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Gastkommentare
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Die Kolossosaurier Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk
Jörg Hamann hatte gar nicht mitbekommen, wie er in das Zimmer geraten war, zu schnell hatten sich die Ereignisse überschlagen. Eben noch in Frankfurt-Sachsenhausen, seiner Heimat, und unter seinen Bekannten, mit denen er aufgewachsen war, dann die Begegnung mit diesem merkwürdigen Mann - Hamann musste die Besinnung verloren haben. Jedenfalls fand er sich jetzt irgendwo, ohne Orientierung, dem denkbar Entsetzlichsten ausgesetzt: Um ihn herum keine Menschen, sondern Wesen, die er in seiner Hilflosigkeit „Kolossosaurier” getauft hatte, ihn um ein Mehrfaches überragend und keine ihm verständliche Sprache sprechend. Er konnte gar nicht so schnell denken, wie sich um ihn herum die Dinge ereigneten.
Sie hatten ihn in einen Raum gesperrt, ohne dass er eigene Möglichkeiten besaß, sich zu ernähren. Andererseits: Die Kolossosaurier boten ihm Essen und Trinken - woraus die Nahrung bestand, konnte er nicht bezeichnen, sie war aber genießbar. Als Schlimmstes empfand er, dass die Saurier ihm körperlich bei allem überlegen waren, er war ihnen vollends ausgeliefert. Ihre Bewegungen waren schnell, sie waren stark und vielleicht fünfmal so groß wie er. Am Anfang hatte Hamann sie auch nicht auseinanderhalten können, erst mit der Zeit lernte er, wenigstens zwei der Wesen als diejenigen zu identifizieren, die ihn offenbar als ihren Besitz betrachteten. Dieser Umstand minderte allerdings nicht etwa Hamanns Torturen, denn diese beiden waren brutal zu ihm. Egal was er tat - es war falsch. Einerseits hatte er oft den Eindruck, dass sie irgendetwas von ihm erwarteten, andererseits wusste er nie, was es war. Und sie schlugen ihn. Manchmal lag er zitternd nachts in seiner Schlafecke, und wusste nicht, ob er von den Schlägen des vergangenen Tages zitterte oder vor denen, die am nächsten Morgen kommen würden. Manchmal dachte er sogar an Widerstand, ließ aber schnell solche Phantasien fallen, denn was Gegenwehr auslösen würde, wenn schon seine besten Bemühungen dauernd Schläge verursachten, mochte er sich nicht ausmalen. Nun waren es nicht nur Strafen, die er sich wofür auch immer einhandelte, sondern auch Gesten, die die Kolossosaurier wohl als Belohnung auffassten. So streichelten sie ihn am Bauch oder über den Kopf - er wagte aber nicht zu protestieren oder abzuwehren.
Oft dachte er an seine frühere Welt zurück. Was er jetzt erlebte, hätte er seinen Freunden nicht einmal schildern können. Hamann erinnerte sich, dass er einmal in einer Kneipe an der Gartenstraße mit seinem Kumpel Ulli darüber sinniert hatte, wie es wäre, wenn man in Afrika in einem Gefängnis säße, umgeben von Schwarzen, die nur Kisuaheli sprächen und dauernd mit ihren Waffen herumfuchtelten, wie hilflos und ausgeliefert man sich da plötzlich vorkäme. Aber diese Welt, in der sich jetzt fand, war ja noch viel irrer; um ihn herum gab es ja nicht mal Menschen. Nichts, was früher normal war, war normal jetzt, im Zweifel war es ohnehin falsch, wie er sich verhielt. Dieses Gefühl, nichts mehr für sich selber tun zu können, ohne Orientierung, wie er seine Lage hätte verbessern können, nie wissend, was als nächstes kommt, ob er je wieder Nahrung erhalten würde oder wann, ob er überleben würde, ob, ob, ob...er wusste nicht einmal, wann er auf die Toilette durfte (als er einmal in Not in die Ecke Wasser gelassen hatte, konnte er zwei Tage kaum aufstehen, so hatte die danach ihm verabreichte Prügel geschmerzt) - das alles ließ Hamann an seinem Verstand zweifeln.
Hamann verbrachte den Rest seines Lebens unter den Kolossosauriern.
Anm. d. Redaktion:Wer Jörg Hamann war, steht in unserem nächsten Gastkommentar in der Ausgabe vom 23.3.2010.
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Ach du großer Gott, Doping! Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk
Niemand wurde wahrscheinlich so oft beim Pinkeln beobachtet wie Lance Armstrong. Und das hatte seinen guten Grund. Denn seit vor nunmehr 42 Jahren anlässlich eines Todesfalls während der Tour de France entdeckt wurde, dass die Fahrer Mittelchen schlucken, um fitter zu sein, veranstalteten die Sportverbände, getrieben von Presse und Politikern, eine Jagd auf die Doping-Sünder. Es entstand eine ganze Kontrollindustrie und eine Armada von Chemikern, die den Radlern hinterher forschen, ob sie auch tatsächlich nur Spinat gegessen haben. Jedoch: Immer nachdem ein Funktionär verkündet, dass jetzt alles sauber sei, taucht ein neuer Fall auf, zur Not auch in anderen Sportarten. Basketball, Tennis und – wir wagen eine Prophezeiung – mehr oder minder alle anderen Profi-Sportarten auch haben ein Doping-Problem oder werden es haben. Die Absicht der Jäger ist gut. Da gibt es den sich nur satt essenden und hart trainierenden Sportler, und dann kommt ein Konkurrent, der mit Hilfe der Apotheke das Rennen macht, und das heißt im Sport heute Ruhm, Geld, Macht; es sind dieselben Belohnungen, die es aus anderer Berufstätigkeit auch gibt, mit vielleicht etwas mehr Ruhm. Der Doping-Jäger kämpft also dafür, dass der Körper nicht mehr hergibt, als dem Athleten in die Wiege gelegt wurde.
So edel der Gedanke, es steckt leider ein Haken in ihm. Was dürfen wir eigentlich von Berufstätigen erwarten, die überdies heftig um große Belohnungen konkurrieren? Verzicht, Fairness, vielleicht noch – wie Goethe dichtete - Helferherz, Güte und Edelkeit? Zu der Abwegigkeit, solches zu erwarten und durchzusetzen, tritt weiteres hinzu: Was ist denn mit dem Verkäufer, der Muntermacher und Pillen für die gute Laune schluckt? Auch er fälscht den Wettbewerb mit Hilfe der Apotheke, bei ihm gucken nur ein paar weniger Leute zu. Was ist denn mit China, wo von Staats wegen die Dreijährigen eingesammelt werden, um die folgenden 15 Jahre auf ihren Einsatz bei Olympia trainiert zu werden? Was diesen späteren Einmal-Helden im Verlaufe ihrer Vorbereitung alles eingeimpft und gefüttert wird, lässt vermutlich die dopenden Radler der Tour de France wie Sängerknaben aussehen. Unterschlagen sollte man auch nicht, dass unter den Sportlertischen ein Chemikerkrieg stattfindet – diejenigen, die Doping aufspüren, gegen diejenigen, die nicht aufspürbare Mittel erfinden. Und die Goldmedaille gewinnt dann im Zweifel der Sportler, der gerade den besseren Chemiker kennt.
Zuguterletzt: Ach du großer Gott, Sprinter X war gedopt! Ja und? Die Körper der Olympiateilnehmer oder Fußballstars haben mit den unsrigen so wenig zu tun wie ein Formel 1-Bolide mit einem gebrauchten VW Golf. Das Schöne am Sport ist doch seine Ästhetik, vielleicht noch die Wettkampfspannung, wie eben im Formel 1-Rennen auch. Wer da gewinnt, ist egal; die Gewinner zahlen ihren Anhängern nie eine Belohnung. Ach so, da gab es noch etwas. Der eifrige Verbandsfunktionär will die Sportler davor beschützen, dass sie tot umfallen. So spielt also der gedopte Sportler mit seinem Leben? Ja, vielleicht, das tun aber Millionen andere Berufstätige mit Überanstrengung und unverdaulichem Stress auch.
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Der Ausblick - nicht nur auf 2010 - Von unserem Frankfurt-Korrespondenten (in einem nicht näher genannten Jahr):
Petra Roth, seit nunmehr 45 Jahren Oberbürgermeisterin von Frankfurt, wurde gestern mit einer Wahlbeteiligung von 4,2 % praktisch für eine weitere Amtszeit wiedergewählt. In einer Rede vor dem Parteitag der Jamaikaner (wie sich die ‚Grünen’ seit 2015 nennen) erklärte Lutz Sikorski, für jegliches Koalitionsthema offen zu sein. Zudem machte Sikorski witzige Anspielungen auf sein Alter und der Zahl 90, was niemand bei der lange zurückliegenden Vereinigung mit dem Bündnis 90 für möglich gehalten habe; Frau Roth, so rechtfertigte er seinen Verbleib im politischen Amt, gehe ja auch auf die 100 zu.
Wie schon in den letzten Jahrzehnten stand auch dieses Mal wieder die Konkurrenz zu Eschrad (der Fusion der früheren Gemeinden Eschborn und Niederrad, letztere hatte sich 2021 von Frankfurt getrennt) im Mittelpunkt. Frau Roth wies darauf hin, dass es seit 2036 keinen Autostau mehr in Frankfurt gegeben habe und die Luft nur noch von Eschrad mit seinen inzwischen über eine Million Einwohnern und seinen Autolawinen verschmutzt werde. Kritische Stimmen aus der früheren SPD (die sich bekanntlich schon 2019 aufgelöst hat) vermerkten, dass das kein Wunder sei, da es seit 2033 kein Auto mehr in Frankfurt gebe.
An Streitpunkten für die neuen Koalitionsgespräche mangelt es nicht. Die FDP beharrt darauf, dass in mindestens 30 % der Schulklassen Deutsch gesprochen werden müsse und dass mindestens 30 % der Lehrer einen Deutschtest erfolgreich absolvieren müssten; dieser Prozentsatz entspreche dem Abschneiden der FDP bei den Wahlen und sei von daher „natürlich”. Die Jamaikaner fordern eine generelle Absenkung aller Bordsteine auf das Niveau der Straßen, die ja an drei Tagen der Woche nur von kinderwagenschiebenden Müttern und an den anderen Tagen von Marathonläufern und Skatern benutzt werden würden. Dem trat Frau Roth entgegen. Mit dem gelungenen Sale-lease-back-Vertrag von 2029 mit der kalifornisch-chinesischen CalChing-Bank seien die Bürgersteige verkauft worden; leider bestimmten sich die Zahlungsraten auf Basis des nicht mehr existierenden US-Dollars, dessen Verhältnis zum EURO sich reversely zum GoldmanSachs-Subindex auf lateinamerikanische Swap-Kreditderivate errechne, und leider habe die CalChing-Bank Konkurs angemeldet. Damit gebe es keine Haushaltsmittel mehr für Ausgaben, die nicht dem Erhalt der Stadtverwaltung dienten. Kritisch verlautete dazu aus Kreisen der früheren SPD, dass die Wahlbeteiligung mit der Mitgliederzahl von FDP, CDU und den Jamaikanern übereinstimme und dass seit fast zehn Jahren jedes Parteimitglied zugleich Mitarbeiter der Stadtverwaltung sei, was 100 % der gesamten Mitarbeiterschaft entspreche. Scharf trat der mutmaßlich erneute Verkehrsdezernent Sikorski der Kritik an der Verkehrspolitik entgegen. Vorausschauend habe man bis auf eine Linie alle Straßenbahngleise abgebaut und zwar umfasse jetzt jeder Zug nunmehr zwölf Waggons, die wegen der auf 68.000 gesunkenen Einwohnerzahl von Frankfurt praktisch immer leer seien, aber das hätten die Jamaikaner nicht zu vertreten, das sei der früheren SPD vorzuwerfen.
Alle Parteien bedankten sich bei den Wählern für das Vertrauen. Sie zeigten sich mit dem Ergebnis der Kommunalwahl zufrieden und interpretierten es als Zustimmung der Bevölkerung zur bisherigen Politik, die man fortsetzen werde.
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Das Geschenk, das sich bewegt Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk
Ach wie süüüüß! Der guckt ja süßer als alle, die ich je gesehen habe! Mama, können wir den behalten? Wie heißt der denn? Guck mal, Mama, er läuft! Das dürften so die gängigen Ausrufe und Schreiereien sein, die sich vor Weihnachtsbäumen ereignen, wenn aus einem der Pakete ein kleiner Hund wackelt. Alles kräht durcheinander, ist begeistert und verspricht dem Tier Liebe auf ewig und darüber hinaus. Aber wie die Sache mit der Liebe so geht – schon am selben Abend stellen sich die Wahrnehmung von Last und ein bisschen Ärger ein, wenn das lebende Geschenk ins Zimmer macht, obwohl man gerade mit ihm vor der Tür war. Am nächsten Morgen, der mit dem weiteren Ärger beginnt, dass man ja lange schlafen wollte, aber entweder früh mit dem Hund raus musste oder einen Haufen im Zimmer vorfand, werfen sich weitere Schatten auf die ewige Liebe. Als man nämlich mit dem Süßen auf der Straße war, der auch prompt und brav sein Häufchen machte, kam ein Nachbar vorbei und fragte aggressiv, ob das unbedingt hier auf der Straße zu erledigen sei.
Und so geht es unweihnachtlich weiter: Kosten für Tierarzt, Hundesteuer, Leinen, Spielzeug und Futter, Futterunverträglichkeiten, Durchfall, nächtliches Gassigehen, Ärger mit Nachbarn und Mitbewohnern (weil zum Beispiel das Geschenk unvermittelt anfängt zu bellen, ohne sich beruhigen zu lassen), ständiger Terminskonflikt zwischen Gassigehen und sonstigem Alltagsstress, die Enttäuschung mitansehen zu müssen, wie das eigene Kind gutgelaunt das lebende Geschenk nur ab und zu anschaut und die Arbeit den Eltern überlässt. Die Geliebtseinskurve einer Sache auf dem Gabentisch verläuft zwar oft ähnlich – zuerst der Überschwang und später kommen tausend andere Reize und der Alltag -, aber dann sind eben nur ein paar Euro verschwendet, es gibt Schlimmeres. Das ist bei einem Tier grundsätzlich anders. Es fordert sein Recht und viele Mühen ein, und das für 15 Jahre.
Tiere, nicht nur Hunde, als Weihnachtsgeschenk sind keine gute Idee. Neben all den wirtschaftlichen Unpässlichkeiten, die ein Tier bereiten kann, gibt es ja noch das Gewissen, die übergeordnete Moral. Tiere sind kein Spielzeug für Kinder oder für Erwachsene. Auch der kleine Hamster hat eine Seele. Vergessen wir nicht, dass man sich leicht Lebewesen vorstellen kann, die nicht unsere Sprache sprechen und für die wir Hamster sind: Wie würden wir dann darauf reagieren, als Kindergeschenk gehandelt zu werden? Dass es diese Lebewesen auf unserem Planeten nicht gibt, bedeutet für die Moral nichts und im übrigen kann sich so etwas ja schnell ändern; was wissen wir, was der Kosmos an Überraschungen für uns bereithält? Übrigens kennt die menschliche Geschichte Sklaven als Geschenk reichlich. Die Ausräuberung von Afrika (woran die USA nicht den größten Anteil hatten) bietet da einiges an Anschauungsmaterial. Wenn die Sklaven nicht in irgendeinen Zweck passten, brachte man sie nicht mal um (wäre zuviel Aufwand gewesen), man ließ sie einfach verhungern oder warf sie über Bord.
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Wenn Politiker nett sind Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk
Unsere Stadtväter sind nette Leute. Wenn einer in Frankfurt etwas machen möchte, geben sie ihm den Platz dazu. Da gibt es das Radrennen am 1. Mai und die Dienstags-Skater, den Marathon für alle, den 5000-Meter-Lauf für Banker, den Triathlon, da gibt es Straßenfeste, Mainufer-Feste ohne Ende. Nun finden aber all diese Vergnügen auf einem Teil der Erdoberfläche statt, der sich öffentlich nennt. Und so hört die Nettigkeit bald auf (wie sollte es auch anders sein, wenn der Staat etwas tut), nämlich für denjenigen, dessen Auto hilflos eingeklemmt wird in einer Querstraße zur Eschersheimer Landstraße an einem Marathon-Morgen. Tja, wie ist das denn eigentlich: Ist nicht der Wunsch des Straßenbenutzers und Autofahrers gleichwertig mit dem Wunsch des Sportlers und Zuschauers? Was ist denn, wenn der eingeklemmte Autofahrer zu seiner sterbenden Mutter wollte und es nicht konnte, weil er eine Stunde lang sich vergnügende Läufer, Skater oder Radfahrer anschauen musste? Was ist denn mit Krankenwagen, die komplizierte Umwege fahren müssen, mit Polizei oder Ärzten, die nicht helfen können, weil das Vergnügen Vorfahrt hatte? Die parate Ausrede, dass das ja nur eine vorübergehende Sperrung sei, zählt nicht, denn alles ist vorübergehend, auch das Leben. Und die Möglichkeit des Umwegs zählt auch nur, wenn man nicht schon eingeklemmt ist.
Aha, man muss sich also entscheiden, was wichtiger ist. Das Bedürfnis von vielen Menschen, die öffentlichen Straßen immer (!) benutzen zu können, oder das Bedürfnis von vielen Menschen, sich mal was Sportliches anzutun oder anzuschauen. Bevor man solche Grundsätzlichkeiten entscheidet, lohnt ja vielleicht ein Blick auf das Recht. Vermutlich gibt es da irgendeine Satzung, die die Stadt erlassen hat und die ihr selber das Recht gibt, nach Gusto Straßen zu sperren (so ein Recht möchte man auch mal haben, sich selber Rechte zu geben). Wenn die Stadt das nicht hat, dann wäre die Straßensperrung von vornherein illegal. Aber selbst wenn es eine solche Satzung gibt, verletzt diese die Verfassung. Denn in der gibt es keinen Schutz der Sportler und des Vergnügens – man darf demonstrieren, die Gewerkschaften dürfen auf die Straße gehen, wann immer sie wollen, aber das war’s. Wenn also die Stadt Frankfurt meint, durch ihre eigene Satzung geschützt zu sein – Fehlanzeige, das ist alles verfassungswidrig.
Es scheint auch absurd, dass Skaten und Rennen gegenüber Notfällen und dem Recht der Allgemeinheit vorrangig sein sollen. Zumal sich das weiterdenken lässt: Wer schützt uns davor, dass mittwochabends die jungen Mütter mit Kinderwagen die Mainuferstraßen für sich bekommen oder dass der Alleenring an jedem Freitagnachmittag dreiradfahrenden Kinder vorbehalten wird?
Spaß und Vergnügen bereiten viele Sachen. Das ist aber nie ein Grund, dass der Staat zulasten von Not, Gefahr und lebensnowendiger Berufstätigkeit der Allgemeinheit ihre Rechte nimmt, auch dann nicht, wenn die Politiker nur nett sein wollen.
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Die Heuchelei mit der Zivilcourage Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk
Was wäre eigentlich gewesen, wenn der Helfer, der am 7. Oktober in Heddernheim von einer Mädchengang lebensgefährlich verletzt wurde, sich gewehrt und womöglich die Oberhand behalten hätte? Der arme Helfer wäre an Ort und Stelle in Handschellen abgeführt worden, die Staatsanwaltschaft würde gegen ihn ermitteln und die Lokalpresse ihn über den Exzess von Zivilcourage belehren.
Das alles würde für ihn mit Geld- und Vorstrafe und – wenn er Pech hat – mit Schadensersatzpflicht, der Kündigung seines Jobs u.ä. enden. Im Zweifel wäre der Mann fertig. Hirnlos und arrogant (was sonst?) diskutierten anlässlich des Vorfalls die üblichen Verdächtigen - Journalisten, Experten und Politiker - wie das denn mit der Zivilcourage sei, ohne zu sagen, dass der Zivilcouragierte nur die Wahl hat, Opfer von Kriminellen oder Opfer des Staates zu werden. An dem Gedanken der Zivilcourage, der so scheinheilig daherkommt, ist alles falsch. Folgerichtig kennt unser Recht die Zivilcourage nicht.
Juristen nennen das Eintreten für andere ‚Notstand’. Um den Begriff herrscht genau so viel Wirrwarr wie um denjenigen der ‚Notwehr’, bei der man für sich selber eintritt. Da gibt es keinen Halt für richterliche Willkür, je nach Geschmack liegt die „Not“ vor oder auch nicht. Verteidigung und Angriff sind als physische Handlungen nun einmal nicht unterscheidbar, man muss ggf. eine lange Vorgeschichte berücksichtigen. Zu der Tragik, als Helfer von der Justiz alleingelassen zu sein, tritt der Spott: Die Journaille rät, die Polizei zu rufen. Dies zu tun, ist aber keine Zivilcourage, sondern selbstverständlich und leider sinnlos. Täter pflegen nicht eine halbe Stunde zu warten, bis die Polizei kommt.
Solch ein Rat ist weltfremder Quatsch, er geht am eigentlichen Motiv, in der Tatsekunde helfen zu wollen, vorbei. Wo stehen wir nach alledem? Der Bürger ist gut beraten, die 110 vom Handy zu wählen und ansonsten nichts zu tun. Das passt der Obrigkeit aber auch nicht, die Zeitungen und Politiker beklagen dauernd lauthals, wie ein Publikum nichtstuend Straftätern zuschaut. Was sie nicht sagen, dass es ihr eigenes Versagen ist.
Straftaten zu verhindern, ist Aufgabe von Polizei und Justiz, die rohe Gewalt meist nicht, aber dafür Steuerhinterziehung und verspätete Konkurse bestraft.
Für Abschreckung durch präsente Polizei gibt es aber keine Kapazität, sie ist mit der Verfolgung von Hundekot- und Anwohnerparken-Straftaten ausgelastet. Und im Übrigen würden die Feuilletons unserer Medien solche Präsenz als Vorstufe zum Faschismus verdammen. Viel schöner ist es doch, mit Experten ziellos herumzuplaudern und diesen Quatsch auch noch abzudrucken. Kostprobe aus der FAZ: „Warum tun sich Menschen schwer, … Zivilcourage zu zeigen? Experte: Einmischen bringt erfahrungsgemäß immer Ärger.“ Bravo, der Mann geht den Dingen auf den Grund. Gut, dass wir Experten haben. Der Bürger muss moralisch für all dieses Versagen keinen Ersatz bieten. Für Zivilcourage gibt es in der modernen Gesellschaft keinen Platz, so haben es die politischen Bosse gewollt.
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Freiheit oder In der Buga morgens um 9 Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk
Herr zu Hund in der Unterführung an der Nidda unter der Rosa-Luxemburg-Straße: „Also, ich gehe jetzt dort drüben in die Wiesen. Nach circa 1 km steht links eine Bank. Da in der Nähe bin ich, sagen wir in circa 45 Minuten. Komm nicht unters Auto und stoß nicht mit Radfahrern zusammen.“ Hund zu Herr: „Ok, ich habe zwar keine Uhr an, aber die Zeit habe ich im Gefühl. Und die Bank kenne ich.“
So oder so ähnlich muss man sich wohl vorstellen, dass manche der Hundespazierer im Buga-Gelände zwischen Ginnheim und Praunheim denken, wie das Verstehen zwischen Mensch und Tier abläuft. Dort ist es so, wie es so oft auf dieser Welt zugeht: Die Gegebenheiten stimmen und die meisten Teilnehmer am großen System kommen mit ihnen und untereinander gut klar, aber wenige Störer entfalten gigantische Wirkung. Dies sieht dann so aus, dass ins Niemandsland von Büschen, Wiese und Wald schreiend und pfeifend man zuweilen Hundebesitzer sieht, die vergaßen, dass sie mit einem Hund unterwegs sind. Noch schlimmer natürlich die, die nicht nur überrascht sind, wenn jemand ihren Hund, der weit entfernt desorientiert herumlief, zurückbringt, sondern ihn auf der Stelle wieder unbeaufsichtigt herumlaufen lassen. Vorwürfe darf man solchen Menschen natürlich nicht machen, wir haben ja schließlich das grundgesetzlich festgeschriebene Recht, alle denkbaren Idiotien und Rücksichtslosigkeiten zu begehen. Da kennt selbst der Analphabet die Verfassung gut.
Ach so, und dann ist da noch die Freiheit – „mein Hund will und muss auch mal Freiheit haben“. Nun denn: Wir wissen schon nicht, was ‚Freiheit’ unter Menschen bedeutet. Was ist sie denn, z.B. die Reisefreiheit: Das Recht, über die Grenze zu gehen, die Finanzkraft, eine solche Reise durchzuführen, die soziale Freiheit, sich um niemanden zuhause kümmern zu müssen, oder die physische Freiheit reisen zu können, weil man nicht krank ist? Freiheit ist nichts, für jeden bedeutet sie etwas anderes, je nach dem, was man hat und was einem fehlt. Die Freiheiten, die irgendein Napoleon zwischen Görlitz und Wladiwostok für „sein“ Volk einfordert, sind nicht diejenigen, die wir meinen. Und zu wissen, was Tiere, von denen wir nichts wissen, deren Freiheiten im Rudel wir nicht einmal erahnen können, unter Freiheit verstehen, kann nur einem in sich selbst Vernarrten einfallen.
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Da gucken se alle, gell? Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk
Nachdem der Überholende im kleineren Auto den Familienvater etwas gewagt schnitt, tobt nämlicher Vater. Und nach einem halsbrecherischen Überholmanöver um den provozierenden Vordermann, dem – man hat ja sonst auf der Gegenspur nicht viel zu tun – auch noch ein triumphierender Blick zugeworfen wurde: „Das macht der mit mir nicht noch mal!“ So oder so ähnlich spielen sich die Szenen ab, tausendfach täglich. Ab und zu landen Familienväter samt Familie im Grab. Der Jähzorn auf der Straße, die Eitelkeit ob des teuren Autos, ob der teuren Kleidung oder der Juwelchen („da gucken se alle, gell?“) – sie treffen auf Menschen, die man nicht kennt und nie kennenlernen wird. Sofern der Familienvater seine Rage überlebt, aber einen Unfall bei der Rache am Vordermann gebaut hat, greift er sich später im Krankenzimmer oder beim nächtlichen Durchdenken seiner Probleme an den Kopf, er versteht sein eigenes Verhalten nicht mehr. Angeblich handeln wir so, wie es uns den größten Nutzen bringt. Wirklich? Der Nutzen von Triumph beim Autofahren, von Eitelkeiten auf der Straße, sie alle bringen uns einen Nutzen von Null, dennoch riskieren wir dafür Kopf und Kragen. Warum tun wir es dann? Schlaue Evolutionsforscher erklären uns, daß manche Teile des Gehirns nicht mit anderen Teilen reden, daß solche Urinstinkte die Zivilisierung der Menschen eben überlebt haben. Damals, im Höhlendorf des Neandertals, übersetzten sich Zorn und Statusgehabe unmittelbar in Macht, Abschreckung u.ä., kurz: Dort ergab Sinn, was in der Massengesellschaft von heute keinen mehr ergibt. Allein, die Erklärung beeindruckt nicht. Daß Menschen irre handeln, zeigt sich auch außerhalb der Urinstinkte. Dies zu korrigieren, benötigt eine bekannte Ordnung; Justiz und Polizei, vor Permissivität sich nicht übergebende Eltern und ein wenig Rückgrat im Alltag spielen darin wesentliche Rollen. Evolution und Neurologie erklären uns an dieser Front wenig bis nichts. Demjenigen, der es nicht glauben mag, sei es hiermit offiziell verkündet: Es ist erlaubt, es anderen nicht zeigen zu müssen, und das Gehirn macht da mit. Die Blondine im überholten Auto will im Zweifel nicht Liebe mit dem Überholer machen, und auch alle anderen gucken – überdies eine Enttäuschung – eben nicht.
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Man kann den Kuchen nur einmal essen Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk
Wenn der Bürger Geld ausgibt, um eine staatliche Auflage zu erfüllen, z.B. das Nummernschild für ein Auto oder die Gebühren für einen Personalausweis, kann er dieses Geld nicht noch einmal ausgeben, z.B. für einen guten Zweck. Der andere bedeutende Satz: der Staat schaut auf viele gleichzeitige Probleme, er kann sie aber nicht alle gleichzeitig lösen, er muss zwischen wichtig und weniger wichtig unterscheiden. Man sollte meinen, dass solche simplen Wahrheiten bei den vielen Regierungen, die wir uns leisten, angekommen sein sollten, tatsächlich weit gefehlt. Wenn der Bürger ein Haus umbauen will, braucht er meistens eine Baugenehmigung, und die verlangt von ihm fast immer, dass er Brandschutzmaßnahmen ergreifen muss. Rauchabzugsanlagen, Laufwege auf dem Dach, feuerfeste Kellertüren – die Liste ist endlos. Aber sie klingt gut. Wer will schon elendiglich im 3. Stock eines Hauses ersticken, weil er den Weg im Treppenhaus nicht mehr findet? Also doch wohl eine gute Tat des umsichtigen Staates. Allerdings: Wie viele Menschen verbrennen denn jährlich bei uns in ihren Häusern? Antwort: Ca. 500 bis 600. Wie viele Krebstote gibt es bei uns pro Jahr? Rund 250.000. Wie viel gab der Unterzeichner für Brandschutz in den letzten 10 Jahren aus? Circa € 100.00,00. Wie viel für Krebsforschung? Null. Der Staat zwingt den Bürger, gigantisches Geld auszugeben für ein Problem, dessen Volumen ca. 0,2 % des Problems Krebs beträgt. Und dieses Geld ist weg, man kann den Kuchen eben nur einmal essen. Das ist Recht gewordener Irrsinn. Erwachsene Bauamtsmitarbeiter reden von einem Problem, das keines ist. Don Quichote lebt, wenn auch unter anderem Namen. Dem Staat kam das Wissen abhanden, woran seine Bürger leiden. Er denkt sich jetzt einfach die Probleme aus. Hier ist auch gleich die Lösung: Mit jeder Baugenehmigung hat der Antragsteller € 15.000,-- an die Krebshilfe abzuführen. Der Staat gründet eine Stiftung Brandschutzhilfe, an die jeder spenden kann, und wenn diese Stiftung Geld hat, baut sie in Häuser nach ihrer Wahl Brandschutzmaßnahmen ein. Der Bevölkerung würde diese Lösung besser tun als die jetzige.
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Ein neues Spiel für Bürgermeister: Wir passen uns der unveränderten Umwelt an Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk
Es war einmal eine Stadt mit eher knapper Ausdehnung, die baute für jeweils 500 m eine U-Bahnstation mit dazugehöriger U-Bahn, übrigens für 3 Milliarden (was vor 25 Jahren viel Geld war). Und weil sich dann auf den kurzen Straßen Straßenbahn, Busse und U-Bahn gegenseitig auf die Füße traten, baute die Stadt einfach viele Straßenbahngleise ab. Daraufhin hatte sie zuviele Straßenbahnzüge. Woraufhin sie die überzähligen Waggons einfach an existierende Straßenbahnzüge dranhängte. Es fällt leicht, sich den Text, mit dem der zuständige Dezernent sich über die gelungene Ausnutzung der Kapazitäten brüstete, vorzustellen. Leider passte sich die Stadt für die verbliebenen Straßenbahnlinien einer Umwelt an, die sich nicht verändert hatte.
Lüften wir nun den Schleier über dem Rätsel: Die Stadt ist Frankfurt und eine der Straßen, die sich gegenüber früher über doppelt so lange Straßenbahnzüge freuen dürfen, ist die Eckenheimer Landstraße. Der Wahn, Straßenbahnen abzubauen und die Überschusskapazität sinnvoll einsetzen zu können, schützte den Magistrat vor der Aufdringlichkeit der Tatsachen: Zwischen Alleenring und dem Cityring liegen vielleicht 1000 m, ein Straßenbahndoppelzug dürfte bei knapp 100 m liegen und ständig fahren 2 Züge, einer rauf und einer runter. 20 % der Eckenheimer netto sind also durch Straßenbahnwaggons besetzt, abgesehen davon, dass einen beim Einstieg hinten das Gefühl beschleicht, dass man sozusagen in der stehenden Straßenbahn die Eckenheimer Landstraße rauf- oder runtergehen könnte. Rechnet man den Platz vor den fahrenden Straßenbahnen, wo man aus Überlebenstrieb die Straße nicht überqueren kann, hinzu, ist die Hälfte der Straße die Hälfte der Zeit schlicht besetzt, unerträglich für Autos, querende Fußgänger, Radfahrer etc, vom Lärm ganz zu schweigen.
Ach ja, die Doppelzüge sind natürlich einigermaßen leer, wollen die blöden Leute doch einfach trotz der tollen Doppelausgabe nicht öfter Straßenbahn fahren.
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