine Frage, dass er unter ‚künstlerisch wertvoll‘ rangiert, dass einige seiner Hits noch lange rauf und runter gespielt werden. Doch dass er nun, da er tot ist, dermaßen in den Himmel gelobt wird, ist für mich nicht nachvollziehbar. Und ich frage: Wo waren all die millionen Fans, als es ihm dreckig ging, als seine Schulden ins Astronomische stiegen? Warum haben sie nicht zu diesem Zeitpunkt seine Produkte gekauft?
Andererseits - manch einer musste erst sterben, um seinen tatsächlichen Stellenwert im Hier und Jetzt zu bekommen.
Man denke beispielsweise an Falco. Seine Musikrichtung war nicht vergleichbar mit Jackos, doch er war - auf seine Art - ebenfalls ein berühmter Vorreiter. Auch sein Tod hat Fragen aufgeworfen und die kurz darauf folgende Veröffentlichung von ‚Out of the dark‘ mit der bedeutsamen Textzeile ‚Muss ich denn sterben, um zu leben?‘ hat viele Fans verunsichert und  sein Autounfall Anlass zu Spekulationen gegeben.
 Sterben Künstler wie der hintergründige Paul Flora, der exzentrische Friedensreich Hundertwasser, der großartige  Schauspieler Herbert Bötticher, der Pantomime Marcel Marceau oder die weltberühmte Choreographin und Tänzerin Pina Bausch, um nur einige zu nennen, stellt man ungläubig fest, dass sie ‚schon so alt‘ waren. Manche glaubten sie bereits verstorben und wunderten sich, dass sie noch unter den Lebenden weilten. Vielleicht, weil sie mit ihrem Verhalten keine (unnötigen) Schlagzeilen produzierten.
Doch nun stirbt ein Michael Jackson mit gerade mal 50 Jahren; ein im Grunde genommen einsamer Mann, der sich allein mit den Schlagzeilen seine Villa in Neverland hätte tapezieren können. Ich habe ihn seit jeher für eine ‚arme Haut‘ gehalten. Für jemanden, der trotz des enormen Erfolges und entsprechenden Reichtums weder mit sich noch mit der launischen Welt fertig wurde. Nicht mit sich, weil er vom Vater auf erfolgsorientiert eingepeitscht wurde, nicht mit seiner  gebleichten Haut, die einen - vermutlich untauglichen -Trennstrich zu seiner Vergangenheit bedeuten sollte. Nicht mit seiner verlorenen Kindheit die er versuchte, durch überbordende Kinderliebe seinerseits wenigstens stückweise zurückzuerlangen. Nicht mit seinen gehäuften Operationen, die ihn im Spiegel nicht den ewigen Jüngling zeigten, sondern eine zu bedauernde, traurige und entstellte Figur. Sein sicherlich nicht billiger Beraterstab hätte ihm schon zu Beginn seiner One-Man-Show davon überzeugen müssen, dass eine Therapie für sein Überleben in diesem alles verschlingenden Business unabdingbar ist.
Nun gibt es auch noch Kinder, an denen herumgezerrt wird. Deren Abstammung in Frage gestellt wird. Deren weitere Schritte und ihr Verbleib von und in der Öffentlichkeit minutiös beobachtet und breitgetreten werden. Arme Würmer, die sich nicht wehren können, die durch diese befremdliche Art der Aufmerksamkeit - wie Jackson selbst - niemals wirklich Kinder sein dürfen.
Der Kult - wie bei Lady Diana -  ist vorprogrammiert. Dank Jacksons Tod im beginnenden ‚Sommerloch‘ hat der Blätterwald nun genug Futter, um dieses gemütlich zurückgelehnt überbrücken zu können. Weitere skandalöse Wahrheiten werden ans Licht kommen, jedes Fitzelchen seines Lebens wird bis zum Erbrechen auf den Prüfstand gehoben, verherrlicht oder angeprangert werden. Der König ist tot - es lebe der König. Auf, zum fröhlichen Jagen!
Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Nur 28.800 Minuten länger!

 

 


Zeitintensiv sei sein Antrag, schreibt der Berliner Rechtsanwalt Stefan Siewert, und dass sich sein Mandant dahingehend orientieren möchte, wie die Vergütung in dieser Angelegenheit sichergestellt werden soll. Betrachtet man den immensen Zeit- und Arbeitsaufwand, den Rechtsanwalt Siewert in dieser außergewöhnlichen Causa bislang hatte und weiter haben wird, ist dieses Ansinnen mehr als gerechtfertigt.

Detlev Bloß ist Rechtsanwalt Siewert unendlich dankbar für dessen Einsatz, ist sicher, dass der Anwalt ihn auch weiterhin unterstützen wird. Obwohl er nicht weiß, woher er das Geld für diesen Einsatz nehmen soll, wo er etwas ‚zusammenkratzen‘ könnte. Denn Bloß hat - außer 800 Euro Krankengeld - keinerlei Einkünfte.

Wozu braucht Bloß unbedingt einen Anwalt? Für ein Verfahren, in dem es um die Anerkennung einer Rente geht, für deren Erlangung Bloß nur 20 Tage länger im DDR-Gefängnis hätte sitzen müssen. 20 Tage länger den willkürlichen Torturen des damaligen Regimes  ausgesetzt, könnte Bloß anstandslos eine monatliche Rente von 250 Euro beziehen.

Doch von Anfang an:
Bloß, ein katholisch geprägter, 22-jähriger junger Mann, nahm am 5. Juni 1978 an einer friedlichen, jedoch nicht genehmigten Demonstration an der Herderkirche in Weimar teil. Die Stasi ließ nicht lange auf sich warten und nahm die Teilnehmer fest. Bloß widersetzte sich, wurde niedergeknüppelt, mit einem Totschläger misshandelt und 160 Tage lang weggesperrt. Die Folgen der Stasi-Behandlung: eine 18 cm lange Narbe am Kopf und … Epilepsie. Schließlich wurde er von der Bundesrepublik freigekauft. Seine Freilassung spielte sich dergestalt ab, dass Bloß eines Tages ziemlich früh nur mit dem, was er auf dem Leib trug, ohne jeden Groschen in der Tasche (und ohne sich von seiner Familie verabschieden zu können) Richtung Gießen ins Auffanglager verfrachtet wurde. Weil ihm bei der Ausreise der Nachweis seiner Krankenpflegerausbildung nicht ausgehändigt wurde, konnte er in diesem Beruf in der BRD nicht tätig werden. So hielt er sich mit diversen Jobs über Wasser und letztendlich nahm er einen Job als ‚Mädchen für alles‘ in einer bayerischen Pension an. Bei freier Kost und Logis arbeitete Bloß mehrere Monate 15 Stunden täglich. Sein Lohn … wurde ihm nicht ausgezahlt. Hilfe suchend wandte er sich an das Sozialamt, sogar an den örtlichen Pfarrer - ohne Erfolg. In seiner Verzweiflung griff der vom Pech Verfolgte in die Kasse, was unheilvolle Folgen hatte.

Denn im Verlauf des Gerichtsverfahrens befand der Richter, dass sich ein Gutachter den Beschuldigten ansehen solle. Dieser diagnostizierte nach einigen Minuten: Der Mann ist schizophren. Die Folge des unheilvollen Gutachtens bedeutete eine weitere Leidenszeit für Bloß, der 1979 auf unbestimmte Zeit in die geschlossene Abteilung des Bezirkskrankenhauses München Haar eingewiesen wurde.

Vollgepumpt mit Psychopharmaka vegetierte der Diabetiker nun fünf Jahre lang unter wahnsinnigen Schwerstkriminellen, bis es 1984 endlich zu einem zweiten Gutachten kam (mehrere Abgeordnete setzten sich für ihn ein), in dem Bloß bescheinigt wurde, dass bei ihm ‚keine Symptome festgestellt werden, die auf eine Schizophrenie hinweisen‘.
Bloß hätte nun endlich anfangen können, zu leben. Doch trotz einer kaufmännischen Ausbildung fand er nur kurzfristige Jobs, wurde von Amt zu Amt weitergereicht. Außerdem hatte sich sein Gesundheitszustand dermaßen verschlechtert, dass er immer wieder stationäre Behandlungen oder Reha-Maßnahmen über sich ergehen lassen musste. Der psychische Druck war und ist enorm, die Finanzen, wie ausgeführt, im Keller.

Sein Antrag auf besondere Zuwendung für Haftopfer gemäß § 17 a (sein Wortlaut ist unten abgedruckt) des Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes (StrRehaG) wurde mit folgender Begründung abschlägig beschieden:

‚Die Voraussetzungen der Mindesthaftdauer (…) von 6 Monaten = 180 Tagen ist bei Ihnen nicht erfüllt. Aus der vorliegenden Bescheinigung … ergibt sich, dass bei Ihnen eine Haftzeit vom 06.07.1978 - 12.12.1978 anerkannt wurde. Die sechsmonatige Frist beginnt somit am 06.07.1978 und endet nach 160 Tagen (12.12.1978). Nachdem diese Mindesthaftdauer nicht erfüllt wurde, liegt bei Ihnen eine Voraussetzung für die Bewilligung der Opferpension nicht vor.‘

Bedeutet dies, dass jemand, der 180 Tage inhaftiert wurde mehr Chancen hat, eine Rente zu erhalten als derjenige der nur 160 Tage Qualen und Folter erleiden musste?

Bloß klagte daraufhin beim Frankfurter Verwaltungsgericht, das die Klage abwies. Nun beantragt er beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof die Zulassung der Berufung. Wann und vor allem wie der Senat entscheidet, ist offen. Detlev Bloß kann nur hoffen, dass nicht wieder die starren Gesetzeslinien zur Anwendung kommen. Sondern dass menschliche Richter dieses Verfahren als besonderen Einzelfall und entsprechend sensibler als die Vorinstanz betrachten.

Dass Detlev Bloß, der heute in Frankfurt-Niederrad lebt, an Depressionen leidet, ist bei dieser Historie nicht verwunderlich. Er hat übrigens - außer einer Rehabilitation und der Entscheidung, dass die ‚Unterbringung‘ nicht rechtens war - bislang keinerlei Entschädigung für den zu Unrecht verordneten psychiatrischen Zwangsaufenthalt erhalten.

§ 17a Besondere Zuwendung für Haftopfer

(1) Berechtigte nach § 17 Abs. 1, die in ihrer wirtschaftlichen Lage besonders beeinträchtigt sind, erhalten auf Antrag eine monatliche besondere Zuwendung für Haftopfer, wenn sie eine mit wesentlichen Grundsätzen einer freiheitlichen rechtsstaatlichen Ordnung unvereinbare Freiheitsentziehung von insgesamt mindestens sechs Monaten erlitten haben. Die monatliche besondere Zuwendung für Haftopfer beläuft sich auf 250 Euro.

 

 

 

 

 

Tag des Kusses!

 

 


Es gibt ihn wirklich, den Tag des Kusses. Und zwar am 6. Juli. International ist er und wird somit weltweit gefeiert; Sie müssen also keinen Flug nach New York zum ‚International Kissing Day‘ buchen, um sich dem schönsten Bakterienaustausch der Welt zu widmen.

Soll ja auch das Immunsystem stärken, so ein Kuss. Zwei, die das offenbar sehr nötig hatten, schafften es fast 31 Stunden lang, ihre Lippen aufeinander zu pressen. Womit sich die Dame wohl das teure Aufspritzen derselben ersparte. 33 Sekunden länger, und sie hätten die 31 Stunden geknackt. Immerhin, die beiden Selbstdarsteller sind mit diesem ‚Kuss‘ 2001 in die Geschichte eingegangen.

Ich meine, bei fast 31 Stunden Show-Lippenpressen vor versammelter Kontrollmannschaft mit stetem Blick auf die Uhr kann mir doch keiner weismachen, dass da großartig Liebe im Spiel ist. (Meinereine hätte bereits nach einigen Minuten das Handtuch geworfen, unabhängig davon, dass ich diesen Rummel überhaupt nicht mitgemacht hätte.)

Es gibt  die verschiedensten Arten von Küssen. Den ersten Kuss zum Beispiel, den man niemals im Leben vergessen wird. Es gibt den leidenschaftlichen Kuss, bei dem man die Welt um sich herum nicht mehr wahrnimmt. Oder den, bei dem sich die Partner wie wild die Rachenmandeln abschlecken.  Es gibt aber auch den zarten Kuss auf Mund oder Wange, der - entgegen der landläufigen Meinung - in seiner Erotik dem Zungenkuss in nichts nachsteht.

Jeder, der sich seinen Sinn für Gefühle und Romantik bewahrt hat, wird gerne küssen. Bis ins hohe Alter hinein.

Es gibt Jugendliche die sagen, dass es ihnen graust, wenn sich ältere Menschen küssen. Für sie ist Alter gleichbedeutend mit Verfall. Sie können sich nicht vorstellen, dass die ältere Generation ‚noch‘ Gefühle hat, mit dem Partner innig umgeht, und dass auch Sex im Alter ebenfalls ‚noch‘ eine wichtige Rolle spielt.

Die Überlegung, dass ihre Eltern und Großeltern körperliche Lust empfinden und sie auch befriedigen - nämlich genauso wie die jüngere Generation - erfüllt sie mit Entsetzen. Fragt man nach, hört man Sätze wie: ‚Nee, das will ich gar nicht wissen‘ oder ‚Ich finde es scheußlich, wenn ich daran denke, was die zwei im Bett miteinander treiben könnten.‘

Eltern und Großeltern tragen diesbezüglich eine Art Heiligenschein, den Gefühle und gar körperliche Lust ankratzen könnten. In ihrer Jugendlichkeit erheben sie den Alleinanspruch auf alle Arten von Romantik, Sinnlichkeit und gegenseitige Berührung. 

Dass ‚die Alten‘ mit ihren faltigen Gesichtern noch innige Küsse austauschen und nach wie vor gerne die nicht mehr ganz so straffe Haut des Partners streicheln, kommt in ihrer Imagination nicht vor, ruft beim Gedanken daran einen verzerrten Gesichtsausdruck hervor. Sie vergessen dabei, dass man bereits Jahre miteinander verbracht hat und es so genannte Schönheitsfehler nicht gibt.

Was soll man dazu sagen? Vielleicht so etwas wie ‚Ihr bleibt auch nicht ewig strahlend schön‘ oder ‚Mit dem Alter hören die Gefühle nicht auf‘? Ignorieren, meine ich. Ganz gleich, was die Jungen denken mögen.

So fand ich auch die ‚peinliche‘ und tagelang angeprangerte Filmszene (‚Mathilde liebt‘) mit der damals 67-jährigen Christiane Hörbiger und Michael Mendel weder verrucht noch abartig, sondern ganz wunderbar und ästhetisch gelungen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Liebesgeschichten um ältere Menschen mag ich sehr gerne. Ich mag es, wenn ältere Menschen ihre Liebe und Verbundenheit auch nach außen hin demonstrieren.

Es ist eine gefühlvolle und gleichzeitig genießende Art, wenn ältere Menschen ihre Liebe zeigen. Spontaneität und Natürlichkeit sind wohl der Schlüssel.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen wunderschönen 6. Juli und viele zärtliche Küsse.

Dazu einige Kuss-Gedanken:

Wo zwei Menschen sich küssen, da schleichen die andern vorüber; wo sie sich prügeln, da stehn alle als Chorus herum.
(Friedrich Hebbel)

Geist wird nie den Mund ersetzen,
der sich feurig küssen lässt.
(Emanuel Geibel)

Eine Seele, die durch die Augen zu sprechen vermag, kann auch mit Blicken küssen.
(Gustavo Adolfo Becquer)
 

 

 

 

 

 

Vorsicht Hundebesitzer Gift im Scheerwald!

 

 


Vor ein paar Tagen kam Anna ins Büro. Ein Blick genügte, und ich konnte erkennen, dass es ihr nicht gut ging.
‚Was ist passiert‘, fragte ich ohne Begrüßung.
Erst konnte sie nicht sprechen, weil sie so aufgewühlt war, dann erzählte sie.

Letzte Woche war sie mit ihrer Highlandterrierhündin im Scheerwald spazieren. Aufgeweckt wie immer lief die Kleine an der langen Leine durch die Gegend, schnüffelte hier, bummelte da. Nach einer Weile kam den beiden ein Mann mit Hund entgegen. Er warnte Anna, dass offenbar Gift ausgelegt worden sei und bereits ein Hund verendet wäre. Sofort wurde Nicki an die kurze Leine gelegt und der Spaziergang weiter fortgesetzt.

Am nächsten Tag begann das Drama. Denn die quirlige Nicki benahm sich nicht wie sonst. Zwar trank sie ein wenig Wasser, wollte ihren Fressnapf jedoch nicht anrühren. Kann ja mal vorkommen, dachte sich Anna und ging weiter ihren Tätigkeiten nach. Als Nicki jedoch unkontrolliert zu zittern anfing und sich hinlegte, begann Anna, sich an die Warnung des Hundebesitzers zu erinnern. Nicki hatte inzwischen kaum mehr die Kraft, ihren Kopf zu heben. Woraufhin Anna sofort mit ihr in die Tierklinik fuhr.

Dort wurde sie untersucht; eine Blutabnahme konnte nicht vorgenommen werden, weil das Blut offenbar äußerst verdickt war. Sie bekam Medikamente sowie Infusionen und sollte zur Beobachtung über Nacht bleiben. Schweren Herzens stimmte Anna zu.  Am nächsten Tag besuchte sie Nicki, der es etwas besser ging. Mittels Röntgen konnte ein kleiner Gegenstand geortet werden, der sich momentan im Darm befand. Dieser wäre vermutlich auch ursächlich für das Blut im Stuhl und man würde auf den natürlichen Abgang warten, meinte die behandelnde Ärztin.  Nicki musste weiterhin in der Klinik bleiben.

Anna sah, dass alles für Nicki getan wurde und ging wieder nach Hause. Doch sie war unruhig, konnte nicht schlafen. Gegen 3.30 Uhr früh wurde sie von der Ärztin angerufen, es würde mit Nicki zu Ende gehen.

Anna raste in die Klinik. Nicki hatte hohes Fieber, erbrach Blut und schließlich starb sie. Was Anna und ihre Familie empfand und weiterhin empfindet, muss ich wohl nicht näher ausführen.

Welche Person tut so etwas? Was ist das für ein ‚Mensch‘, der mit Gift versetzte Hackbällchen in die Gegend streut? Oder mit Nägel oder Rasierklingen versetzte Fleischbröckchen auslegt? Unabhängig von der Möglichkeit der Vergiftung eines Tieres ist es unerträglich daran zu denken, dass dort auch Kinder spielen, die wir nicht anleinen können. Können wir uns darauf verlassen, dass sie immer mit sauberen Händen umherlaufen und unser Verbot beachten, nichts in den Mund zu stecken? Auch wenn wir ihnen das immer wieder vorbeten - es bleibt eine Illusion, bleibt Wunschdenken.

Meine Gedanken zu dieser Unperson mit bemitleidenswertem Niveau schlagen Kapriolen. Ist sie früher einmal von einem Hund gebissen worden? Haben die Eltern bei Vergehen einen Hund auf das Kind gehetzt? Haben möglicherweise Hunde immer wieder vor die Tür dieser Unperson gekackt? Was lässt jemanden zu einem Hundehasser werden? Dazu das Risiko in Kauf nehmend, auch Kinder zu vergiften? Ist es dieser Person überhaupt bewusst, dass  sie Menschenleben gefährdet?

Die Person hat innerhalb eines Monates bereits zwei Hundeleben auf dem Gewissen. Ob sie sich an den Gedanken, wie sich die Tiere gequält haben, welche Schmerzen sie erleiden mussten, aufgeilt? Ob sie weitere solcher verabscheuungswürdigen Taten plant?

Nicki ist inzwischen begraben. Die Familie trauert sehr um das tierische Familienmitglied. Auch der zweite Hund, den Anna vor ein paar Monaten aus dem Tierheim geholt hat, bemerkt, dass seine Spielkameradin fehlt. Immer wieder läuft er suchend umher, ist rührend anhänglich. Er spürt, dass Nicki nicht wiederkommt und die Familie sehr traurig darüber ist.

Nicki, die Anna und ihre Familie neun Jahre lang begleitet hat, ist mittlerweile begraben.
Ich habe mich absichtlich nicht über den Täter oder die Täterin oder über aufkommende Rachegelüste ausgelassen; es würde Nicki nicht wieder lebendig machen.

 

 

 

 

 

Herzensbildung - ist das heute noch ein Begriff?

 

 


Was den Menschen zum Menschen macht, ist Herzensbildung.‘ Ein Zitat, das André Heller zugeschrieben wird und mir zufällig in die Hände fiel.

Weil ich glaube, dass Herzensbildung nur wenigen Menschen zu eigen ist, habe ich dazu ein paar Gedanken zu Papier gebracht. Und weil heute die Devise meistens lautet ‚Hau drauf‘ und Ellenbogen einsetzen. Nachdenken oder Verzeihen? Ein zeitraubender Luxus.

Was bedeutet nun aber ‚Herzensbildung‘? Der heute etwas antiquiert anmutende Begriff hat sicherlich nichts mit dem Herzmuskel zu tun. Nach längerem Überlegen aber vielleicht doch. Je nachdem, wie schnell und aufgeregt das Blut durch unseren Körper pumpt, je nachdem, wie rasch wir eine Situation einschätzen und reagieren, entsprechend kommt unsere Herzensgüte zum Vorschein. Oder auch nicht. Weil vielleicht gar nicht vorhanden oder sturer Egoismus sie blockiert.

Ich meine, Herzensbildung hat etwas zu tun mit der frühesten Kindheit. Das Bündel Herzensbildung wird von den Eltern und Großeltern den Kindern vorgelebt und mitgeben. Es kostet nichts außer vielleicht Geduld. Die geduldige Vermittlung von Einfühlsamkeit und Liebe zur Natur, zu den Menschen, zu sich selbst. Und das hat nichts zu tun mit ‚Heile heile Gänschen‘ und Weichmacheroptik. Das hat auch nichts zu tun mit ‚rechte Backe - linke Backe‘. Nichts mit Einstecken ohne auszuteilen, nichts mit esoterischer Wunderwaffe.

Herzensbildung oder -kultur ist das, was ich - ohne Blick auf eventuelle Gegenleistungen - in mir trage und, ebenfalls ohne jeden Hintergedanken, unaufdringlich gebe und lebe. Herzensbildung ist Güte, die mich täglich anspornt, die - man mag es glauben oder auch nicht - selbstsicher macht. Wird Herzensgüte von Eltern und Erziehern an die Kinder weitergegeben, ist etwaige Problem- oder Konfliktlösung für diese einfacher. Sture Vermittlung von Wissen ohne Blick auf die Herzensbildung bedingt ein Ungleichgewicht und setzt eher Härten frei, mit denen sich schon die Kinder heute herumschlagen.

Um als gebildet zu gelten, braucht der Mensch nicht nur Wissen zu inhalieren und es entsprechend anzuwenden. Er braucht, um ‚echt‘ zu sein, von anderen anerkannt und angenommen zu werden, eine vom Herzen kommende Spiritualität. Vielleicht ist Herzensbildung eine Glaubensfrage, vielleicht ist sie aber auch eine bereits in die Wiege gelegte Emotion, die entweder gefördert wird oder aber brach liegt.

Ich glaube, dass Herzensbildung  nichts mit dem Verstand zu tun hat. Sie drückt vielmehr aus, dass alles Wissen nichts ist, ohne vom Herzen kommende Gefühle oder Emotionen. Gerade bei der Kindererziehung, im sozialen Dienst oder bei der Altenpflege ist die Nächstenliebe der wohl sichtbarste Teil gelebter Herzensbildung. Korrigieren Sie mich ruhig, doch wenn ich in einem dieser Berufe tätig bin und mir jegliche Herzensbildung abgeht, dann bin ich doch fehl am Platz, oder?

Ob man Herzensbildung lernen kann? Vielleicht gibt es Seminare oder Kurse, in denen man an Sichtweisen herangeführt wird, an die man nicht gedacht hat. Die das Gegenüber, seine Wünsche und Bedürfnisse plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lassen. Seminare oder Kurse, in denen man sich auf einmal bewusst wird, dass menschliches Miteinander nur mit Herzensbildung möglich ist.

Nichts liegt mir ferner, als eine Predigt zu halten. Doch vielleicht sollte man sich auch in den Kindergärten, in den Schulen und Betrieben darauf besinnen, dass Mathematik, Sprachen, wissenschaftliche und politische Themen allein nicht genügen, um ein Kind oder einen Jugendlichen zu einem fühlenden und denkenden Menschen heranzuziehen. All diejenigen, die nach einer Bildungspolitik schreien, die auch im internationalen Wettbewerb mithalten kann, sollten das Thema Herzensbildung nicht aus den Augen verlieren.

Vielleicht sollte man es in den Ethik-Unterricht integrieren -als lindernden Kontrast zum Prinzip der Vernunft, für ein menschliches Miteinander und damit eine bessere Welt.

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Vergesst rosa und blau!

 

 


Haben Sie ein Kind? Bekommen Sie in naher Zukunft eines? Planen Sie ein Kind? Sie werden mir sicherlich Recht geben, dass neben einem ansprechenden Kinderzimmer,  einer Wickelkommode und der Wiege oder dem Stubenwagen und der Matratze ein besonderes Augenmerk auf die Kleidung des Babys gelegt wird. Gilt heutzutage noch die Regel ‚Blau, wenn‘s ein Junge wird, Rosa für ein Mädchen‘? Ich denke, man kann sie getrost als antiquiert verwerfen.

Ehrlich und nichts als die Wahrheit: Ich machte mir damals absolut keine Gedanken über Farben oder Modelle. Denn noch bevor das Baby zur Welt gekommen war, hatte ich bereits zwei Kisten voll von Bodys, Hemdchen, Strampler und Schlafanzüge, Mützchen, Söckchen und Lätzchen in allen möglichen Farben - mein ungeborenes Kind war eingedeckt - bis zur Größe 68.

Und damit nicht genug. Kaum war mein Mausekind da, wurde ich mit weiteren schnuckeligen ‚Kleinigkeiten‘ bombardiert. Ich hatte gar nicht so viel Platz, das Zeugs unterzubringen. Eines Tages begann ich, zu sortieren. Nach dem Motto: ‚Die guten ins Töpfchen, die schlechten …‘ - nein, ich hab sie weder gefressen noch weggeworfen -, suchte ich mir die niedlichsten Kleidungsstücke für das natürlich süßeste Baby der Welt heraus.  Den Rest verstaute ich im hintersten Winkel des wunderschönen Schrankes, den mein Mann innerhalb von dreieinhalb schweißtreibenden Wochen aufgebaut hatte. (Nicht mitgerechnet ist dabei der Aufbau des Kinderbettes und der Wickelkommode.)

Mein Baby war ein ruhiges. Wenn ich es anzog, schaute es mich mit großen Augen an. Es war ihm egal, welche Farbe es trug oder von wem das Kleidungsstück war. Hauptsache warm. Und mir waren die Farben auch egal, denn der Winzling sah in grün, braun, gelb oder blau genauso herzig aus wie in gepunktet, gestreift oder mit Rehlein-, Vögelchen- oder Bienchenapplikationen. Mit der Zeit kristallisierte sich ein Strampler in hellbraun mit lachendem Bärenkopf heraus, den ich ihr immer wieder anzog, ein gelber Strampler mit Gänseblümchen und einer mit farbigem Ringelmuster. Das Übel kam, als ich einmal von einer Tante besucht wurde.

‚Na, dir gefällt wohl der schöne Strampler nicht, den ich der Kleinen geschenkt habe.‘Da hatte ich den Salat und kam in Erklärungsnot. Eine Notlüge musste her.

‚Den hatte sie gestern an und ich musste ihn in die Wäsche geben. Sonst hätte ich ihn ihr sicherlich angezogen.‘

‚Und das schöne Lätzchen mit dem Kälbchen drauf?‘

‚Ach weißt du, das nehme ich nur, wenn ich mit ihr spazieren gehe und sie zwischendurch füttere. Zuhause greife ich lieber zu einer großen Stoffwindel.‘

Ob mir die Tante das abgenommen hat? Jedenfalls war mir das eine Lehre.

Denn bei künftigen Besuchen zog ich meinem Kind diejenigen Stücke an, die die betreffende Person geschenkt hat. (Damals funktionierte mein Gedächtnis nämlich noch haarscharf und ich konnte die Kleidungsstücke genau zuordnen.) Somit entging ich peinlichen Fragen.

Im Geiste tat ich bei meiner Tochter Abbitte, denn teilweise musste ich sie in Verkleidungen packen, die ich weniger für sie geeignet hielt.

Was ich viel dringender als Babykleidung gebraucht hätte, wären Windeln gewesen. Aber daran dachte niemand. Ich brauchte kein Babyphon, keine Schnullerkettte, keine 12 Babybodys, aus denen mein Kind sowieso schnell herauswuchs, ich brauchte Windeln. Und die  in rauen Mengen. Doch was wurde geschenkt? Richtig.

Zum Spielen genügte meinem sonnigen Baby damals eine große Stoffwindel. An einer Ecke stand ein Fädchen ab. Dieses suchte Mausekind immer wieder mit ihren Fingerchen zu greifen, und wenn sie müde wurde, krampfte sich ihre kleine Hand um das winzige Endstück, das dann mit dem Daumen in den Mund wanderte. Ich erspare Ihnen zu erzählen, wie ihr Daumen so nach und nach aussah!

Die Zeit war toll, aufregend und jeder Tag angefüllt mit wunderschönen neuen Entdeckungen.

Zur Erinnerung habe ich drei der Lieblingsstrampler aufbewahrt, dazu ein putziges Kleidchen mit hellroten Streifen und Bordüren, einen dunkelblauen ‚Trainingsanzug‘, in dem sie ihre ersten Schritte gemacht hatte, eine Rassel, einen Beißring, die Baby-Haarbürste und … eine Haarlocke. Schnief!

Was ich eigentlich sagen wollte, bis mich die Erinnerung abgelenkt hat, ist folgendes:

Liebe Omas und Opas, Tanten und Onkels, Geschwister, Paten und Freunde. Bevor ihr den Nachwuchs beschenkt, fragt erst die Mütter, was sie wirklich benötigen. Ein Neugeborenes braucht keine 17 Strampler im Schrank. Befriedigt euren Kaufrausch erst, wenn ihr mütterlicherseits grünes Licht bekommt. (Und dann vergesst rosa und blau.)  Legt  ein Sparbuch an und zahlt wöchentlich oder monatlich 10 Euro ein. Und bitte, bei aller Begeisterung setzt ein paar Windelpakete auf die Geschenkliste.

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Himmel und Hölle

 

 


He, du! Hast du heute schon die Nachrichten gehört?‘
‚Nee, hab‘ gerade noch geschlafen. Und was ich alles geträumt habe. Ich war im Himmel.‘
‚Du und im Himmel? Dass ich nicht krächze.‘
‚Doch, kannst mir glauben. Das riesige Tor stand weit offen. Erst hab ich mich gar nicht hinein getraut. Doch dann hat eine Graupapageiendame mit einem Flügel gewinkt. Die hatte vielleicht eine Figur…‘.
Der Alte, der zuerst abfällig schaute, bekam runde Augen.
‚Eine hübsche Graupapageiendame? Die dir gewinkt hat? Warum träume ich so etwas nicht?‘
‚Sie war so zart und ihr Blick schelmisch, ich kam richtig ins Trudeln vor lauter Liebe auf den ersten Blick.‘
‚Ja und was war dann? Erzähl doch schneller!‘

Doch der junge Graupapagei wollte sich nicht drängen lassen. Er erlebte seinen Traum nochmals, langsam und genüsslich, wiegte seinen Kopf bedeutungsvoll auf und ab. Er ließ den Alten ein bisschen schmoren.

‚Nun, ich muss gestehen, ich habe Stielaugen bekommen. Und das hat die Dame bemerkt. Gelächelt hat sie und weiter gewinkt, bis ich allen Mut zusammengenommen habe und durch das Tor zu ihr geflogen bin. Ich sage dir, der Papageienhimmel ist ein Traum. Grün, soweit die Augen sehen können, das herrlichste Wasser, die schönsten Früchte und Nüsse. Nicht so wie hier, wo du gerade mal eine Stange oder einen kleinen Ast zum Sitzen hast. Oder wo du nur zu bestimmten Zeiten was zu essen bekommst. Nein, überall stehen die verschiedensten Bäume mit kleinen Sitzgelegenheiten, wenn du deine Ruhe haben willst. Oder mit größeren Plätzen, wenn du mit anderen Gräulingen palavern willst. Herrlich, sage ich dir. Und das Essen erscheint wie von Zauberhand. Kaum denkst du ‚Nüsse‘, liegt vor dir eine riesige Auswahl an verschiedenen Nüssen. Kaum denkst du ‚Obstsalat‘, steht eine Schüssel mit den schmackhaftesten Früchten vor dir. Du kannst fliegen, wohin du willst und solange du willst. Es ist herrlich.‘
Der Alte seufzte.

‚Wenn ich dran denke, dass wir abends immer in den Käfig müssen … Eingesperrt werden wir, als ob wir was anstellen würden in der Nacht. Nur weil ich bei dir zu Besuch bin und Babsi und Michael denken, dass wir was anstellen würden. Na ja gut, einmal konnte ich nicht schlafen und bin in der Wohnung herumspaziert. War gar nicht so schwer, die Käfigtüre aufzuhebeln. Auf dem Fußboden lagen so schwarze, dünne Lianen herum und ich wollte mal ausprobiert, wie die schmecken. Babsi und Michael haben ja keine Ahnung, was ich nachts alles so verdrücken könnte.‘

‚Wem sagst du das.‘

‚Na ja, da hab ich mich halt vor lauter Hunger über diese dünnen Lianen hergemacht. Aber egal, wo ich hinein gehackt habe, da wollten sich nur kleine Stückchen lösen. Und die sind mir dann richtig schwer im Magen gelegen.
Ich kann mich noch erinnern, was für ein Theater die beiden am nächsten Tag gemacht haben. Kabel hat der Michael diese Dinger genannt. Und geflucht hat der!‘ Wegen dir muss ich jetzt alles verstecken, hat er geschimpft und wollte mich schon zu meiner Edith zurückbringen.

Glücklicherweise hat ihn Babsi gebremst. Obwohl sie sich auch sehr geärgert hat. Du hast nämlich versucht, aus dem Bierglas zu saufen und es dann auf den Boden geschmissen. Die Porzellantasse mit dem Espressorest hast du auch zerdeppert vor lauter Gier.
Selbstbewusst reckte sich der Alte.

‚Selber schuld, kann ich nur sagen. Hätte sie am Abend vorher aufgeräumt, wäre ich gar nicht in Versuchung gekommen. Bei meiner Edith kann mir das nicht passieren. Die hab ich gut erzogen. Und wenn ich was angestellt habe, hilft ein bisschen schmusen und alles ist gut. Ich hab schon wieder Hunger. Lenk mich mal ab. Wie ging denn dein Traum weiter?‘

‚Also, die Dame ist mit mir zu einem riesigen, sehr gepflegten Nest geflogen. Ich hab mich schon auf ein nettes Zusammensein mit ihr gefreut. Hab‘ mir auch schon überlegt, was ich ihr alles zuflüstern werde und mich gefühlt wie 65.‘
‚Als ob die acht Jahre Unterschied etwas ausmachen würden.‘
‚Du mit deinen 92 hast wohl die Weisheit gepachtet, oder was? Aber hör weiter zu. Ich inspiziere unter allen möglichen Liebesbekundungen der Dame das saubere Nest. Und was glaubst du, muss ich entdecken?‘
‚He, jetzt mach‘s nicht so spannend.‘

‚Die hatte doch tatsächlich zwei kleine Eier in einer Ecke versteckt. Ich war starr. Konnte mich kaum bewegen vor lauter Schreck.‘

‚Und was hat sie gesagt?‘

‚Gar nichts. Hat mich weiter umschwärmt und Küsschen gegeben und ‚Ich liebe dich‘ geflötet. Bisher wusste ich nichts von Schweiß, aber der ist mir dann doch ausgebrochen. So schön die Dame auch war, ich wollte nur noch weg. Der Himmel war mit einem Mal die Hölle für mich. Und dann hast du mich glücklicherweise aufgeweckt.‘

Der Alte rückte näher an den Jungen heran.
‚Also, auf solch einen Himmel können wir gut verzichten. Denk‘ nicht mehr dran.  Es war nur ein Traum. Obwohl der erste Teil deines Traumes sehr schön war. Komm, ich kraule dir das Köpfchen.‘
‚Ach Mausebärchen, du bist mir doch der Liebste …‘

 

 

 

 

 

Muskelschwund dank Technik

 

 


Silvia, Brigitte und ich hatten es nach Monaten endlich geschafft, einander zu treffen. Immer wieder verschoben wir unseren Frauenklatsch, weil jede von uns mit irgendwelchen Terminen ‚zugeschüttet‘ war. Wie bekommen die Männer das eigentlich auf die Reihe?

Nun, wir tratschten geschlagene zweieinhalb Stunden bei Kaffee und Kuchen, später ging‘s bei Handkäs und Ebbelwoi weiter.

Alles, was uns einfiel, wurde auseinandergenommen. Wir giggelten und kicherten und benahmen uns teilweise wie Teenager. So verbrachten wir eine sorglose Zeit, genossen die Aussicht und freuten uns über das Beisammensein.

Silvia redete sich eine kleine Ärgerlichkeit von der Seele:

Vor einigen Tagen mähte ein Nachbar sein Stückchen Wiese hinter dem Haus. Das zu mähende Rasenstück misst - mit den großzügigen Augen einer Frau gemessen - rund 20 Quadratmeter. Überschaubar, ohne besondere Rundungen oder aufwändig zu stutzenden Kanten. Nach Silvias (laienhafter) Meinung ein relativ schnell zu mähendes Stückchen Natur. Nur, Herr Nachbar machte eine Wissenschaft daraus. Vielleicht wollte er auch ins Guinness-Buch der Rekorde eingehen als der langsamste Rasenmäher Europas, wer weiß.

Nun, er mähte mit den neuerdings überall hörbaren Rasenkantenschneidern. Dabei schlich er, das Gerät im Zeitlupentempo vor sich her pendelnd, über das Fleckchen Wiese. Hatte er eine Länge abgemäht, legte er ein Päuschen ein, betrachtete stolz sein Werk und fing dann an, mit dem Rechen das geschnittene Gras zu entfernen. Danach begann er mit der nächsten Länge und so weiter und so fort. Dieser Vorgang dauerte rund eine Stunde, die für Silvia (sie arbeitet von Zuhause aus) letztendlich nur mit Ohrenstöpsel zu ertragen war.

Der Nachbar ist ungefähr ihres Alters (also rund um die 50), weder gebrechlich noch krank. Weshalb vergeudet er für dieses „Handtuch“ von Wiese erstens Strom und belästigt zweitens die Nachbarn während der Ruhezeit? Reden kann man mit dieser mittleren Reife nicht, meinte Silvia, dies würde zu einem Tobsuchtsanfall führen. 

Sie dachte, ein althergebrachter, mechanischer Rasenmäher würde es auch tun bei der mickrigen Größe. Dabei könnte der gute Mann wenigstens ein paar Minuten seine Muskeln bewegen, was ihm bei seiner Wampe sicherlich gut täte. Und leiser wäre der Mechanische allemal.

Dazu meinte Brigitte, dass es auch diese lautstarken Gebläse gibt, die im Herbst das Laub ohne Anstrengung auf einen Haufen blasen. Komisch, sagte sie, dass die Männer bei dieser Art von Tätigkeit ins Schwitzen kommen. Früher gebrauchte man einen Rechen. Das hat zwar ein bisschen länger gedauert, machte aber keinen Lärm und war außerdem kostenlos gesund.

Mir fiel eine Reihe von Errungenschaften ein, die unter anderem meiner Großmutter oder meiner Mutter den Alltag versüßen sollten.

Ich erinnerte mich, dass meine Großmutter sofort einen Zwiebelhacker kaufte, als der in Mode kam. Begeistert benutzte sie ihn genau vier Mal, dann verschwand er im hintersten Winkel des Küchenkastens. Denn mit dem Messer schnitt sie die Zwiebeln nicht nur schneller, die Zwiebelstücke schauten auch gleichmäßiger aus. Außerdem nervte sie das Reinigen des Gerätes.

Desgleichen der Kräuterschneider oder wie das Ding hieß. Endlich nicht mehr mit dem Messer hacken, meinte Oma. Nachdem sie die gewaschenen Kräuter in die  Öffnung gesteckt und an der Kurbel gedreht hatte, merkte sie, dass zu viele Reste an dem Gerät hängen blieben, das heißt, beim Abwaschen flossen zu viele  Kräuterstücke in den Gully. Also griff sie schnell wieder zum guten alten Wiegemesser.

Meine Mutter wiederum musste unbedingt eine dieser großartigen amerikanischen Küchenmaschinen haben. Mittels des Motors (auf den verschiedene Aufsätze passen) konnten sowohl Mixgetränke und Suppen zubereitet werden, während man andererseits einen Staubsauger daran anschließen konnte. Nicht gleichzeitig natürlich. Ja, ich weiß, ist schon ein Weilchen her. Auch dieses Ding wurde eine Woche lang eifrig benutzt, bis es im Keller sein unrühmliches Ende fand.

Und wo landen die Gemüsehobel mit ihren 14 Schneidemessern, die - wie von Zauberhand - Schnittchen, Obst und Gemüse in 28 verschiedene Formen schneiden? Genau.

Silvia, Brigitte und ich waren uns einig, dass etliche Geräte überflüssig sind. Man glaubt, dass sie die Arbeit erleichtern und kauft, weil man unbedingt das Neueste im Schrank haben möchte. Meist landen die Geräte dort  für sehr, sehr lange Zeit. Ganz weit hinten, wo einem der Fehlkauf nicht so schnell ins Auge sticht. Oder sie werden verschenkt, vielleicht für eine Tombola gespendet. Ein bisschen seine Muskelkraft zu gebrauchen spart doch den Gang ins Fitness-Studio. Und Strom. Und schont den Geldbeutel. Und macht weniger Lärm.

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Shocking Blues

 

 


Vorletzten Samstag las ich es. Einmal. Sicher ein Irrtum. Nochmals. Das darf doch nicht wahr sein! Und ein drittes Mal machte ich mich langsam, Wort für Wort  über die Zeilen her. Schwachsinn hoch Drei, rief ich, knüllte die bildende Zeitung zusammen und verkroch mich verstimmt in meinem Lesesessel.

Langer Rede kurzer Sinn: Pro7 will Ben Hur neu verfilmen. Es schüttelt mich. Mindestens 15 Mal habe ich sowohl im Kino als auch im Fernsehen dieses ergreifende Epos verfolgt. Den Film über Freundschaft, Liebe, Hass und Verzeihen so oft gesehen, mitgelitten und geweint. Immer wieder aufs Neue. Und werde es weiterhin tun. Aber sicherlich nicht werde ich mir  dieses 22,5 Millionen teure Nachahmungsstück reinziehen, das sowieso nicht an das Original herankommen wird.

Denn Charlston Heston in seiner Rolle als Prinz des Hauses Hur war und bleibt einmalig. Markant. Ohne Schnörkel und Brimborium. Der damals 36-jährige Heston mit den stahlblauen Augen, dem kantigen Kinn, den je nach Situation mehr oder weniger mahlenden Kieferknochen und der Statur eines Michelangelo-Werkes war Ben Hur. Niemand sonst wird es je sein können.

Desgleichen Stephen Boyd als feuriger Messala. Der Bösewicht, durch dessen Zutun Ben Hur versklavt wird. Durch den er auf die Galeeren kommt.  Ebenfalls ein g’standenes Mannsbild, dem jedoch  fanatische Obrigkeitstreue, Machtgier und Eifersucht das Genick brechen. Allein die Szene nach dem Wagenrennen, als der zerfetzte Messala nach Ben Hur schicken lässt…
Ben Hurs Hiflosigkeit, als er Mutter und Schwester sucht. Als er erfährt, dass sie – mit Lepra behaftet – in einer Aussätzigenhöhle vor sich hin siechen. Die Eindringlichkeit aller Schauspieler war  unvergleichlich.

Und das soll remaked werden?

Ich las etwas von einem Joseph Morgan. Wessen Rolle der wohl übernehmen soll? Schaue ich in das Gesichtchen des blondgelockten Jünglings, bleibt mir ob dieser Wahl die Spucke weg. Das kann doch nur ein Irrtum sein. Eventuell könnte ich mir – möglicherweise, unter Umständen, bestenfalls, in sehr ferner Zukunft - Brad Pitt in Hestons Rolle vorstellen. Der hat ja auch schon den großen Alexander versucht darzustellen oder den Achilles. Doch auch der ist mir nicht ausdrucksvoll und gleichzeitig einfühlsam genug. Russel Crowe? Harrison Ford jedenfalls ist zu alt, Bruce Willis zu kahl. Liam Neeson möglicherweise?

Antonio Banderas wäre eine entfernte Möglichkeit für die Darstellung des Messala. Oder Johnny Depp. Die könnten es sein. Möglicherweise. Doch das würde sicherlich die Produktionskosten sprengen.

Meine Güte, wieso mache ich mir Gedanken um das neue Filmchen? Na ja, ich bin halt sehr, sehr skeptisch und sehe schon über 22 Millionen in den Gulli fließen. Meiner Meinung nach sollten die Verantwortlichen das Geld lieber gleich an Bedürftige verteilen.

Ben Hur als Fernsehfilm in Raten auf Pro 7. Ich weiß nicht, ob Sie meine Erschütterung verstehen. Wie wird das Wagenrennen gedreht werden und in welcher Kulisse? Und die Seeschlacht? Ach ja, ich vergaß. Wir befinden uns im High Tech Zeitalter, wo das kein Problem mehr bedeutet. Wie haben frühere Generationen es hinbekommen, ohne die heutigen Ausstattungen und Möglichkeiten dermaßen emotionsgeladene und spannende Filme zu drehen?

Ich frage mich, wieso man diesen mit elf Oscars gekrönten Monumentalstreifen um Glauben, Hoffnung und Liebe unbedingt neu verfilmen will? Wozu sollte das gut sein?

Wollte man beispielsweise ‚Quo vadis?‘ neu besetzen – wer außer damals Peter Ustinov als geistesgestörter Kaiser Nero - könnte diese Rolle so ‚echt‘ spielen?

Schon ‚Krieg und Frieden‘ als Fernsehfilm war eine Zumutung. Ein ermüdender Abklatsch des Originals mit Audrey Hepburn, Henry Fonda und Mel Ferrer. Allein die Randfiguren waren hervorragend besetzt und jeder nahm man ihre Rollen ab. 

Liebe Leute - DAS GEHT NICHT! Zeigt ein bisschen mehr Respekt vor Altem, Bewährtem und haltet nach anderen interessanten Drehbüchern Ausschau. Versucht euch nicht an solchen Originalen, die ihr sowieso nicht toppen könnt. Eine schmerzhafte Bauchlandung ist euch sicher. Oder habt ihr zuviel Geld zur Verfügung?
Dann macht euch lieber einen Namen, indem ihr Sozialprojekte unterstützt oder notleidende Künstler.

Tut mir Leid, dass es wieder mal Sie getroffen hat. Ich war einfach völlig von der Rolle, als ich die Ankündigung las. Erst mal schauen, wie der neue Ben Hur wird, meinen Sie?  Ich stelle mir vor, dieser neue Ben Hur wird genauso unter die Haut gehen, wie wenn man ‚Doktor Schiwago‘ mit dem Kein-Ohr-Hasen Till Schweiger neu besetzen würde.

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Grausam, grausamer, am grausamsten

 

 


Es pocht. Es klopft. Wird immer beharrlicher. Plötzlich ein bohrender Schmerz. Im Kopf beginnt es zu hämmern, der Schmerz zieht sich bis zum Ohr. Dann den Halsmuskel hinunter. Das ist nicht gut. Das ist überhaupt nicht gut. Eher sehr schlecht, denke ich und stürme ins Badezimmer. Mund aufgerissen, Zähne betrachtet - nichts zu sehen. Zähne gebürstet, Schmerztabletten eingeworfen. Nach kurzer Zeit ein Aufatmen. Der Schmerz wird dumpf, hört auf. Na bitte. War sicher nur ein Kekskrümel.

Der ganze Zinnober wiederholt sich; immer öfter tuckert es irgendwo im Gebiss. Der Schmerz ist nicht so richtig zu orten. Und endlich reife ich zum Telefon. Ich überlege, wann ich das letzte Mal … ‚Ach, Sie waren ja schon ein Jahr nicht mehr bei uns.‘ Ich bin in Erklärungsnot, lasse es dann aber lieber bleiben. Was soll das Drumherumgerede auch bringen? Es ist, wie es ist.

Ich bin überaus ruhig. Bis zum Termin ist es noch ein paar Tage. Doch je näher er rückt, desto nervöser werde ich. Und dann ist es soweit. Nette Begrüßung und wieder der Hinweis darauf, dass ich schon lange nicht … Weiß ich doch. Habe schon genug ein schlechtes Gewissen. Und riesigen Bammel. Doch mutig reiße ich den Mund auf. ‚Ganz locker, nicht so verkrampft.‘

Und schon beginnt die Zahnärztin, in meinen empfindlichen Zähnen herumzustochern. Wegen des Mundschutzes sehe ich nur ihre Augenpartie. Das reicht. Ihre Augenbrauen schieben sich mal nach rechts, dann wieder nach lins. Ich schließe meine Augen, um ihren vorwurfsvollen Blick nicht sehen zu müssen. Sie gibt einen unverständlichen Buchstaben- und Zahlenwirrwarr an die Helferin weiter. Ich  verkrampfe mich. Sie greift zur Spritze. Ich zerknülle zwei Taschentücher zwischen meinen hysterischen Fingern. Was sie erklärt, rauscht an mir vorbei. Die Spritze wirkt. Der Bohrer surrt. Laut, wie eine überdimensionale Schnake. Nimm dich zusammen, sage ich mir. Du spürst doch gar nichts. Ich öffne die Augen, schaue Hilfe suchend auf das Bild vor mir an der Wand. Es hängt nur da. Ist zu nichts zu gebrauchen. Meditieren. Ommmm. Doch die Gedanken führen ein Eigenleben, meine Konzentration beschränkt sich auf das Surren des Bohrers. Mein Kopf drückt immer tiefer in das Kopfteil des Liegestuhls. Flucht ist unmöglich. Mein Magen krampft. Meine Atmung wird flach. ‚Verwenden Sie Zahnseide?‘ Na klar, aber ich kann nicht reden. Ein gekrächztes ‚Ah‘ mit entsprechend ehrlichem Augenaufschlag ist die Antwort. ‚Und das Bürstchen?‘ Die Zahnärztin nimmt den Bohrer aus meinem Mund. Ich nicke zur Bestätigung. Habe das Gefühl, dass mein Mund auf doppelte Größe gewachsen ist. ‚Welche Zahnbürste verwenden Sie?‘ Ich sitze eindeutig vor der heiligen Inquisition. ‚Die Ultraschall von … Genau die, die hier steht.‘Die Zahnärztin lässt von der Helferin etwas zusammenmischen. Stopft es in den vorbereiteten Krater. ‚Sie müssen besser …‘

Das glaube ich jetzt nicht. Ich putze zwei Mal täglich fünf Minuten. Manchmal auch drei Mal nach faserigem Essen. Ich bürste. Ich verwende Zahnseide. Ich spüle mit ätzendem Spülmittel, das mir durch den beharrlich scheußlichen Geschmack das Essen verleidet. Das sollte nicht reichen? Die Zahnärztin zeigt sich trotz aller Beteuerungen nicht zufrieden.

Immerhin hat meine Ganzkörperverkrampfung nachgelassen. Sie fordert mich auf, ein paar Mal mit den Zähnen auf das Blaupapier zu klappern. Bereitwillig tue ich alles, was sie von mir verlangt. Nochmals sirrt der Bohrer. Diesmal ein anderer. Sie schleift ein wenig ab, lässt mich nochmals mit den Zähnen klappern. Dann bin ich erlöst. Kurzer Freudentaumel, der gebremst wird durch: ‚Lassen Sie sich einen weiteren Termin geben. Zur Zahnsteinentfernung.‘

Hilfe. Das ist ja genauso grausam wie die heutige, relativ kurze Bohrorgie.

‚Und dann müssen wir die Krone da hinten abmachen. Die sitzt locker.‘

Also noch ein Termin nach dem Termin.

‚Und die uralte Füllung daneben muss raus. Wie lange sitzt die schon da drinnen?‘

‚35 Jahre‘ sage ich nach kurzer Nachdenklichkeit.

Damals war ich bei einem greisen Zahnarzt, der - wenn ich mir das heutige Equipment ansehe - noch mit Hammer und Meisel gearbeitet haben muss. Ohne Betäubungsspritze! Ein brutaler Schlächter. Aber immerhin - die Füllung hat großartig gehalten. Niemals hat mir dieser Zahn Probleme bereitet. Doch genau nach diesem einen einzigen Zahnarztbesuch begann der innerliche Horror vor Zahnärzten Blüten zu treiben.

Ich verabschiede mich von einer lächelnden Inquisition, trabe gehorsam Richtung Tresen. Vereinbare den nächsten Termin. Bin erschöpft, aber auch erleichtert.

Insgeheim schwöre ich, nie wieder so viel Zeit bis zum nächsten Zahnarztbesuch vergehen zu lassen. Mein Magen knurrt. Doch er darf zwei Stunden lang nicht arbeiten. Ich will nicht an den nächsten Zahnarztbesuch denken. Trotzdem kreisen meine Gedanken nur um die grausamen Bohrgeräusche. Und einen möglichen Schmerz. Ich muss die Zahnbürste zukünftig in einem anderen Winkel halten. Alles, was sie will, denke ich. Man fühlt sich so elendig klein und hilflos auf dem Zahnarztstuhl mit all den bohrenden, zerrenden, spitzen Marterinstrumenten vor Augen. ‚Der Marathonmann‘ kommt mir in den Sinn. In einer Woche wieder …

 

 

 

 

 

Schluss mit lustig!

 

 


Bin ich froh, dass es wieder einige Aufregungen gibt, die uns Krisengebeutelte ein wenig Ablenkung bieten. Allen voran die Schweinepest, die  - hoffentlich nicht - in eine Pandemie ungeahnten Ausmaßes wuchern könnte. Von Vogel zu Schwein zu Mensch zu Mensch sucht sich dieses intelligente Virus seine Wirte aus und wirbelt das Weltgefüge durcheinander. Momentan, während ich diese Zeilen verfasse, wurde von der WHO Sicherheitsstufe 4 ausgerufen. Bei 6 ist Schluss. Und was dann? Schon schade, dass der Feind unsichtbar ist…

Ich will jetzt nicht ausufern und Szenarien herbeireden, die es in dieser oder ähnlicher Form schon mal gegeben hat.

Mich bewegt etwas anderes. Oder vielleicht doch nicht?

Jürgen Klinsmann wurde entlassen. ‚War ja auch Zeit‘, werden einige erleichtert ausrufen. Es wird aber sicherlich eine Handvoll Fans geben, die sich einen Verbleib des Nichttrainers gewünscht hätten. Ich gehöre jedenfalls dazu. Nein. Hilfe! Bitte jetzt keine faulen Eier werfen.

Klinsmann kam zum FC Bayern und wollte - zuviel. Man muss sich dabei vorstellen, dass ein Fußballer einfach nur spielen will. Ball hin und her, vor und zurück, mit rechts und/oder links getreten, mit Kopf oder auf gut Glück. Ein Fußballer hat kein Interesse an Deutschstunden, an irgendwelchem Benimm-Unterricht. Spielzüge lernen, (vertretbare) Fouls lernen, Grimassen schneiden lernen und gut ist. Ob sich ein Spieler vor der Kamera verständlich ausdrücken kann, ist so nebensächlich wie Tatoos wichtig sind.

Nun, Herr Klinsmann hat sich auf seine Art für die Bayern aufgerieben, doch vielleicht hat er den Fehler gemacht, seine Intelligenz zu sehr herauszustellen. Und hat damit die Spieler nicht erreicht.  (Aber immerhin, der sympathische Toni, der Luca, kann nach einem Jahr ein paar Bröckchen deutsch radebrechen.) Der höflich lächelnde Trainer versuchte und probierte. Der Boykott der Mannschaft zeigte, was sie von ihm hielt. Wobei auch ich mich nach wie vor frage, warum der offensichtlich gescheiterte ‚Versuch‘ mit den Herren Lell und Ottl so lange dauern konnte.

Nun wird ein neues - altes - Kapitel in der Bayern-Geschichte aufgeschlagen. Auf den ungeliebten jungen dynamischen Philosophie-Trainer (‚Lehrling‘) mit Ideen folgt - zeitlich begrenzt - ein alter Haudegen (‚Fußballlehrer‘). Der wird der Mannschaft nun den fehlenden Respekt einflößen. Keine Fisimatenten mehr, jetzt wird endlich fußgeballt, wie es sein soll. Und zwar so, dass die angebetete heilige Schale wieder nach Bayern kommt. Dank Jupp (Josef) Heynckes werden die kleinen Rädchen in den Köpfen der Spieler, die Hitzfelds Nachfolger nur langsam bis überhaupt nicht in Bewegung setzte, jetzt ganz und gar anhalten. Nackter Sieg wird gefordert, ohne Schnickschnack und Drumherum. Ein Sieg für Bayern, ein Sieg für Hoeneß, ein Sieg für Rummenigge, ein Sieg für Beckenbauer und letztendlich ein Sieg für Heynckes - macht insgesamt fünf und dann müsste der Sack zu sein. Vielleicht, in einer guten Minute, denken die Spieler auf das zurückhaltende Einpeitschen des geschassten Trainers zurück. Und vielleicht kommen sie auf den Trichter, dass nicht alles, was er von ihnen verlangte, schlecht war.

Denn jetzt steht vor ihnen ein Mann, der mit starker Hand das sinkende Erfolgsboot in Richtung Siege lenken wird. Wenigstens für ein paar Wochen. Wir werden sehen, ob sich seine Gesichtsfarbe der - zeitweise ziemlich gefährlichen - von Uli Hoeneß anpassen muss.

Dieser Mann hat, wenn ich das Morgenmagazin richtig verfolgt habe, auch ein größeres Hundchen. Und dieses hat … schon was gemerkt. Ist ihm - dem Heynckes Jupp -  immer hinterher, hat seinen Kopf am Bein …

Und dann der (sinngemäß wiedergegebene) üble Schenkelklopfer: Vielleicht sollte der Hund auch mit aufs Spielfeld und so den Spielern Beine machen!

Die einen werden sich bei dem Spruch nichts gedacht, sondern nur gelacht haben. Andere wiederum werden gesagt haben: ‚Das wäre genau das Richtige‘. Aber einigen Wenigen wird der hirnlos vorgebrachte Sager doch ziemlich sauer aufgestoßen haben.

Denn in unserer dunkelschwarzen Geschichte gab es abgerichtete Blondis, die sich auf minderwertiges Leben gestürzt und es zerfleischt haben. Gedankenlos witzig Dahingesagtes kann schon sehr zum Grausen sein. Viele werden jetzt sicherlich meinen, dass ich aus einer Mücke einen Elefanten mache. Tue ich das?

Ich schließe meine Zeilen mit dem Wunsch, dass die Schweinegrippe sich nicht ausbreiten möge. Klinsi Klinsmann wünsche ich ein spannendes neues Betätigungsfeld. Den Bayern-Spielern wünsche ich eine Runde intensives Meditieren und viele Tore (ich meine natürlich solche, die sie selbst ins Eckige schießen).

Und Ihnen und mir wünsche ich eine schöne, angenehme Woche ohne Hiobsbotschaften.

 

 

 

 

 

Viele - nicht alle!

 

 


Habe ich schon gesagt, dass es sehr lange Zeit braucht, bis ich explodiere? Kurz und gut, es ist passiert. Die sonnigen Tage holen sie nämlich aus ihren Löchern. Diejenigen, die glauben, sich auf der Straße, dem Gehweg oder Trottoire oder Bürgersteig alles erlauben zu dürfen. Und die einen dann ein freches Mundwerk anhängen, wenn man sich von ihnen bedrängt fühlt. Von wem die Rede ist? Sie ahnen es sicherlich. Ich meine die lieben Radfahrer. Von einer Impertinenz, die ihresgleichen sucht, radeln sie - natürlich gegen die Einbahn, was ja dank der schauderhaften politischen Einstellung erlaubt ist - mitten auf der Straße, nicht seitlich. Weil beidseitig vollgeparkt, muss Autofahrer abbremsen, um die gedankenlosen Zeitgenossen vorbeifahren zu lassen. Oder hinter absichtlich zuckelnden Fahrradfahrern herfahren, bis sich eine Überholgelegenheit ergibt.

Vor ein paar Tagen kam mir doch tatsächlich eine Radfahrerin - mitten auf der Straße fahrend - entgegen. Ihr ohnehin schon hochrotes Gesicht hielt sie der Sonne entgegen und schloss dabei genüsslich die Augen. Ich meine, im Straßenverkehr hat diese Art von Sonnenanbetung nichts zu suchen.

Ein weiteres Beispiel für die Ignoranz dieser Spezies: Auf Bürgersteigen, wo sie absolut nichts zu suchen haben, drängeln erwachsene Radfahrer durch Fußgänger. Die natürlich auszuweichen haben. Selbst im Gedränge wursteln sie sich mit Klingeln und frechem Gehabe durch. Und wehe, man springt nicht augenblicklich zur Seite. Nicht nur die Jungen tun das, auch ältere Mitbürger quälen die Fußgänger frei nach dem Motto: ‚In meinem Alter darf ich das, weil schlecht zu Fuß und wegen des Einkaufs …‘.
Den Hammer schaffte eine junge Mutter. Die Ampel wird grün, die Autos setzen sich in Bewegung und plötzlich - sie war vorher nicht zu sehen - biegt die junge Frau, ohne zu schauen und seelenruhig aus einer Einbahnstraße kommend in großem Bogen in die Hauptstraße ein. Hinten drauf ein Kleinkind. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte die ‚sorgende Mutter‘ vom Fahrrad gerissen und durchgebeutelt. Das einzig sichtbare mütterliche Plus war, dass das Kind einen Helm trug. Können Sie sich vorstellen, wie es mir nach dieser Aktion ging? Woran denken die ach so armen und - natürlich zu Unrecht - gescholtenen RadfahrerInnen eigentlich?
Ich war jedenfalls so aufgewühlt und zornig, dass ich mich jetzt hier abreagieren muss.

Brandgefährlich und absolut nervend sind auch die Gruppenfahrer, die - zu zweit oder zu dritt nebeneinander herfahrend - ihre Schwätzchen halten müssen.

Viele Radfahrer sind heute einfach nur auf Konfrontation aus. Ich sage bewusst viele, nicht alle. Gehen Sie doch mal am Main spazieren, dann wissen Sie, wovon ich rede (die rasenden Skater lasse ich jetzt mal bewusst außen vor). Oder man geht im Wald spazieren und findet sich plötzlich - im letzten Moment durch schrilles Klingeln gewarnt - erschreckt im Graben wieder. Wild gestikulierend und den Kopf schüttelnd rasen die freiheitssuchenden Naturliebhaber an einem vorbei. Und was ist, wenn diese tumben Ignoranten mal auf einen gehörlosen Menschen stoßen? Oder auf jemanden, der sich nicht so schnell bewegen kann?
Selbst an den Ampeln kommen Fußgänger oft in Bedrängnis. Denn für viele Fahrradfahrer bedeutet es einen ‚Kick‘, gerade bei roter Ampel weiterzufahren oder die Straßen auf gefährliche Weise zu kreuzen. Darauf angesprochen, reagieren sie ziemlich ungehalten. Sie diskutieren andere, selbst die Polizei in Grund und Boden, weil ihnen offensichtlich das Unrechtsbewusstsein fehlt und das Wissen, dass die StVO auch für sie Geltung hat.

Auf ihrem oftmals kaum verkehrstauglichen Drahtesel bewegen sie sich wie auf einem hohen Ross und gefährden unüberlegt ihre Mitmenschen (und sich).
Zudem sind ausgewiesene Radwege für sie uncool. Es macht doch viel mehr Spaß, Autofahrer zum großräumigen Ausweichen zu nötigen.
Sie reihen sich auch nicht hinter wartenden Autos ein, sondern fädeln sich - mehr oder weniger geschickt - nach vorne und verschwinden dann. Ob sie dabei ein Auto streifen oder zerkratzen, juckt sie nicht.

Vor einigen Jahren beobachtete ich mal einen Unfall. Autofahrer fuhr langsam weil Straße eng und starker Gegenverkehr. Straße machte einen kleinen ‚Schlenker‘ und plötzlich tauchte rechts ein Radfahrer auf. Trotz Vollbremsung des Autofahrers krachte der Depp ins Auto. Weil er nicht auf die Straße schaute und - weil er nicht auf dem einwandfreien Radweg fuhr. Obwohl ihn keinerlei Schuld traf, hatte der Autofahrer die üblichen polizeilichen Scherereien und zusätzlich einen langen Kratzer an der rechten Seite. Den übrigens der arme Radfahrer nicht zahlen konnte. Wie gesagt, Radweg ist uncool.

Übrigens müssen Fahrradfahrer seit gestern mit Bußgeldern rechnen, wenn sie eine rote Ampel überfahren (100 € und ein Flensburger Punkt). Fehlen beispielsweise Reflektoren, funktionieren die Bremsen nicht richtig oder die Klingel, kann das je 10 € pro festgestelltem Mangel kosten. Informieren Sie sich bei den Aktionswochen in der Innenstadt, die bis zum 30. April und vom 4. bis 8. Mai stattfinden.

Also, liebe Radfahrer. Bitte nehmt ein bisschen mehr Rücksicht. Immerhin seid ihr auch Vorbild für Kinder (die ja oftmals gerne die Großen nachahmen).

Oder sehen Sie das anders?

 

 

 

 

 

Eine altersgemäße Stärke

 

 


Vieles verschwimmt, manches wird sogar unsichtbar. Manchmal ist es auch von Vorteil, nicht alles zu sehen. Als aber irgendwann das Gesicht meines Gegenübers nur mehr schemenhaft zu erahnen war und die Buchstaben in weiter Ferne  Purzelbäume schlugen, dachte ich schon daran, mir ein neues Nasenfahrrad zuzulegen. Doch denken und handeln sind bekanntlich zwei verschiedene Paar Schuhe. Bei einem Einkauf - ich hatte damals fast schon nutzlose Brille vergessen - war ich nicht mehr in der Lage, ein Preisschild zu entziffern. Also griff ich in einem Teeladen (!) zu einem der vorgefertigten Teile. Ich war glücklich, wieder sehen zu können. Nur beim Lesen hatte ich ein klein wenig Schwierigkeiten. Ich redete mir ein, dass ich meine Augen nur mehr trainieren müsse und dass sich das kleine Gebrechen irgendwann geben würde. Meine Güte, so alt bin ich ja noch nicht. Wie man halt manchmal so bescheuert denkt.
Eigentlich … bin ich ja nicht besonders eitel. Doch tagtäglich und immer eine Brille zu tragen, ist nicht mein Ding. Ich zögerte den Gang zum Optiker so lange hinaus, bis ich beim Lesen meine Arme nicht mehr länger ausstrecken konnte. Es wurde ziemlich ungemütlich. Und das war dann endlich der Zeitpunkt, einen Fachmann aufzusuchen. Dabei musste ich feststellen, dass mein letzter Besuch beim Augenarzt bereits sechs Jahre zurück lag. Sechs Jahre, die wie im Flug vergangen sind.
 

Ich habe nachgelesen, was seit damals geschah. So marschierten beispielsweise in 2003 US-Truppen im Irak ein. Im August herrschte eine Hitzewelle, die viele Todesopfer forderte; Möllemann kam bei einem Fallschirmsprung ums Leben, Saddam Hussein wurde festgenommen und Gregory Peck, Katharine Hepburn, Jonny Cash, Will Quadflieg, Günther Pfitzmann und Charles Bronson starben.

2004 wurde Horst Köhler zum Bundespräsidenten gewählt. Tschetschenische Terroristen stürmten eine Schule in Beslan, nehmen 1.200 Geiseln. Bei der Befreiung wurden 340 Menschen getötet. George W. Bush durfte noch eine zweite Amtszeit ‚regieren‘ und Jassir Arafat starb. Zahlreiche Menschen kamen in diesem Jahr durch Terroranschläge, Explosionen und Bombenattentate ums Leben. Bereits damals gab General Motors bekannt, dass europaweit 12.000 Arbeitsplätze, davon 10.000 allein in Deutschland gestrichen werden sollen. GM sollte nur eines von vielen weiteren Unternehmen sein, die Ankündigungen dieser Art machten. Die Herzogin Anna Amalien Bibliothek in Weimar brannte und der durch ein Erdbeben verursachte Tsunami tötete rund 230.000 Menschen. Was für ein fürchterliches Jahr.

Als Papst Johannes Paul II im Jahr 2005 starb, wurde Joseph Ratzinger zum neuen Papst Benedikt XVI. gewählt. Auch Fürst Rainier III. von Monaco starb. Bundeskanzler Schröder stellte im Deutschen Bundestag die Vertrauensfrage (die er natürlich verlor) und Angela Merkel wurde die erste Frau an der Spitze Deutschlands. Hurrikan Katrina richtete in New Orleans schwere Schäden an.

Ephraim Kishon, Rudolf Mooshammer, Max Schmeling, Brigitte Mira, Maria Schell, Hans Clarin, Simon Wiesenthal und Hanns Dieter Hüsch starben.

In 2006 wurde Saddam Hussein hingerichtet; Israel und die Hisbollah im Libanon beschossen sich mit Raketen und in Nordkorea testete man erstmals eine Atombombe. Dann war da noch Emsdetten; das Spielchen ‚Unternehmen werden übernommen, gekauft oder verkauft‘ setzte sich unaufhaltsam fort. Beim Einsturz der Eislaufhalle in Bad Reichenhall starben 15 Menschen. Deutschland wurde  - Jubel Jubel - Dritter bei der Fußball-WM und Michael Schumacher beendete seine Karriere als Formel 1-Rennfahrer. Es starben Johannes Rau, Rudi Carell, Elisabeth Schwarzkopf, Rainer Barzel, Glenn Ford, Robert Altmann und Gerald Ford.

2007 wurde die Rente ab 67 verabschiedet (eine supertolle Traumentscheidung); Horst Köhler lehnt Christian Klars Begnadigung ab; Benazir Bhutto starb bei einem Attentat. Es gab schwere Naturereignisse durch Zyklone, eine erneute Hitzewelle und natürlich Orkan Kyrill. Boris Jelzin, Horst Michael Neutze,  Carl Friedrich von Weizsäcker,  Jörg Immendorf, Jupp Derwall, Ingmar Bergmann Ulrich Mühe und Luciano Pavarotti starben.

2008: Der Kuckuck wurde Vogel des Jahres (ob das mit dem desaströsen Wirtschaftsjahr zusammenhing, an dem wir noch lange Zeit zu knabbern haben werden, kann dahingestellt bleiben). Der Kosovo löste sich von Serbien, Medwedew löste Putin ab und Ypsilanti löste sich langsam in Luft auf. Carla Bruni heiratet Nicolas Sarkozy (oder umgekehrt). Es starben Edmund Hillary, Ivan Rebroff, Charlton Heston, Sidney Pollack, Pinkas Braun, Paul Newman und Eartha Kitt.

So viel ist passiert in diesen sechs Jahren und endlich kann ich die Chroniken - dank meiner neuen Brille mit ‚altersgemäßer‘ Sehstärke Plus Plus Plus ohne Probleme nachlesen (man kann sich ja nicht alles merken).

Auch wenn Sie die Sitzerei beim Augenarzt oder beim Optiker als zeitraubend empfinden, empfehle ich Ihnen (Erfahrung macht klug), Ihre Augen alle zwei Jahre untersuchen zu lassen. Ob Sie dadurch allerdings einen politisch-welt- und wirtschaftlichen Durch- oder Weitblick erhalten, bleibt abzuwarten.

 

 

 

 

 

Purzel und das bemalte Ei

 

 


Langsam begannen die Zweige der uralten Buche zu treiben und winzige grüne Blätter kamen zum Vorschein. Und so wie sich die Buche der Sonne entgegenstreckte, herrschte auch an ihrem Fuße, im kleinen Dörfchen Zwerglandia, eifriges Treiben. Denn nach dem langen und kalten Winter wurden schon die ersten Sonnenstrahlen genutzt, weil vieles ausgebessert werden musste. Von einem der Häuschen waren einige Dachschindeln gefallen, beim anderen wiederum mussten die Fensterläden festgenagelt werden, beim dritten Häuschen quietschte die Tür ganz fürchterlich, vor dem nächsten wurden die Steinplatten erneuert, weil sie der Frost aufgerissen hatte und so weiter und so fort. Lautes Hämmern und fröhliches Rufen war zu hören und der Uhu raufte sich seine Federn, weil er nicht schlafen konnte bei all dem Lärm.

Auch die Zwergenfrauen waren nicht untätig. Sie schrubbten und putzten und kochten und backten den ganzen Tag. Eine nähte neue Vorhänge für die Wohnstube, die andere stickte an einer Tischdecke und die nächste stand in einer Staubwolke, weil sie kräftig den Teppich ausklopfte. Fenster wurden geputzt und aus zarten Birkenzweigen kleine Kränze geflochten.

Die Zwergenkinder waren natürlich in der Schule. Sie redeten aufgeregt durcheinander. Doch der Lehrer verschaffte sich schnell Ruhe. ‚Meine lieben Kinder‘, sagte er, ‚Samstag Nacht feiern wir ein wunderschönes Fest. Wer kann mir sagen, was wir feiern?‘

‚Wir feiern Ostern‘, piepste eines der Zwergenkinder aufgeregt weil es sich freute, länger aufbleiben zu dürfen.

‚Richtig. Und deshalb holt jetzt eure Malsachen heraus. Hier in diesem Korb sind ausgeblasene Eier. Jeder nimmt sich ein Ei und bemalt es vorsichtig. Purzel, du holst die Gießkanne und füllst vorher schnell die Wassergläser auf.‘

Purzel hatte natürlich nicht aufgepasst. Malen und Zeichnen machten ihm sonst zwar großen Spaß, nur heute nicht. So starrte er sehnsüchtig aus dem Fenster, wollte viel lieber draußen im Freien spielen. Wie schön wäre es, wenn ich jetzt zu dem kleinen Bach gehen und Rindenschiffchen fahren lassen könnte. Oder einen Damm bauen. Nur, wie komme ich unbemerkt da hin? Mama wird merken, wenn ich meine Stiefel anziehe und dann wird sie sagen, dass es dafür noch zu kalt ist. Purzel seufzte.

‚Sag einmal Purzel, hast du mir nicht zugehört?‘ Die anderen Zwergenkinder lachten und Purzel bekam einen roten Kopf. ‚Du sollst die Wassergläser füllen‘, flüsterte sein Banknachbar. Purzel sprang auf, schnappte sich die Gießkanne, stolperte über seine Füße und verschüttete das Wasser. Wieder lachten ihn die Kinder aus. ‚Geh zum Brunnen und hol frisches Wasser‘, brummte der Lehrer.

Das gefiel Purzel. Rasch lief er aus dem Schulhaus. Zum Brunnen waren es nur ein paar Schritte. Daneben stand ein voller Eimer Wasser. Purzel füllte langsam die Gießkanne. Nur einmal kurz in den Brunnen schauen, sagte er leise. Vorsichtig schaute er sich um, doch niemand kümmerte sich um ihn. Nun wollte er sich am Brunnenrand hochziehen, doch Purzel war zu klein. Also leerte er den Eimer aus, drehte ihn um und stieg darauf. Ja, so geht‘s. Purzel schaute in die Tiefe, konnte aber nichts erkennen.

‚Juhu‘, rief er in das tiefe Loch. ‚Uhu uhu‘, schallte es zurück. Das machte Spaß. Purzel beugte sich weiter vor. ‚Hallo, ich bin Purzel‘.

‚Und ich bin dein Vater‘, hörte er eine tiefe Stimme hinter sich. Und schon wurde er vom Brunnenrand hochgehoben. ‚Weißt du eigentlich, wie gefährlich das ist, was du hier machst? Wieso bist du nicht in der Schule?‘

Purzel war so erschrocken, dass er zu stottern begann. Langsam erzählte er seinem Vater von dem verschütteten Wasser. Dass er nicht aufgepasst hatte, verschwieg er natürlich.

‚Nimm die Gießkanne und ab in die Schule mit dir.‘ Mit hängendem Kopf ging Purzel. Der Lehrer wartete schon auf ihn. ‚Na, was hat denn so lange gedauert?‘ fragte er. Purzel versuchte nicht mal eine Entschuldigung. Er füllte die Wassergläser, holte sich eines der Eier und begann zu malen. Komisch, dachte er nach einer Weile, irgendetwas stimmt nicht mit dem Ei. Doch da ihn der Lehrer beobachtete, tauchte er den Pinsel ins Wasser, matschte in den Farben herum und zog einfach ein paar Striche und Punkte. Er schaute sein buntes Ei an und entdeckte einen weißen Fleck. Was soll ich denn da hinmalen? Er klopfte leicht auf den Fleck und überlegte angestrengt. Plötzlich hörte er ein leises ‚Tock‘. Dann nochmals ‚Tock‘. Das ist wie beim Brunnen. Mein Ei gibt ein Echo. Er hielt es an die Lippen. ‚Hallo‘, flüsterte er. ‚Tock tock‘ kam es zurück, und nochmals ‚Tock tock.‘

Plötzlich knackte es und auf dem Ei zeigte sich ein kleiner Riss. Mit beiden Händen hielt  Purzel nun das Ei von sich weil er nicht wusste, was er davon halten sollte. Noch einmal knackte es und Purzel konnte ein winziges Loch erkennen, das sich langsam vergrößerte. Nun kam der Lehrer auf ihn zu, weil ihm Purzels seltsames Verhalten aufgefallen war. ‚Purzel, ich glaube, da war noch ein unausgeblasenes Ei im Korb. Und das hast ausgerechnet du erwischt. Kinder, jetzt passt mal auf, was passiert.‘ Neugierig stellten sich die Zwergenkinder um Purzel auf.

Langsam streckte sich ein winziger gelber Schnabel durch das kleine Loch in der Schale. Wieder knackte es und  mit einem Mal sprang ein Stück der Eischale ab. Aus dem Loch schob sich der verwuschelte Kopf eines kleinwinzigen Kükens, das von all der Anstrengung nur ein müdes ‚Piep‘ von sich gab.

‚Wenn du willst‘, sagte der Lehrer, ‚darfst du das Küken mit nach Hause nehmen‘. Die anderen Zwergenkinder beneideten Purzel. Der hielt das zerzauste Federbällchen in seinen Händen und trug es vorsichtig nach Hause.

Zu Hause bemerkte Purzel, dass die Zwergenmutter ein kleines Körbchen mit dem ersten Gras ausgelegt hatte. Dort hinein setzte er das piepsende Küken, deckte es mit einem flauschigen Handtuch zu und trug es durch Zwerglandia spazieren.

Jedem Zwegenmann und jeder Zwergenfrau, die Purzel traf, erzählte er die aufregende Geschichte. Und bald redete ganz Zwerglandia über Purzel und Piepsi (so hatte er das Küken nämlich genannt). Vom Anglerzwerg erhielt Purzel Würmer, vom Müllerzwerg die kleinsten Körner, die er an Piepsi verfütterte.

Als in der Nacht von Samstag auf Sonntag Zwerglandia Ostern feierte, fand Purzel neben Piepsis Körbchen ein weiteres, angefüllt mit bunt bemalten Eiern. Mutter und Vater Zwerg mussten lachen, als er vorsichtig eines nach dem anderen heraus nahm, an die Lippen hielt und flüsterte: ‚Hallo, ist da wer?‘ Doch Piepsi sollte die einzige Überraschung dieser Art bleiben und Purzel feierte mit seiner Familie ein lustiges Osterfest.

Und wenn sie nicht gestorben sind … dann gibt es irgendwann wieder einmal eine Geschichte über Zwerg Purzel aus Zwerglandia.

Ein fröhliches Osterfest mit vielen bunten Überraschungen und guter Laune wünscht Ihnen Ihre Elvira M. Gordon-Pusch

 

 

 

 

 

Unsterbliche Weggefährten- Joseph Haydn

 

 


Liebe Leserinnen und Leser,
anlässlich des heutigen Geburtstages von Joseph Haydn und des 200. Todestages, den wir am 31. Mai begehen, möchte ich Ihnen heute die Geschichte dieses Genies, das immer ein bisschen im Schatten Mozarts stand, etwas ausführlicher näher bringen.
Am 31. März 1732 wurde (Franz) Joseph Haydn in Rohrau (Niederösterreich) als Sohn musikalische Eltern geboren. Von den 12 Kindern überlebten gerade mal sechs (darunter Michael Haydn). Daher verwundert es kaum, dass Joseph Haydn bereits mit sechs Jahren zu einem entfernten Verwandten nach Hainburg kam. Dieser, ein Schuldirektor, gab ihm auch Musikunterricht. Dort wurde er vom musikalischen Direktor der Chorknaben St. Stephan entdeckt und nach Wien mitgenommen.
Neun Jahre sollte Haydn Sängerknabe bleiben. Doch er fand die Behandlung nicht gut und auch die Essensrationen durften nicht besonders groß bemessen gewesen sein. Immerhin startete er schon damals erste Kompositionsversuche, wurde dann aber wegen des Stimmbruchs (und weil er einem Chorknaben den Zopf abgeschnitten haben soll) entlassen. Nun war er obdachlos und musste sich mit Gelegenheitsarbeiten (als Musiklehrer und Geiger in Orchestern und verschiedenen Ensembles) über Wasser halten.
Glücklicherweise wurde er vom kaiserlichen Hofpoeten dem italienischen Komponisten Niccola Porpora empfohlen, der ihn unterrichtete.

Er schrieb Streichquartette sowie eine Oper und langsam wurde seine Arbeit anerkannt.

1759 halfen weitere Empfehlungen (diesmal von Christoph Willibald Gluck und Karl Ditters von Dittersdorf), und Haydn wurde Kapellmeister bei Karl Graf Morzin in der Nähe von Pilsen. Seine Geldsorgen war er damit nur für einige Zeit los, denn leider musste das Arbeitsverhältnis wegen finanzieller Probleme des Grafen bald wieder gelöst werden.

Doch mit der folgenden Anstellung (im Livree) bei Fürst Esterházy in Eisenstadt kam endlich die ersehnte Wende in Haydns Leben. 1761 wurde er zweiter, 1766 erster Kapellmeister, wobei Haydn nicht nur die Leitung des fürstlichen Orchesters übernahm, sondern auch die Aufführung von Kammermusik, Arrangements von Opern und das Verfassen von Kompositionen. Fürst Esterházy spielte selbst gerne bei Konzerten mit.

In diesen Jahren entstanden zahlreiche seiner Kompositionen. Und irgendwann überkam ihm auch die Liebe. 1760 heiratete Haydn die Tochter eines Friseurs. Nur: Maria Anna hatte keinen Sinn für Musik. Außerdem zeigte sie sich herrsch- und streitsüchtig. Kurz gesagt, die Ehe war unglücklich und blieb kinderlos.

Mittlerweile auch in der Öffentlichkeit populär, wurden 1779 seine Symphonien erstmals in Frankreich aufgeführt.

Mit Mozart, von dessen Schaffen Haydn tief beeindruckt war, verband ihn ab 1781 eine enge Freundschaft. Er trat auch dessen Freimaurerloge bei.

Die rund 30 Jahre bei Fürst Esterházy endeten abrupt, als  Fürst Nikolaus, sein Mäzen, 1790 starb. Der unmusikalische Nachfolger löste kurzerhand das Orchester auf und schickte Haydn in Pension. Daraufhin erhielt dieser ein Angebot, seine Sinfonien mit großem Orchester in London aufzuführen. Das begeisterte Publikum stürmte in die Konzerte und Haydn überlegte, die englische Staatsbürgerschaft anzunehmen. (Von seiner zweiten Englandreise, wo er Werke von Georg Friedrich Händel hörte, nahm er Ideen für ‚Die Schöfung‘ und ‚Die Jahreszeiten‘ mit).

1791 erhielt er von der Universität Oxford das Ehrendoktorat. Ein Jahr später kehrt er nach Wien zurück. Weil die Esterházys nun ein musikalisches Oberhaupt an der Spitze hatten,  komponierte er wieder für die Familie. Wegen seiner außerordentliche Erfolge in London wurde Haydn sogar das Gehalt großzügig aufgebessert. Zudem unterrichtete er einige Musikschüler, darunter auch Ludwig van Beethoven (der von seinem Lehrer jedoch nicht so begeistert gewesen sein soll).

1798 wurde Haydn zum Mitglied der königlich schwedischen Akademie ernannt. Doch langsam verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Er erhielt viele Ehrungen (die große goldene Salvatormedaille der Stadt Wien, er wurde Ehrenmitglied der Philharmonischen Gesellschaft in Laibach und der zu St. Petersburg, Ehrenbürger von Wien und zum Mitglied des Pariser Conservatoire berufen), doch er konnte nicht mehr komponieren. Letztmals erschien er bei der Aufführung von ‚Die Schöpfung‘ am 23. März 1809.

Am 31. Mai 1809 (nach dem französischen Sturm auf Wien) starb Joseph Haydn in seinem Haus in Wien.

Zu seinen Werken zählen die berühmten Oratorien ‚Die Schöpfung‘ und ‚Die Jahreszeiten‘, die ehemalige Kaiserhymne (deren Musik in der deutschen Hymne Verwendung fand), die ‚Pariser‘ Symphonien, die ‚Theresienmesse‘, die ‚Schöpfungsmesse‘, die ‚Symphonie mit dem Paukenschlag‘ oder die ‚Abschiedssymphonie‘, um nur einige wenige zu nennen.

Übrigens: Um Haydns Bestattung rankt sich eine wahrhaft schaurige Geschichte. Wegen der Eroberung Wiens durch Napoleons Truppen sollte Haydn so rasch wie möglich (am Hundsturmer Friedhof in Wien) beigesetzt werden. Die fürstlichen Esterházys hatten seinen Tod mehr oder weniger ignoriert. Erst rund 11 Jahre später erinnerte sich Fürst Nikolaus II. an den genialen Bediensteten und erwirkte eine Exhumierung.

Der Leichnam sollte nun pompös in die Bergkirche zu Eisenstadt verlegt werden. Doch wie groß war das Entsetzen, als das Grab geöffnet wurde und man feststellen musste, dass der Schädel fehlte! Es blieb nichts anderes übrig, als das Skelett ohne Schädel nach Eisenstadt zu überführen. Der Fürst schaltete jedoch die Kriminalpolizei ein. Und die fand bald die Frevler.

Es handelte sich um Schüler des Schädelforschers Gall, die Haydns Musikalität anhand von Schädeluntersuchungen beweisen wollten. Nach dem makabren Polizeibericht hatten Josef Carl Rosenbaum, ein Sekretär Exterházys, sowie Johann Peter, Verwalter des Provinzialstrafhauses in Wien und zwei höhere Beamte einen Totengräber bestochen, kurz nach der Beerdigung das Grab zu öffnen und der Leiche den Kopf abzutrennen. (Dieser wurde dann präpariert, konserviert und aufbewahrt.)

Um die Kriminalisten zu beruhigen, wurde ihnen ein Schädel aus der ‚Rosenbaum-Sammlung‘ übergeben und in Haydns Sarg gelegt. Aber: es handelte sich nicht um den von Haydn. Darauf kam man jedoch erst später.

Rosenbaum nämlich vermachte den Schädel seinem Freund Peter. Dieser sollte ihn dem Musikkonservatorium übergeben. Doch Peter hatte Angst vor einer Bestrafung. Weder er, noch später dessen Witwe übergaben die Reliquie dem Wiener Musikkonservatorium.

Es brauchte noch den langen Weg über Peters Hausarzt, einen Pathologen und auch noch dessen Söhne, bis schließlich 1895, nach langen Streitigkeiten, Haydns Schädel seinen Platz in der Gesellschaft der Musikfreunde fand. Und dort wurde er noch einige Jahre still verehrt.

Als Dr. Paul Esterházy für das herausragende Genie ein kleines Mausoleum in der Eisenstädter Bergkirche anfertigen ließ, dachte wohl jeder, dass nun alles zu einem guten Ende käme. Es sollte allerdings noch bis zum Jahr 1954 leer bleiben, weil sich die Musikfreunde vehement gegen die Herausgabe des Schädels ihres geliebten Meisters wehrten.

Doch dann konnte in einem großen Festakt - nach immerhin 134 Jahren - Haydns Schädel mit seinem Skelett vereinigt werden und so das unvergessliche Genie endlich seine verdiente Ruhe finden.

Da 2009 in Österreich zum Haydn-Jahr ausgerufen wurde, finden dort zahlreiche Kammer- und Orchesterkonzerte, Matineen, Soireen und Feste statt. Auch Deutschland, Tschechei, Belgien, Ungarn oder die Slowakei ehren den Meister mit vielen Veranstaltungen.  Joseph Haydn - international - humorvoll - religiös - stürmisch - eindringlich - unvorhersehbar - meisterhaft!

 

 

 

 

 

Fröhlich ohne Grund

 

 


Die Sonne scheint. Zwar ist es sehr kalt, doch das tut meiner Laune keinen Abbruch. Schon um acht Uhr früh habe ich einem Freund, der sich bereits längere Zeit nicht bei mir gemeldet hat, eine E-Mail geschrieben. Dank Bruder Sonne habe ich ein freudiges Gefühl in mir, das ich als richtiggehend explosiv beschreiben könnte. Ich hoffe, es geht Ihnen ähnlich.

Neben der unerklärlichen Freude formt sich ein Gedanke - doch ohne jede Bitterkeit: Einmal nur an mich denken - so könnte ich dieses Gefühl beschreiben. Einmal tun und lassen können, was mir gefällt. Ohne Rücksicht auf die Befindlichkeit anderer den Koffer packen und weg. Irgendwohin. Und dort, im Irgendwo, nur sitzen und schauen. Mit jeder Faser genießen. Nichts denken, nur in vollen Zügen das fremd gewordene Leben inhalieren.

Ich glaube, durch die Hektik des Alltags haben wir vergessen, wie wunderschön die einfachsten Dinge sind. Unser Perfektionismus treibt uns an den Rand des Zusammenbruchs. Wir sind wie ausgehöhlt, gleichen im täglichen, immer wiederkehrenden Ablauf gleichförmigen Robotern. Von unseren Träumen ist nichts geblieben. Alles ist auf Geldverdienen ausgerichtet. Die Medien schüren mit aggressiver Verbissenheit unsere Ängste, uns morgen kein Stück Brot mehr leisten zu können. Butter sowieso nicht. Diese Angst verfolgt uns auf Schritt und Tritt, sie zerfrisst uns innerlich. Es gibt kein Entkommen.Und da ist plötzlich diese unbestimmte, freudige Aufbruchstimmung. Die Sonne bringt das richtige Leben an den Tag. Sträucher und Bäume treiben aus, schmücken sich mit dicken Knospen. Langsam besinnen sich die Wiesen und die ersten Blumen lassen ihre bunten Köpfe sehen. Schneeglöckchen verbreiten letzte Winterillusionen und die Vögel singen fröhlich ihre vielstimmigen Lieder.

Das richtige Leben, so glaube ich, können nur Kinder und ältere Menschen empfinden. Die Kinder wenden sich ihm in unbefangener, natürlicher Neugier zu. Der ältere Mensch deshalb, weil er ruhiger geworden ist. Er erinnert sich an zurückliegende Zeiten, ist wieder in der Lage, kindliche Neugier zu entwickeln und sie zu genießen.

Die Übergangsphase vom Kind zur Berufstätigkeit und  der Familiengründung bis hin zur Phase des Ruhestandes, die so genannte ‚Lebensmitte‘ lässt uns die Kindlichkeit vergessen. Wir sind viel zu beschäftigt damit, uns zu etablieren, einen entsprechend interessanten Freundeskreis aufzubauen, lukrative Geschäfte abzuschließen und ein Eigenheim nebst genehmer Familie zu präsentieren. Die Pflichten und der Druck sind enorm, denn man will nicht als Verlierer dastehen. Der Satz: ‚Ich mache das nur für uns, damit wir ein schönes Leben führen können‘ hört sich an wie von hinten durch die Brust geschossen. Denn all das Raffen und Haben wollen führt immer öfter zu Krankheiten. Und das Leben, das richtige Leben, zieht währenddessen in Riesenschritten vorbei. Wir haben es nicht einmal bemerkt.
Wir belächeln ‚die Alten‘, die sich über Kleinigkeiten freuen können, etwas, das uns schon lange nicht mehr gelingt. Weil unsere Gedanken sich um Wichtigeres drehen. Und kaum liegt das Berufsleben hinter uns, stehen wir erschrocken und planlos da. Sind ‚aus dem Tritt‘ gekommen. Womit sollen wir uns nun beschäftigen? Unsere Interessen liegen brach. War‘s das nun?

Doch irgendwann werden wir merken, dass wir uns umorientieren müssen, wollen wir nicht ziellos vor uns hinvegetieren. Denn es erwartet uns ein neues Leben voll von Überraschungen, die wir nicht mehr gewohnt sind. Dann sind wir ‚die Alten‘, die sich über jede Kleinigkeit freuen können. Die jeden Sonnenstrahl begrüßen, jede zarte Pflanze, jedes Kinderlachen.

Schade, dass wir uns nicht schon früher darauf besinnen. Dass jeder Tag ein Geschenk ist, das nur darauf wartet, von uns angenommen zu werden.

Warum nicht schon jetzt damit beginnen, unsere Sichtweise zu ändern? Lassen wir doch die Nachbarn reden. Sie wissen es eben nicht besser. Es gibt unendlich viel, was es zu entdecken gilt. An jeder Ecke wartet etwas Neues auf uns, das uns fröhlich stimmt und heiter. Und wenn es ‚nur‘ ein kleiner Vogel ist, der auf dem Balkongeländer Rast macht.

Das Leben wird uns nicht diktiert - wir selbst sind die Wegbereiter. Wenn wir das verinnerlicht haben, werden sich unsere Gedanken ändern, langsam aber stetig.

Der Gipfel wird nicht mehr erstürmt, er wird in intensiver Bedachtheit erwandert. Denn wir sehen plötzlich wieder mit den Augen eines Kindes, für das ein winziges Sandkorn ein großes Mysterium bedeutet.

Versenken wir dieses Sandkorn in uns, auf dass viele fröhlich-perlende Gedanken und Ideen heranwachsen.

Ich wünsche Ihnen eine erfüllte Woche voller Wunder.

e.gordon@frankfurterstadtkurier.de

 

 

 

 

 

Fragen über Fragen

 

 


Diese Woche hatte ich Steine zu wälzen. Sie lagen wie ein Alb auf meiner Seele, ließen sich tagelang nicht bewegen. Und so quälte mich bis zur letzten Minute die Frage, welches Thema behandele ich auf meiner Seite.

Dabei habe ich ein Bild vor Augen. Ich kann den Kopf schütteln, aus dem Fenster schauen, Blumen gießen oder lesen, das Bild verfolgt mich überall hin. Es ist das Bild des Jungen, der seit dem schrecklichen Vorkommnis in Winnenden permanent in den Medien präsent ist. Ein Milchgesicht, dem man diese Tat niemals zugetraut hätte. Es ist kein fröhliches Gesicht, das dem Zuschauer oder dem Leser ins Auge fällt. Vielmehr eines, das man unter anderen Umständen sofort wieder vergisst. Trotz des Bartflaumes würde man ihn kaum auf 17 schätzen, eher auf 15. Unfertig, stets auf der Suche nach Anerkennung die er glaubt, nur durch etwas Außergewöhnliches wie beispielsweise einen Kampfsport erringen zu können. Denn wie die Medien berichten, hatte er kaum Freunde, kam bei den Schulkolleginnen und Kollegen nicht an, war zurückhaltend freundlich. Seine Einsamkeit reagierte er am Computer ab, beim Tischtennis und … beim Schießen. Es heißt, er war depressiv und deshalb mehrmals in einer Klinik vorstellig geworden. 

Ich frage mich, was ich als Elternteil getan hätte bei diesem Krankheitsbild und dem Wissen um die Leidenschaft meines Sohnes. Ich hätte es ignorieren können, denn Jugendliche in diesem Alter sind nun schon mal depressiv. Die Hormone fahren Achterbahn und da kann es ab und an zu solchen Phasen kommen. Außerdem wäre es schlimm zugeben zu müssen, dass mein Sohn ein Problem hat.

Aber immerhin soll er einige Male in einer Klinik ‚vorstellig‘ geworden sein. Wobei der Anwalt des Vaters wie auch die Staatsanwaltschaft hier unterschiedlicher Auffassung sind über die Art der Behandlung (psychotherapeutisch oder psychiatrisch). Wer hat sie abgebrochen? Der Junge? Mit oder ohne Wissen der Eltern?

Hätten Sie sich auf Versicherungen Ihres Kindes wie ‚Mir geht es wieder gut, ich brauche das nicht mehr‘ verlassen? Wohl nicht. Als fürsorgliche Eltern hätten wir ein Gespräch mit dem Therapeuten gesucht. Und dann erst wären wir mit einem Abbruch einverstanden gewesen. Im anderen Fall würden wir, selbst bei einem 17-Jährigen (der ein Jahr später seinen Wahlzettel in die Wahlurne werfen darf) gezielt darauf hinwirken, dass die Therapie fortgesetzt wird. Solange es eben dauert. Ohne Blick auf Nachbarn oder Verwandte.

Die Gedanken kreisen, lassen sich nicht ausschalten. Denn auch die Unbedachtsamkeit des Vaters lässt mich nicht in Ruhe. Jedenfalls wurde dem Jungen im Schützenverein erlaubt, zu schießen. Und das ist, auch wenn es völlig absurd klingt, rechtens. Denn bereits ab 12 Jahren, so der Deutsche Schützenbund (DSB), dürfe auf einer zugelassenen Schießstätte unter Aufsicht der Waffengebrauch trainiert werden. Ab 14 Jahren sei dort die Benutzung großkalibriger … Waffen genehmigt, wobei Minderjährige die Einwilligung der Eltern benötigen würden.

Den Beginn der Schießleidenschaft machten wohl die Soft-Airwaffen, mit denen der Junge sein Zimmer ausstattete, wie - nach meiner Meinung - die völlig überzogene Waffensammlung des Vaters. Auch wenn es nun auf allen Ebenen kontroverse und heiße Diskussionen gibt: Ich plädiere gegen Waffen im Haus.

Doch die Politik sieht das anders. Sie lehnt ein Verbot zur Aufbewahrung von Waffen zu Hause ab und meint: Würde das jeweilige Waffenarsenal der Mitglieder eines Schützenverbandes  im Schützenhaus deponiert, könnte das Kriminelle auf den Plan rufen (!) Im Haus, in der Wohnung selbst müssen die Waffen in einem verschließbaren Tresor aufbewahrt werden; die Munition wiederum in einem anderen Tresor…

Und da kommt die nächste Frage: Mitglieder eines Schützenverbandes sprechen sicherlich nicht hinter vorgehaltener Hand über ihr Hobby. Jeder Kauf einer Waffe wird diskutiert, jedes neue Schießgerät stolz begutachtet. Jeder im Freundes- und Bekanntenkreis weiß Bescheid. Die Kinder werden von diesem Wissen nicht verschont, tragen es stolz und aufgeregt weiter. Wieso, bitteschön, soll denn die Aufbewahrung einer Waffe zuhause sicherer sein? Wieso sollte dort nicht eingebrochen werden?

Dürfen wir uns nun an ein neues Zeitalter gewöhnen? Mit Detektoren in Kindergärten und Schulen, in Kaufhäusern und Museen, oder Schauspielhäusern? Mit doppeltem und dreifachem Sicherheitspersonal an allen nur erdenklichen Türen und Toren?

Man kann das Warum und Weshalb dieses Amoklaufes hin- und herschieben. Man kann den Eltern die Schuld geben, der Pubertät, den Lehrern und Mitschülern, der Einsamkeit, der Depression, den Computerspielen, der Gesellschaft, der Politik, dem Internet und dem Schützenverein. Doch alle Vorwürfe machen die vielen Toten nicht wieder lebendig. Trauer und Schmerz bleiben, vielleicht sogar für immer. Und die Angst um unsere Kinder. Die Angst vor einem neuen Erfurt, einem neuen Emsdetten, einem neuen Winnenden …

e.gordon@frankfurterstadtkurier.de

 

 

 

 

 

So nicht. Und so schon gar nicht!

 

 


Es ist kurz vor sieben. Die Straßen sind so gut wie leer. Keine Staus an den Ampeln und vor meinem geistigen Auge sehe ich mich bereits die Kaffeemaschine einschalten. Und nach ein paar Minuten ist es wirklich soweit. Meine Tasse füllt sich, im Büro duftet es nach frisch gebrühtem Kaffee. Ich schließe die Fenster und setze mich an den Schreibtisch. Aus den Augenwinkeln sehe ich die Sonne aufgehen. Es wird ein schöner Tag, denke ich. Eigentlich müsste es heißen: Es ist ein schöner Tag, aber mit solchen Kleinigkeiten halte ich mich nicht auf. Gemütlich zurückgelehnt schlürfe ich den heißen Kaffee und freue mich über das lang entbehrte Vogelgezwitscher. Ich starte den Computer, sichte meine Mails und beginne zu schreiben.

Mein frühes Erscheinen im Büro hat natürlich einen Grund. Dienstags um sieben Uhr ist nämlich unsere Perle angesagt. Und das meine ich im wahrsten Sinne. Resolut saugt sie durch die Räume, wischt und putzt, macht mich auf Spinnmilben in einer Pflanze aufmerksam, entkalkt die Kaffeemaschine und die Wasserhähne, reibt über Stuhl- und Tischbeine, über die Computer und auch dort, wo eigentlich kein Staub sein dürfte. Sie sieht einfach alles und packt es an. Sie ist nicht der Typ, um Gegenstände herumzuwischen so dass es aussieht als ob…

Als wir sie kennen lernten, ging sie von Zimmer zu Zimmer, wies hierhin und dorthin, schlug die Hände über den Kopf zusammen, griff sich sofort den Staubsauger und zeigte uns, was Sache ist. Nun sind wir rundherum glücklich und zufrieden, weil es überall blinkt und glänzt.

Weshalb ich das so hervorhebe? Weil es mich ärgert, dass solch eine Perle - ich wiederhole mich - von einigen ignoranten Zeitgenossen herablassend als ‚Putze‘ degradiert wird. Man hat den Eindruck, dass über einen Menschen zweiter Klasse geredet wird, wenn es im Gespräch um die Putzfrau geht. Es ist kein angenehmer Job, dem die Putzfrauen nachgehen. Denn meist verhalten sich die Büroleute so wie bei Muttern. Fällt etwas auf den Boden, bleibt es liegen oder wird mit dem Fuß unter den Tisch getreten. Wozu haben wir denn eine ‚Putze‘? Es käme ihnen auch nicht in den Sinn, mal über den Tisch zu wischen, o nein, dazu gibt es ja die ‚Putze‘. Manche der Büroleute bräuchten wirklich einen täglichen Dienstboten.

Kochen sie beispielsweise Kaffee, heben sie zwar den Behälter von der Kaffeekanne und stellen ihn beiseite - der gebrauchte Filter bleibt aber drin. Haben sie etwas gegessen oder getrunken, wird das Geschirr nicht in den Geschirrspüler geräumt, sondern daneben abgestellt. Ist der Aschenbecher voll, bleibt er stehen bis sich ein Trottel findet, der ihn ausleert. Obwohl der Mülleimer voll ist, wird noch draufgekippt. Der Boden ist übersät von Krümeln - na und, ist ja nicht meine Aufgabe. Nicht zu denken, wie es oft auf den Toiletten aussieht. Dabei sind das so einfache Handgriffe, die (zuhause) selbstverständlich sind.

Man schimpft mit den Kindern, wenn sie - ganz unschuldig - etwas fallen oder liegen lassen. Ist bemüht, ihnen Ordnung und Sauberkeit beizubringen. Doch im Büro lassen sich die Damen und Herren hinterher räumen. Appellieren hilft nur bedingt; nach ein paar Tagen ist alles wie vorher.

Nun, ich will solche Zustände nicht verallgemeinern. Doch es gibt sie, die Ignoranten. Sie leben in der ‚falschen‘ Zeit. Denn heute sind die Dienstboten ausgestorben oder für den normal Sterblichen unbezahlbar. Dafür gibt es das Reinigungspersonal und eben die besagten Trottel, die sich mit dem Dreck nicht abfinden wollen und für diejenigen, die sich zu gut für derart niedere Handgriffe sind, mitputzen.

Tja, es ist so ein wunderschöner Tag und meine Gedanken drehen sich ums Putzen. Sonderbar.

Ich habe fertig, oder so ähnlich. Wäre da nicht ein Vorkommnis gewesen, über das ich kurz berichten will.

‚Sind Sie Frau Gordon-Pusch persönlich?‘
‚Ja.‘
‚Sie haben bei einem Preisausschreiben mitgemacht und gewonnen. Zwar nicht den Hauptpreis, aber immerhin mit 50 weiteren Gewinnern den 2. Preis.‘
Hört, hört.
‚Sie können nun zwischen einer Ägyptenreise und einer Türkeireise wählen. Mit Nilrundfahrt, einem 4 oder 5 Sternehotel, deutscher Reisebegleitung, Flug hin und zurück und allem, was dazugehört. Welchen Gutschein möchten Sie? Er ist bis 2011 gültig.‘
Schwierige Entscheidung.
‚Was für ein Preisausschreiben?‘
‚Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich soll nur die 50 Gewinner verständigen.‘
Seltsam. Wieso weiß die Gute nicht, bei welchem Preisausschreiben ich mitgemacht habe?
‚Ich nehme die Türkeireise.‘
‚Gut, dann notiere ich das mal. Das Ganze wird von Verlagen gesponsert und jetzt noch eine Frage: Kennen Sie die Zeitschrift ‚Für Sie‘?‘
Jetzt kommt‘s.
‚Ja‘.
‚Sie können ein Abonnement bestellen zum Halbjahrespreis von € …‘.
‚Ich kaufe mir meine Zeitungen lieber am Kiosk.‘
‚Sie können aber auch eine andere Zeitschrift wählen. ich lese Ihnen mal vor …‘.
Die Gute wird langsam ungeduldig. Ich bin aber auch so was von begriffsstutzig.
‚Nein danke, ich möchte kein Abonnement. Schicken sie mir den Reisegutschein zu …‘.
‚Das geht aber nur in Verbindung mit einem Zeitschriftenabonnement, denn die Reisen müssen ja auch bezahlt werden.‘
‚Daran habe ich kein Interesse.‘
Jetzt ist sie aber auf Hundert.
‚Gut, dann streiche ich Sie von der Liste.‘
Und so ging mir eine wahrscheinlich unvergessliche Türkeireise, die ich bei einem angeblichen Preisausschreiben gewann, durch die Lappen. Nur weil ich mich gegen ein Zeitschriftenabo entschieden habe.

Als ich unter der angegebenen Telefonnummer zurückrief (040-25052005), hörte ich die bekannte gelangweilte Stimme: ‚Kein Anschluss unter dieser Nummer‘.

Also, liebe Leserinnen und Leser: selbst wenn Sie sich dank der blumigen Schilderungen im Geiste schon á la Agatha Christie am malerischen Nil sehen oder in der Heimat des Nikolaus - verzichten Sie, legen Sie einfach auf.

e.gordon@frankfurterstadtkurier.de

 

 

 

 

 

Alpträume aus Schokolade

 

 


Geht es Ihnen gut? Fragen Sie mich mal. Nein, mir geht es nicht gut. Der Unsterbliche würde sich nämlich im Grabe umdrehen, wüsste er, dass er eigentlich gar nicht existierte. Karl May ist natürlich nicht 1942, sondern 1842 geboren. So ist er leider - legt man meine irre Berechnung zugrunde - Minus 30 Jahre alt geworden. Andererseits kann ich mir gut vorstellen, dass es eine Zeit in seinem Leben gegeben hat, die er sehr gerne gestrichen hätte. Denn May war nicht unbedingt mit Reichtümern gesegnet. Nicht nur, dass er in eine arme Familie hineingeboren wurde und offenbar durch die mangelhafte Ernährung eine zeitlang erblindete, hatte er auch in späteren Jahren mit der Armut zu kämpfen. Betrachtet man sein von Anfang an entbehrungsreiches Leben, das er dann mit Diebstählen und Betrügereien ‚verbessern‘ wollte, und rechnet man seine Arrest- und Arbeitshauszeiten dazu, kommt man schon auf ein erkleckliches Sümmchen von Minus-Jahren. Meine Ergriffenheit ob dieser Tatsache soll natürlich keine Entschuldigung für den dummen Tippfehler sein. Also: mea culpa und so weiter.

Doch nun nochmals: Geht es Ihnen gut? Haben Sie die närrischen Tage einigermaßen katerlos überstanden? Machen Sie sich wegen der paar überflüssigen Pfunde keine Sorgen. Immerhin befinden wir uns nun in der Fastenzeit und nach 40 Tagen Maßhalten ist unsere Körperlichkeit - und hoffentlich auch unser geistiges Gut - wieder neu eingestellt. Dann dürfen wir uns auf ein erholsames Osterfest freuen, auf den Urlaub und in ein paar Monaten geht es wieder los mit der vierwöchigen Adventszeit, die wir ja auch ein bisserl als Fastenzeit betrachten sollten. Danach ist wieder Weihnachten und das Spiel beginnt von vorne. Ein Auf und Ab nicht nur an Gefühlen, sondern auch gewichtsmäßig.

Vor rund drei Wochen traf mich fast der Schlag, als ich nichts ahnend einkaufen ging. Aufgereiht wie die Zinnsoldaten und dicht gedrängt in prall gefüllten Regalen starten mich lächelnde Osterhasen an. Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt noch mitten im Faschingstrubel.

Ich habe den Eindruck, es wird immer früher, dass entweder die Weihnachtsschoko oder die besagten Osterhasen zum Kauf verlocken sollen. Klar, dass die Wirtschaft … und magere Zeiten … und Ankurbeln et cetera. Was aber die Mütter mit ihren Kindern mitmachen, wenn diese sich tobend auf den Boden werfen und unbedingt die verschmitzt blickenden Süßigkeiten mitnehmen möchten, daran denkt niemand. Oder vielleicht ist es gerade das, was die Geschäftsleitung veranlasst, so zeitig mit dem Verkauf zu beginnen.

Mutter geht  mit ihrem Sprössling einkaufen. Ein paar Tomaten (bei uns heißen sie Paradeiser - ‚Unser tägliches Paradies gib uns heute‘), ein Laib Brot, eine Schachtel Müsli, Milch und ein Glas Honig befinden sich bereits im Einkaufswagen. Der Kleine flitzt durch die Gänge und holt schon mal, was seine Mutter benötigt. Manchmal muss er aber auch etwas zurückstellen, wenn seine Mutter es nicht braucht. Natürlich ist so ein Einkauf meist mit einer kleinen Belohnung verbunden. Dann kauft die Mutter ein paar Vitaminbonbons von denen sie meint, dass sie der Gesundheit des Kleinen eher zuträglich sind als etwas Schokoladiges.

Doch leider, leider - Kinder haben ja ihre Augen überall - ist das übervolle Regal mit den lockenden Osterhasen schnell entdeckt. Und der Junge will natürlich so einen Osterhasen haben. Die Mutter schüttelt den Kopf. Der Kleine wird lauter. Die Mutter sagt nein, will ihm erklären, dass die Zeit für Osterhasen noch fern ist. Der Bub ist stur. Er besteht darauf, hat keinen Bedarf an den blöden gesunden Vitamindrops und schmeißt die Packung auf den Boden. Die Mutter beginnt, sich in einer einigermaßen kindgerechten Diskussion zu verzetteln. Langsam wenden sich die Blicke der Kunden in Richtung des kleinen Dramas.

Geifernd und hämisch grinsend verfolgen sie Mutters Kampf um den viel zu frühen Osterhasen. Mutter fühlt die Blicke, ist ziemlich genervt. Man sieht förmlich die Zahnräder in ihrem Kopf rasen. Wie wird sie reagieren?

‚Na, nun kaufen sie dem Kleinen schon den Hasen‘, hört sie dann von überaus kompetenter Seite sagen. Und genau darauf zielen die Geschäfte ab. Denn Mutter schämt sich für ihren kreischenden Sprössling und kauft. Mutter will ihre Ruhe haben und kauft. Mutter ist es egal und kauft. Selten sieht man Mütter oder Väter, die sich selbstbewusst durchsetzen. Und Selbstbewusstsein braucht es, sieht man sich in einer solchen Situationen gefangen.Meine Tochter hat sich zwar nicht auf den Boden geworfen, aber dafür kullerten Tränen. Innerlich heulte ich mit, habe aber meist nach außen hin Stärke demonstriert. Auch wenn es mir sehr schwer gefallen ist. Denn ein Kind mit Tränen in den Augen und Weh im Herzen ist schwer zu ertragen. Doch ich wollte schon damals diesen Geschäftewahn nicht unterstützen und setzte mich mit einer Ablenkung durch. Ihr Unverständnis oder ihre zur Schau getragene Traurigkeit ebbte nach ein paar Minuten ab und alles war wieder in Ordnung.

Wie wir es auch drehen und wenden - es gibt kein Entkommen aus diesem frühen Schokoalptraum.

e.gordon@frankfurterstadtkurier.de

 

 

 

 

 

Sharon Stone ist auch nur (!) eine Frau.

 

 


Wieso ich ausgerechnet auf sie komme? Nun, ich habe ein bisschen im Internet geblättert und da war - Dank sei den allgegenwärtigen Fotografen - ein Foto dieser Dame veröffentlicht. Wunderschön lächelnd stand sie da in einem noch wunderschöneren - gibt es eigentlich eine Steigerung von wunderschön? - roten Kleid.

Das zweite Bild zeigte sie halb vom gierigen Publikum abgewandt, die Hand winkend erhoben. Und jetzt - endlich - Trommelwirbel - konnte man es erkennen: Die Stone hatte sich unter ihrem eng anliegenden, schulterfreien, strahlend roten Kleid den Busen festgeklebt. Warum? Na, damit er in die richtige Richtung schaut, ist doch wohl klar. Oder damit er nicht zu sehr pendelt oder damit er nicht aus dem Dekoletté entweicht.

Es war sicher nicht gewollt, doch wir konnten uns (nochmals ein herzliches Dankeschön an die geifernde Fotografenmeute) davon überzeugen, dass Frau Stone in die Trickkiste greift, um sich makellos zu präsentieren. Immerhin ist sie ein Weltstar und so ein Weltstar hat nun mal einen Ruf zu verlieren.

Durch solch eine Verschleierungstaktik fühlt sich jede Frau beim Anblick dieser schlanken, sinnlichen, schönen und aufreizenden Person einfach nur mies. Man wird sich seiner so genannten Fehler bewusst.

‚Ihr seid von Cellulite befallen, bedeckt mit Fältchen und Falten, mit Bauchansatz und Hängebusen, verunstaltet mit Schwangerschaftsstreifen, Altersflecken, Krampfadern, Venenleiden, flatternden Oberarmen, Augen- und Halsringen. Schaut euch diese makellose Lady an.‘‘ Das ist es, was uns die Elite mit solchen Fotos ungeniert und immer wieder grausam signalisiert.

Doch nun haben wir einen, wenn auch nur kleinen und sicher unfreiwilligen Einblick in den Alltag eines Stars erhalten. Denn auch Frau Stone und alle anderen Diven (auch die Möchtegerns) haben, trotz sündhaft teurer Cremes, Kosmetikbehandlungen, schweißtreibenden sportlichen Aktivitäten - natürlich mit knusprigen Waschbrettbauchtrainern - und Öl- oder sonstigen Massagen so ihre kleinen Sorgen.

Hauptsächlich drehen sich  die-se um den nächsten Film, das neueste Drehbuch, das beste Foto, das kalorienärmste Essen und den besten Lover, vor allem aber um den bösen, bösen Alterungsprozess. Und der  lässt niemanden aus. Auch wenn er die meiste Zeit mit dem Vermeiden desselben vertut.

Anstatt sich einfach würdevoll zu ergeben, muss Frau Star mit allen Mitteln versuchen, positiv aufzufallen. Würde sie nämlich Falten anhäufen, krähte kein Hahn mehr nach ihr. Und mit ein paar Gramm mehr, könnte sie allenfalls noch als irgendjemandes Großmutter durchgehen. Vorbei die Zeit, als eine 50-Jährige noch eine 25-Jährige darstellen konnte. (Die Kameras sind aber auch so was von gemein.) Sie würde in der Versenkung verschwinden, langsam ins Vergessen abdriften und - wie eben jeder ‚normale‘ Mensch - mit ein paar Problemen mehr zu kämpfen haben.

Natürlich könnte sie sich die Zeit ein wenig versüßen, denn sie hat sicher genügend Kohle angehäuft. Aber … in Hollywood ticken nicht nur die Uhren, sondern vor allem auch die Produzenten, Regisseure und Stars anders.

Ein brutaler Nebeneffekt des Kults, den die Stars mit sich und ihrem Wahn treiben, findet sich leider auch bei den Teenies. Sie werden sich zwar nicht mit der immerhin bereits … Jahre zählenden Frau Stone beschäftigen, wohl aber mit anderen gerade im Rampenlicht stehenden Minuten-Sternchen. Diese Identifikation kann gefährliche Auswüchse treiben, wie beispielsweise die Bulimie. Oder die verschiedenen Schönheitsoperationen, die sich die Kinder unbedingt antun müssen. Weil sie sich sooo hässlich fühlen. Und warum? Weil es ihnen täglich um die Ohren gehauen und vorgeführt wird.

Das Klebebandgeheimnis um Frau Stone ist also gelüftet. Ich möchte nicht in der Haut der armen Designerin oder der Schneiderin aus dem exklusiven Modehaus ‚Mit Nadel und Zwirn‘ stecken, die sich so viel Mühe mit der roten Abendgarderobe gegeben hat. Dank des spektakulären Einblickes wird Frau Stone wahrscheinlich ihren Haus- und Hoflieferanten wechseln. Das exklusive Geschäft ist nicht mehr exklusiv, es wird von den exklusiven Kunden gemieden und das hervorragend auf Exklusivität getrimmte Personal verliert seine Arbeitsplätze. Dort, wo noch vor kurzer Zeit ein devotes Gewusel herrschte, wird bald ein Schild an der Tür prangen mit der Aufschrift: ‚To Sale‘.

Und das alles, weil Frau Stone sich ihre Oberweite in Form kleben muss. 

(Wenn ich nur wüsste, welches Klebeband sie verwendet hat?)

e.gordon@frankfurterstadtkurier.de (Foto: pixelio)

 

 

 

 

 

Nichts Halbes und nichts Ganzes

 

 


Gestern hat mich eine liebe Freundin besucht. Nun, Freundin ist vielleicht nicht richtig ausgedrückt. Wir haben uns vor geraumer Zeit kennen gelernt, hatten, ohne etwas voneinander zu wissen, von Anfang an einen guten Draht zueinander.

Ich weiß nicht, ob Sie dieses Gefühl kennen: Man trifft jemanden und meint, es gibt irgendeine Verbindung. Man kann sich austauschen, ohne einen Gedanken an wohlfeile Worte zu verschwenden. Man fühlt sich in der Gegenwart des anderen wohl und hat keine Scheu. Die Gespräche ‚flutschen‘ einfach wie von selbst. Auch über Vergangenes, noch Unverarbeitetes wird geredet. Man denkt nicht daran, dass der andere einen verraten könnte, weil eben dieses starke Gefühl von gut und richtig die erlebten Stunden bestimmen.

Wir gehen heute immens vorsichtig mit unseren so genannten Bekanntschaften um. Haben das Vertrauen verloren, weil wir viel zu oft enttäuscht wurden. Denn es gibt sie, die Menschen, die sich hinter einer alles verstehenden und wohl meinenden Maske verstecken und Anteilnahme heucheln. Wenn sie dann so richtig satt sind, schlagen sie zu. Hyänengleich stürzen sie sich mit wölfischem Grinsen auf Erfahrenes und tratschen es - der Situation angemessen verdreht - weiter.

Ich merke gerade, dass ich negativ besetzte Worte aus dem Tierreich verwende. Dabei fällt mir auf, dass man in Rage häufig auf ‚tierische‘ Beschimpfungen oder Redewendungen zurückgreift.

‚Du blöder Hund‘, ‚Was für eine  Sau‘, ‚Die falsche Schlange‘, ‚So ein dummer Ochse‘, ‚Sie ist diebisch wie eine Elster‘, ‚Er windet sich wie ein Aal‘, ‚Er stand wie ein Kaninchen vor der Schlange‘, ‚Sie hat aufs falsche Pferd gesetzt‘, ‚Sie ist eine Rabenmutter‘, ‚Er ist eine Schnapsdrossel‘ und so weiter und so fort sind nur einige der liebevollen Bezeichnungen, die man anderen gedankenlos angedeihen lässt.

Irgendwie tun mir die Tiere leid. Einerseits hegen und pflegen wir unsere süßen Hausgenossen (vor allem die putzigen Jungen), andererseits essen wir gedankenlos das Fleisch der Nutztiere, trinken Milch, futtern täglich Eier, ‚verbrauchen‘ sie in der Pharma- und Kosmetikindustrie, scheren ihre Wolle und - ziehen ihnen den Pelz ab, um uns zu wärmen.

Offensichtlich sollen diese Redewendungen dazu dienen, den anderen auf eine rangniedere Stufe zurückzuwerfen. Soll heißen, der (aufgebrachte) Mensch steht über allen Dingen, will den Beschimpften ins mindere Tierreich verbannen.

Dabei können die armen Viecher wirklich nichts dafür, dass wir ihre Namen für unsere Schimpftiraden zweckentfremden. Das ‚blöde‘ Schwein ist beispielsweise ein hochintelligentes Tier, der so genannte Elefant ‚im Porzellanladen‘ äußerst empfindsam, und der ‚dumme‘ Affe alles andere als dumm.

Als Darwin mit seiner Evolutionstheorie ankam, wurde er - von der Kirche - angegriffen. Natürlich war die Empörung groß, als auch das Volk in den Genuss dieser Weisheit kam. Allein das Wort ‚Affe‘ im Zusammenhang mit dem hochintelligenten Menschen erhitzte die Gemüter. Und tut es heute noch. Wir sollen vom Affen abstammen? Von so einem verlausten Pelzgetier? Nie und nimmer!

Doch beschäftigt man sich näher mit dem Zotteltier, wird der aufmerksame Beobachter  nicht umhin kommen, intelligentes Leben zu entdecken. Allein ein Blick in die großen und dunklen Augen beispielsweise eines Gorillas lässt einen ruhig werden. Und nachdenklich. Man bekommt den Eindruck, in jahrhundertealte Augen zu schauen. In Augen, die Dinge gesehen haben, von denen wir nichts ahnen.

Für mich gibt es keine dummen Tiere. Sie haben alle ihre Berechtigung und waren bereits lange vor uns da. Wir haben uns irgendwann einmal in eine relativ heile Welt hineingedrängt und nach und nach nicht nur uns, sondern auch die Tier- und Pflanzenwelt beschnitten. Mit all unseren menschlichen Ideen und Verbesserungen, mit dem unbeherrschten Drang, uns ‚die Erde untertan‘ zu machen, haben wir ein Chaos angerichtet, das den Tieren so sicherlich niemals eingefallen wäre.

Denn unter ihnen gibt es - im Gegensatz zu uns Menschen - keine Berechnung.

In frühen Zeiten wurden Tiere sogar als Götter verehrt, denen man opferte. Schaut man sich das chinesische Horoskop an, finden sich darin unter anderem Büffel, Ratte, Tiger, Schlange, Hase, Schwein oder Hund. Allen werden bestimmte Charaktereigenschaften und Kräfte zugesprochen, die sich auch im Menschen wieder finden. (Falls Sie das chinesische Horoskop noch nicht kennen, versuchen Sie mal, Ihren tierischen Begleiter herauszufinden. Sie werden überrascht sein.)

Warum also die tierischen Beschimpfungen?

Irgendwie bin ich jetzt vom eigentlichen Thema abgewichen, finde nicht mehr zum Ausgangspunkt zurück und ich entschuldige mich dafür. Immerhin habe ich mir ein bisschen Luft gemacht, obwohl es noch viel mehr zu sagen gibt über die unzähligen gequälten und gemarterten Kreaturen. Über ausgesetzte, wie Müll entsorgte ehemalige Lieblinge. Über die Ehrenamtlichen, die sich Tag und Nacht um das Wohl der hilflosen Geschöpfe sorgen.

Schluss für heute!
e.gordon@frankfurterstadtkurier.de

 

 

 

 

 

Die Glaubenskrise - Eine Krise der Hoffnung?

 

 


Stellen Sie sich folgendes vor:
Wir schreiben das Jahr 1945. Sowohl die Russen als auch die Amerikaner rücken vor und befreien Deutschland aus der Naziherrschaft. Rein ‚zufälligerweise‘ stoßen sie auf die berühmt-berüchtigten KZs, von deren Existenz niemand gewusst haben will oder über die nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Sie öffnen die Türen und hervor kriechen … Gerippe, die man kaum als Menschen bezeichnen kann. Die Verbrennungsöfen und Massengräber zeigen ein weiteres abscheuliches Bild abartiger geistiger Auswüchse der so genannten Herrenrasse. Der Schock war und ist so groß, dass die Bilder nie mehr aus unseren Köpfen verschwinden werden. Doch jetzt kommt das große Aber. Da gibt es einen überzeugten Bischof (man stelle sich vor!) der sich hinstellt und idiotisch salbadert, es hätte keinen Holocaust gegeben, dass ‚kein einziger Jude in einer Gaskammer umgekommen‘ wäre, und entpuppt sich somit als Shoa- Leugner übelster Sorte (was bei uns übrigens strafbar ist).
Also ist die große Show um das Ende des Zweiten Weltkrieges wohl so abgelaufen:
Amerika und Russland (lassen wir jetzt mal Frankreich und England außen vor), überlegten, wer denn Deutschland am werbewirksamsten befreien könnte. Die Amerikaner überzeugten damit, dass sie sich ja mit Leib und Seele der Filmindustrie verschrieben haben. Und so hatten sie bereits Monate vor der Befreiung nach geeigneten Statisten gesucht. Da die Bevölkerung sowieso hungerte war es ein Leichtes, sie zu noch mehr Diät anzuspornen. Innerhalb kürzester Zeit konnten einige Tausende überredet werden, sich auf 45 oder 35 Kilogramm runterzuhungern. Wahrscheinlich wurden die lebenden Leichen mit Lastwagen zu den betreffenden KZs verbracht, in Szene gelegt, gestellt oder gesetzt …
Ja ist denn dieser ‚Gottesmann‘ wahnsinnig geworden und unser Papst, der die Exkommunikation dieser erzkonservativen Figur aufhob, von Gott verlassen?

Als Joseph Ratzinger im April 2005 zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde, gab er sich den Namen Benedikt XVI. Er wählte diesen Namen sowohl im Gedenken an den Ordensgründer Benedikt von Nursia als auch an Benedikt XV., der die Bezeichnung ‚Friedenspapst‘ trägt. Diesen Titel wird er nun wohl nicht für sich beanspruchen können. Im Gegenteil. Man erinnere sich allein an die Wiedereinführung der Karfreitagsfürbitten 2008, in denen für die ‚Erleuchtung‘ der ‚treulosen‘ Juden gebetet wird, ‚Jesus Christus als Retter aller Menschen‘ anzuerkennen. Schon diese Anordnung löste Empörung und Trauer aus.

Dem Papst wird hohe Intelligenz zugesprochen. Sollte er nicht gewusst haben, wen er wieder in Gnaden aufnimmt, hätte er intelligenterweise seine unzähligen Berater zu Herrn Williamson und seiner verqueren Denkweise befragen können. (Vielleicht hat er sich ja an seinen Beraterstab gewandt und dieser hat ihn bewusst ‚ins Messer rennen‘ lassen?) Hat der Papst diesen Mann jedoch bewusst begnadigt und pocht (insgeheim) auf die mit seinem Amt verbundene Unfehlbarkeit, dann - so ist zu befürchten - brechen schwere Zeiten für die Kirche an.

Denn falls das neue Credo des Vatikans heißt, seine Zukunft liege im Rückschritt, wird der Vatikanstaat sehr rasch noch mehr Mitglieder verlieren als dies ohnehin schon der Fall ist. Doch offensichtlich ficht es das Milliardenunternehmen nicht an; es wird auch einige Zeit ohne zahlende Gläubige überleben können.

Alles das, was wir ‚Normal-Sterblichen‘ und auch fortschrittlichere Bischöfe oder Kardinäle nicht ändern können, stößt uns nun als geballte Ladung mehr als sauer auf und gibt Anlass zu endlosen Debatten: Die Ablehnung von Frauen in kirchlichen Ämtern, die Ablehnung gemeinsamer Eucharistiefeiern beider Konfessionen, die Ablehnung des Gebrauches von Kondomen (beispielsweise in Afrika), von Abtreibungen in Härtefällen, die Ablehnung von Homosexuellen und so weiter und so fort.

Zu allem Ungemach gibt es auch sie wieder, die Messe, in der sich der Priester nicht mehr dem Volk zuwendet, sondern ihm dem Rücken zukehrt. Auf Latein gehalten, werden die Gebete für den Kirchgänger zum unverständlichen Kauderwelsch, das er erst mühsam wiedererlernen muss. Wie bereits im Mittelalter geplant, schweben damit auch heute wieder einige der Priester auf einer höheren Ebene als das gemeine Volk. Denn nach Meinung des Papstes in seinen ‚Erinnerungen‘ tragen die heutigen modernen Liturgieformen Schuld an der Kirchenkrise.

Es brodelt, es kocht in und um den Vatikan. Auch wenn einige Vertreter der Kirche Unverständnis über das Verhalten des Kirchenoberhauptes zeigen, auch wenn einige versuchen, ihn zu entschuldigen und seine Aktion mit Nichtwissen in Verbindung bringen wollen: Benedikt XVI. hat damit den unverbesserlichen Traditionalisten und Stammtischbrüdern Raum für die Verbreitung gefährlich-gestrigen Denkens gegeben.
Williamson, von der Pius Bruderschaft zur ‚Ordnung‘ gerufen, will nun die historischen Beweise prüfen!

Übrigens: In seine erste Enzyklika schrieb Papst Benedikt XVI. folgenden Satz:

‚Ja, Vernunft ist die große Gottesgabe an den Menschen, und der Sieg der Vernunft über die Unvernunft ist auch Ziel des christlichen Glaubens.‘ e.gordon@frankfurterstadtkurier.de

 

 

 

 

 

Strichmännchen gegen Schnecke

 

 


Vor einigen Tagen musste ich zu meinem Entsetzen erfahren, dass mein Lieblingsenkel ein unfähiger Dodl ist. In drei Wochen wird Benjamin vier Jahre alt und - so leid es mir tut, sagen zu müssen - er entwickelt sich in Richtung aufmüpfiger Loser. Wie ich dazu komme, mein Herzibinki als Dodl zu bezeichnen? Der Kinderarzt macht‘s möglich.

Wieder einmal war eine U-Untersuchung fällig. Sie wissen, das sind die Untersuchungen, bei denen der Kinderarzt die Entwicklung eines Kindes in den verschiedenen Lebensstadien feststellt. Meine Lieblingstochter ging also mit Benjamin zu besagtem U 8-Termin in die Arztpraxis. Und wartete. Und wartete. Nach ungefähr einer Stunde, die Benjamin einigermaßen gut überstanden hatte, war es so weit. Die Untersuchungen ließ er neugierig über sich ergehen, nur die Masern-Mumps-Röteln-Diphtherie-Tetanus-Auffrischung hat ihm dann doch ein klein wenig missfallen. Aber wirklich nur ein kleines bisschen.

Der Arzt unterhielt sich mit dem kleinen Mann und verlangte schließlich ein gezeichnetes Strichmännchen. Benjamin, wahrscheinlich von Rachegelüsten getrieben ob der vertanen Zeit, schaute den Arzt kurz an und meinte: ‚Ich male eine Schnecke.‘

Der Arzt, der seine Autorität und Benjamins Meinungsbildung gefährdet sah, fragte besorgt nach: ‚Willst du nicht ein Strichmännchen malen?‘ Daraufhin Benjamin fest und unbeirrt: ‚Nein, ich male eine Schnecke.‘ Der gute Doktor hätte sich nicht zu wundern brauchen, hat er ihm doch mit  ‚nicht‘ selbst eine Steilvorlage geliefert. Da Benjamin hingebungsvoll und gerne mit Wasserfarben malt, sagte er sich wohl insgeheim, dass eine Schnecke viel schöner und interessanter sei als ein 08/15-Männchen. Für Benjamin sind Fische, Seen, Krokodile, Sonnen und Vögel viel lebendigere und farbenfrohere Dinge als ein ordinäres Strichmännchen; vielleicht sollte die Schnecke eine Überraschung für den Arzt bedeuten?

Nun, der gute Mann hatte kein Verständnis für die kleine Fische-Seele. Er bestand auf den Strichen. Bis zum nächsten Termin, verlangte der mitfühlende und bedenklich mit dem Kopf wackelnde Kinderarzt, müsse Benjamin in der Lage sein, seine Striche zu zeichnen. Sonst drohen Logopäde, Therapeut, Psychiater und weiß der Geier. Tochter wiederum sieht nicht ein, ihrem Sohn das Malen zu vermiesen. Ich auch nicht.

Sie ahnen es, dieses bösartige, aufsässige und antiautoritäre Gehabe tochter- und meinerseits gehört  strengstens unterbunden. Der Strichmännchentest ist nämlich Bestandteil eines (veralteten) kinderpsychologischen Tests, der etwas über die geistige Reife eines Kindes aussagt. Je mehr Einzelheiten wie Nase, Mund, Augen, Finger, Zehen und so weiter bei einem aufgemalten Strichmännchen vorhanden sind, desto intelligenter wird ein Kind eingestuft. Was heißt, der Kinderarzt könnte sich mit der Entdeckung des nächsten Astrophysikers schmücken. Eine goldene Tafel  mit ‚Daniel Einstein was here!‘ würde sich doch gut machen, oder?

Fakt ist: ein kindliches Schneckenportrait taugt nichts  für einen Intelligenztest. Zeigt es doch, dass Benjamin die einfachsten Dinge nicht ein- oder zuordnen und ‚Bitten‘ nicht ausführen kann. Und, noch gefährlicher, nicht will. Außer vielleicht … der Kleine hätte eine Schleimspur dazugemalt, die hin- und her wippenden Fühler, vielleicht ein grünes Blatt, das die Schnecke gerade genüsslich im Schatten eines Steines zermalmt, am besten noch ein fressgieriges Huhn dazu, das freudig auf die nichts ahnende Schnecke zustürzt … Möglicherweise hätte Benjamin dann bessere Karten gehabt. Aber selbst wenn Benjamin als Miniaturausgabe von Rembrandt oder Kaspar David Friedrich aufgetreten wäre, er hätte durch seinen Eigensinn verloren. (Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass es zu den kreisenden Hundertwasser-Zeiten noch keinen derartigen Test gegeben hat.)

Der engagierte Kinderarzt nämlich hat seine Vorschriften. ‚In der Schule gibt es einen Lehrplan, der eingehalten werden muss. Und ich halte mich an den vorgeschriebenen Test.‘

Mein kleiner Dodl muss nun schnellstens auf Strichmännchen gedrillt werden. Denn jetzt ist er auffällig geworden, hat seinen ersten Minus-Eintrag bekommen. Ja wo kämen wir denn hin, würde jedes Kind eigenen Willen demonstrieren und noch dazu malen, was ihm gerade in den Sinn kommt? Solche Anwandlungen gehören bereits im Keim erstickt. Offensichtlich sehen einige Kinderärzte die Zukunft unseres Landes in Bürgern, die sich dem Diktat unterwerfen, die keine Fragen stellen, die hinnehmen und tun. Dieser erste schwarze Fleck in Benjamins bisheriger unschuldiger Kinderkarriere wird ihm vermutlich bei weiteren Vergehen den Kopf kosten, sollte in fernen Jahren mal seine Geschichte aufgerollt werden.

Insgeheim aber nagt Benjamins Versagen an meiner Tochter, die nicht nur sich selbst, sondern auch Kindes Verhalten in Frage stellt. Und auch ich frage mich besorgt: ‚Welches Monster hat sie nur zur Welt gebracht? Was für ein unintelligentes Wesen, welche Bedrohung für unsere gute Gesellschaft wächst hier heran?‘

Da fällt mir ein: sind nicht vor einigen Jahren wieder Aliens gesichtet worden?
Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Während Sie mir schreiben, überlege ich mir das Gründungsprotokoll für die ‚Gesellschaft der Ungenügenden‘.
e.gordon@frankfurterstadtkurier.de

 

 

 

 

 

Die Farbe des Jahres

 

 


Vor einigen Wochen hörte ich, dass die Farbe des Jahres Grün sei. Obwohl ich eher der ‚blaue‘ Typ bin, freute ich mich sehr über die grüne Idee. Denn gerade jetzt, bei Schmuddelwetter und Minus-Temperaturen steht Grün für die heitere Zeit des ersehnten Frühlings. Und doch sind wir zu dieser Jahreszeit gekleidet in triste dunkle Farben, was sich auf unsere Befindlichkeit eher negativ auswirkt. Warum müssen Wintermäntel- oder Jacken grau und schwarz sein? Denken Sie an den Straßenverkehr. Oft erkennt man bei diffusem Licht erst im letzten Moment, dass sich eine dunkel gekleidete Gestalt über die Straße bewegt, was häufig zu gefährlichen Situationen führt.

Wir freuen uns auf knospende Bäume und Sträucher, auf die ersten Grashalme, auf das Erscheinen von Schneeglöckchen, Hyazinthen und Tulpen. Mit Grün, der Farbe der Zukunft, vor allem aber der Hoffnung, können wir bereits jetzt den Frühling in unsere Herzen pflanzen.

Ich glaube, die Wahl dieser Farbe als Trend für dieses Jahr war genau richtig. Es ist in letzter Zeit so viel passiert, was uns entsetzt, uns tief betroffen gemacht hat. Wir wurden zum Spielball sowohl der Banken als auch der Politik. Doch Grün signalisiert, dass (noch) nicht alles verloren ist, dass es Hoffnung auf Besserung gibt.

Grün ist eine gute Farbe für die Augen. Haben Sie zwei Bilder vor sich, beispielsweise eines mit einer satten Almenwiese in den Bergen und eines mit Meer und Sonnenuntergang, wird sich das Auge mit Sicherheit der grünen Wiese zuwenden. Die Farbe symbolisiert Fruchtbarkeit, vermittelt Tröstung und sie belebt.

‚Jetzt erst recht‘ möchte man meinen, wenn man etwas Grünes betrachtet. Grün signalisiert Aufbruchstimmung und das ist es, was wir uns sagen sollten. Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen. Egal, was uns trifft. Wie der neue Slogan ‚Yes, we can‘ vermittelt auch Grün das Gefühl, dass wir alles schaffen können, was wir uns vorgenommen haben. Trotz der Steine, die uns in den Weg gelegt worden sind oder werden.

Auch unser Herzchakra erstrahlt in Grün. (Nach der indischen Chakra-Lehre gibt es sieben Haupt-Chakren. Es handelt sich dabei um Energiezentren im Körper, die sich in unmittelbarer Nähe eines wichtigen Organs befinden.) Das Herzchakra liegt in der Brustkorbmitte, über dem Herzen.  Hier ist nicht nur das Zentrum der Liebe und der Geborgenheit; diesem Chakra wird auch der Sitz der Lebensfreude zugesprochen. Und welche Farbe kann dieses Energiezentrum mehr bewegen als die Farbe der Leichtigkeit und auch Grenzenlosigkeit.

Grün ist wohltuend, lässt uns ruhiger werden, macht neugierig und gibt Mut, Neues in Angriff zu nehmen. Ich glaube, jedes Mal, wenn wir nicht weiter wissen, wenn wir betrübt sind oder verzweifelt, sollten wir uns mit dieser Farbe behelfen. Einen grünen Schal umlegen, ein grünes Kleid oder einen Pullover tragen, ein in Grün gehaltenes Bild ansehen, eine grüne Kerze anzünden oder einen grünen Jadestein mit uns führen, ihn immer wieder zur Hand nehmen, hat Einfluss auf unser Wohlbefinden oder auf bestimmte Situationen.

Letztendlich symbolisiert Grün auch Sicherheit. Denken Sie an die Verkehrsampeln, an die Rettungswege (weißer Pfeil auf grünem Grund), man gibt jemandem sprichwörtlich ‚grünes Licht‘ für etwas, anderes ist ‚im grünen Bereich‘, der Wald wird als ‚Grüne Lunge‘ bezeichnet, es gibt ‚grüne (herb-frische) Duftnoten‘ und schließlich steht der ‚grüne Frosch‘ für Fruchtbarkeit.

Was spricht also gegen Grün?

 

 

 

 

 

Das Europaparlament jubelt. Doch: Kann der Verbraucher wirklich aufatmen?

 

 


Während sich die EU-Abgeordneten gegenseitig noch lange auf die Schultern klopfen und das nach zweieinhalbjährigem Ringen gelungene Gesetz über die Verringerung beziehungsweise Abschaffung gefährlicher Pestizide feiern werden, stellen sich dem Verbraucher insgeheim Fragen über Fragen.

Das weltweit einmalige, zum 13. Januar geschnürte ‚Pestizid-Paket‘ sieht vor, Krebs erregende, das Erbgut oder die Fortpflanzung schädigende Substanzen (es handelt sich um 22 von insgesamt rund 400) auf den Index zu setzen, wobei zwei der gefährlichen Substanzen noch im Laufe diesen Jahres aus dem Verkehr gezogen werden. Ein gute Idee, wären da nicht die üblichen Ausnahmegenehmigungen von bis zu fünf Jahren; bei weiteren Pestiziden kann das Ablaufen der Zulassungen sogar bis in das Jahr 2018 dauern!

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das als Behörde in das Zulassungsverfahren von Pflanzenschutzmitteln eingebunden ist, unterbreitet Vorschläge für die Rückstands-Höchstmengen. *)
Geht man von der Richtlinie 91/414/EWG aus, wonach ‚alle auf dem Markt befindlichen Wirkstoffe nach einheitlichen Kriterien gemeinschaftlich bewertet und  in den Annex I (Positivliste für Wirkstoffe) dieser Richtlinie aufgenommen werden, sofern eine für die Bewertung ausreichende Datenbasis vorliegt, eine hinreichende Wirksamkeit gegeben ist und keine schädlichen Auswirkungen auf Pflanzen, Anwender, Verbraucher oder Umwelt zu befürchten sind‘, ist es unverständlich, dass ein Verbot eines Großteils der 400 nicht schon längst ausgesprochen wurde.

Bereits am 13. Februar 2007 berichteten wir in der Titelstory ‚Unser tägliches Pestizid gebt uns heute‘ über eine eigene Greenpeace-Untersuchung zum Thema ‚Gesundheitsgefährdende und nicht zugelassene Pestizide in Obst und Gemüse aus Deutschland‘. Damals wurden unter anderem in zehn Proben Wirkstoffe entdeckt, die in Deutschland nicht angewendet werden dürfen. Weitere 14 Proben enthielten Stoffe, die für das betroffene Gewächs nicht zugelassen waren. Das nunmehr beschlossene ‚scharfe‘ Gesetz sieht der Greenpeace-Experte Manfred Krautter mit einem weinenden Auge: ‚Der Gift-Lobby ist es gelungen, die guten Ansätze des EU-Parlaments zum Schutze der Umwelt und der Verbraucher auszuhöhlen. Die Mitgliedsstaaten, darunter Deutschland, haben sich bei den Verhandlungen eher auf die Seite der Agroindustrie gestellt‘, meint er.

Man stelle sich vor: Europaweit liegt Deutschland im Pflanzenschutzmittelverbrauch hinter Frankreich auf dem zweiten Platz. **)

Warum das so ist, kann schnell erklärt werden: Wir bestehen auf makelloser Ware. Obst und Gemüse müssen wie gemalt aussehen und zu jeder Jahreszeit verfügbar sein. Dass Fleisch - je nachdem - in vornehmer Blässe oder tiefem Dunkelrot zu erscheinen hat, ist für uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

2002 berichtete die Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 anlässlich von Pestizidfunden in Weintrauben über massive Lücken im österreichischen Lebensmittelgesetz. Die dort festgelegten Höchstwerte erlaubten gesundheitsgefährdende Konzentrationen von Pestiziden in Obst und Gemüse. Um die medizinisch duldbare tägliche Aufnahme für Pestizide (ADI = Acceptable Daily Intake) sicher nicht zu überschreiten, dürften Kinder laut Lebensmittelgesetz täglich maximal 5 Weintrauben, 3 Erdbeeren oder einen halben Apfel verzehren. ***)

Im Zuge meiner Recherche fand ich das Amtsblatt der Europäischen Union, L 70/4 vom 16.3.2005 betreffend die VERORDNUNG (EG) Nr. 396/2005 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES über Höchstgehalte an Pestizidrückständen in oder auf Lebens- und Futtermitteln pflanzlichen und tierischen Ursprungs und zur Änderung der Richtlinie 91/414/EWG des Rates vom 23. Februar 2005 -, wo unter Punkt (26) folgendes zu lesen ist:

‚Bei außerhalb der Gemeinschaft erzeugten Lebens- und Futtermitteln können hinsichtlich der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln legal andere landwirtschaftliche Praktiken angewandt werden, was dazu führt, dass andere Pestizidrückstände auftreten können als diejenigen, die durch vorschriftsgemäße Verwendungen in der Gemeinschaft verursacht werden. Es ist daher zweckmäßig, dass für eingeführte Erzeugnisse Rückstandshöchstgehalte festgesetzt werden, die diesen Verwendungen und den daraus resultierenden Rückständen Rechnung tragen, vorausgesetzt, dass die Sicherheit der Erzeugnisse anhand derselben Kriterien nachgewiesen werden kann, die für einheimische Erzeugnisse gelten.‘

Was für Kriterien? Welche Nachweise? Bis die Schiffsladung Bananen aus Ecuador mit der üblich sorgfältigen deutschen Gründlichkeit untersucht wird, ist sie - wenn sie beim Verbraucher angekommen sind, faul. Für mich klingt das ein kleines bisschen schwammig. Denn wenn es dem Binnenmarkt förderlich ist (so könnte ich mir vorstellen), wäre es ein leichtes, dass die Rückstandshöchstmengen für die eingeführten Erzeugnisse kurzerhand gesenkt wurden bzw. werden. Und damit dürfen wir unsere tägliche Giftration weiterhin zu uns nehmen.

Ich meine, dass wir uns trotz des neuen Regelwerkes nicht in Sicherheit wiegen dürfen und glaube, es ist wirklich höchste Zeit, dass wir unsere Ess- und Trinkgewohnheiten genauer unter die Lupe nehmen. Das Gebot der Stunde lautet wohl, sich vermehrt auf deutsche Bio-Produkte zu konzentrieren

Oder sehen Sie das anders?

*) Information Nr. 005/2007 des BfR vom 20. Februar 2007
**) Verbraucherzentrale Hessen
***) GLOBAL 2000