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Gastkommentare

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Gastkommentare

 

 

 

 

 

Weisheit und Wissen des Westens
Gastkommentar von Dr. H. - J. Böhlk

Das Jahr 2011 lehrte uns einmal wieder Neues. Die westlichen Regierungen entdeckten, dass die nordafrikanischen Machthaber unfreundliche Charaktere sind, dass sie ihre Untertanen schlecht behandeln, Widerständler ins Gefängnis werfen etc. Wer von uns hätte das im Jahre 2010 gedacht?

In Tunesien begann es, und zwar damit, dass die Polizei einem fliegenden Händler, der seine Steuern oder was immer nicht bezahlen konnte, die Karre abnahm. Und wie unschuldige Außenminister das so wahrnehmen möchten: Ein Funke, der die reformüberfällige Scheune entzündete – die Diktatoren von Tunesien und Ägypten mussten bereits gehen, in Libyen, Jemen und Syrien kämpfen sie heftig mit Rebellen. Der Westen wusste auch gleich, wer die Guten und wer die Bösen sind, und schickte in Libyen Militär zur Unterstützung der Rebellen. Den übrigen Ländern las der US-Präsident die Leviten: Der jeweilige Diktator habe zu gehen.

Soweit zur Lage. Was wissen wir über das Wissen unserer Regierungen? Wir wissen vor allem, dass sie nichts wissen. Wir wissen, dass sie nicht wissen, wer diese Rebellen sind, und wir wissen, dass sie nicht wissen, wie die Aufstände sich steuern. Facebook und das Internet sind nicht die Erklärungen, die liefern keine Maschinengewehre und organisieren keine militärischen Vormärsche.

Jetzt würde man erwarten, dass sich der Westen ob seines Nichtwissens zurückhält. Das Gegenteil ist jedoch, wie wir aus den Nachrichten seit einem halben Jahr erfahren, der Fall. Nehmen wir einmal an, dass hinter den Rebellen der verschiedenen Länder eine gemeinsame Kraft sitzt, irgendeine kleine Gruppe, die der Al Qaida ähnelt. Da kann es für den Westen bald ein böses Erwachen geben. Das gesamte östliche Mittelmeer kontrolliert von einer kleinen militanten Truppe – eine Vorstellung, die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Vielleicht natürlich ist es ganz anders – die Rebellen sind nette, um Demokratie und breitflächigen Wohlstand bemühte Leute. Tja, vielleicht, aber eben vielleicht auch nicht.

Der Westen bedenkt offenbar auch nicht, dass die Demutsgesten unserer Oberhäupter – Berlusconi küsste in 2010 noch die Hand von Gaddafi, Hillary Clinton aß mit ihm freundlich zu Mittag, und Mubarak war ohnehin überall gern gesehen -, die sich blitzartig in Luftangriffe wandelten, ein unschönes Licht auf unsere Regierungen werfen. Erst lächeln, dann sich umdrehen und ein Messer ziehen, war noch nie ein kluger Weg, Freunde zu gewinnen.

Die gestürzten oder zu stürzenden Machthaber sind keine netten Leute, aber das gilt auch für die Machthaber anderer Länder, die zusammen vermutlich zwei Drittel der Erdoberfläche ausmachen. Die Feinde der Gaddafis müssen nicht unsere Freunde sein.

Möglicherweise marschiert der Westen, während wir unbeteiligten Untertanen danebenstehen, in eine mittlere Katastrophe, und alle klatschen begeistert. Das wäre nicht das erste Mal in der Menschheitsgeschichte.

Klug ist, wer mit Wissen und Nichtwissen umgehen kann, weise ist, wer Wissen und Nichtwissen auseinanderhalten kann. Den Vorwurf von Klugheit oder Weisheit kann man unseren Regierungen jedenfalls nicht machen.

 

 

 

 

 

Der arme Raucher
Ein Gastkommentar von Dr. H. - J. Böhlk


Der Staat - wie ein Jäger - beobachtete das Ziel lange, legte dann an und schoss solide daneben. Das Ziel entstand in den 80ern, als Gesundheitsexperten vor der Kostenexplosion, ausgelöst insbesondere durch Krebs, warnten. Dies hatte einen Blumenstrauß von Maßnahmen zur Folge. Krebsvorsorgeuntersuchungen gehörten dazu (aber Achtung, lieber Bürger: Der Staat liebt Dich nicht. Er will die Kosten senken, die wir alle gemeinsam verursachen, was uns durch geringere Steuern zwar zugute kommen kann, aber keineswegs muss) und der Kampf gegen Lungenkrebs durch Rauchen. 25 Jahre später kosten Zigaretten in mit Todeswarnungen übersäten Packungen nicht nur das Dreifache, sondern die Raucher werden wie Leprakranke in gesonderten Zellen geparkt – Raucherzimmer in Kneipen, auf Bahnhöfen markierte Flächen usw.

Nun ist es natürlich richtig, dass Rauchen die Gesundheit nicht fördert, und statistisch gesehen entwickeln Raucher häufiger Lungenkrebs als Nichtraucher. Aber: Der Konsum von Zucker, Kohlehydraten (Kartoffeln, die meisten Reis-, Nudel- und Brotsorten wandeln sich im Magen in Zucker um) und Alkohol ist auch nicht gesund. Für Krebsforscher ist es überhaupt keine Frage, dass diese Stoffe in mengenmäßig größerem Umfang Krebs auslösen als Tabak.

Der zuständige Gesundheitsminister kann über solche Ausführungen nur überlegen lächeln. Der Punkt, würde er uns belehren, sei nicht, dass Tabakkonsum wie eben Zuckerkonsum auch Krebs auslöse, sondern dass der Raucher andere Menschen wider Willen „mitrauchen” lasse. Deshalb die Leprakolonie.

Gut gebrüllt, Löwe. Denn der Zuckerkranke und der durch Zuckerkonsum an Krebs Erkrankte nehmen im Gesundheitssystem gigantische Ressourcen in Anspruch, die dann wieder an anderer Stelle fehlen. Die Rückkehr von Infektionskrankheiten, die steigende Resistenz gegen Antibiotika (ab 70 stirbt man vor allem an Lungenentzündung, nicht an Lungenkrebs) u.a. haben viel damit zu tun, dass keine Haushaltsmittel zur Verfügung stehen, medizinisch mögliche Maßnahmen zu ergreifen. Platt formuliert: Der übergewichtige, dauerverstopfte, kuchenverschlingende Schnapstrinker killt den sporttreibenden, schlanken und auf gutes Essen Achtenden nicht in der Kneipe, sondern im Krankenhaus, wo die Lungenentzündung auf kein Antibiotikum mehr anspricht. Es gibt weitere Probleme. Beispielsweise ist unklar, wie sich angesichts zunehmender Luftverschmutzung, die aus vielerlei Gründen weiter ansteigen wird, das Rauchverbot auf die Zahl der Lungenkrebskranken auswirkt; möglicherweise sogar wirkt es sich überhaupt nicht aus.

Das Gesamtbild ähnelt einer total vermüllten 200 Quadratmeter Wohnung, in der sich der Staat einen Quadratmeter herausgreift und diesen manisch putzt. Die Wohnung bleibt dann letztlich genauso vermüllt wie zuvor.

 

 

 

 

 

Nur Gutes über die Toten Oder Wahrheitsliebe
Ein Gastkommentar von Dr. H. - J. Böhlk

Wir wissen nicht, was der Tod ist. Soweit zur Sachlage.
Diese Sachlage hat schon immer gegolten. Hilf- und Erklärungslosigkeit gegenüber dem Übermächtigen sind nicht neu. Anders als in früheren Zeiten scheint unsere Welt aber vom Verstand beherrscht, was einen kühlen Umgang mit den Unabänderlichkeiten, wie Tod oder Naturkatastrophen erwarten ließe. So haben wir kein Verständnis für die Begräbnis- und Todesriten früherer Zeiten. (Natürlich hilft insoweit auch das Strafrecht ein bisschen. Jungfrauen einem gestorbenen König ins Grab zu werfen, wie bei Inkas und Wikingern, ist nach heutiger Rechtslage Mord.) Historiker erklären die alten Zeremonien mit Religion und Glauben. Irgendwelche Völker des Altertums sahen ihre Könige eben in Lusthäusern des Jenseits, sie sahen sie weiterhin Schlachten schlagen oder wie immer sich das Diesseits ins Jenseits verlängern ließ. Tatsächlich sind wir beim Nichtverstehen von Tod nicht besser geworden. Die Konsequenz hätte also sein müssen, Tote still den Elementen zu überantworten. Das Gegenteil jedoch ist auch heute und bei uns der Fall. Je höher der Stand des Gestorbenen, desto aufwendiger die Zeremonien (wie bei den Urvölkern!). Auf dem Greenwood Friedhof in New York werden Grablagen nach Visibilität und Aussicht(!) verkauft wie normale Wohnimmobilien, die Grabsteine ahmen u.a. Rolls Royce-Motorhauben oder den römischen Petersdom nach.

Ganzseitige Anzeigen (das kostet z.B. in der FAZ zwischen 18.000,-- und 65.000,--), Begräbnisse und Leichenschmaus – vom Todesfall leben ganze Industrien.

Man ahnt, Religion und geistige Hilflosigkeit gegenüber dem Tod erklären wenig. Das Ableben eröffnet eine Plattform für die Kämpfe unter den Überlebenden. Geldmacht und Status werden fortgeschrieben. Beinahe am auffälligsten sind die Todesanzeigen für reiche Tote. Immer sind die Toten warmherzig, großzügig, klug und weitblickend. Der kleine Zyniker fügt hinzu, dass unter den Reichen offenbar die Gierigen, die verantwortungslosen Zocker, die Berufserben und Dummen, überhaupt schlechte Menschen nie sterben. In den Anzeigen wird gelogen und stellen die jeweiligen Unterzeichner ihre Eitelkeit aus, dass sich die Balken biegen. Aber so ist die Welt. Denn nicht nur eröffnet die Todesanzeige dem Unterzeichner eine Gelegenheit, sich in Stellung zu bringen, viel schlimmer wäre, was „die Leute sagen”, wenn es keine Anzeige gäbe oder die Wahrheit über den Toten mitgeteilt werden würde.

Solche Einsicht öffnet auch das Verständnis für die Wikingerriten. Es ging nie um den toten König, es ging um seine Nachfolge, um die Formierung der eigenen Fraktion, der „Getreuen”, kurz: um den Kampf der Lebenden gegen die Lebenden. Und so sind eben auch Friedhöfe Teil der Sprache, die Lebende an Lebende richten. Mit Religion hat das alles eher wenig zu tun.

Das Loblied auf die Toten ist das Loblied auf den jeweiligen (lebenden) Sänger. Das wussten schon die alten Römer: De mortuis nihil nisi bene, nur Gutes über die Toten, war der Kommentar über Nachrufe. Man sieht – am schönsten nachzulesen bei Seneca –  die Römer waren uns an Zynismus nicht unterlegen. Die Wahrheitsliebe gegenüber der Allmacht des Todes wurde schon immer und wird auch weiterhin überrollt im Stellungskrieg unter den Lebenden.

 

 

 

 

 

EHEC und die Wirklichkeit
Ein Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk

Es ist mal wieder alles falsch, wie eigentlich immer, wenn die Medien aufgeregte Töne anschlagen. Vorab das Ergebnis: Die EHEC Bakterie kann in 4 Wochen vergessen sein (wahrscheinlich) oder in einem Jahr die Menschheit ausgerottet haben (unwahrscheinlich).

Aber der Reihe nach. Die krakeelenden Journalisten und leider auch die meisten Leser wissen nicht, was ein Bakterium ist (ein Tier) und dass seine Übertragung anders verläuft als diejenige eines Virus (leblose Partikel). „Erreger“ nennt der ahnungslose Journalist einfach beide. Vor allem ob der modernen Hygiene breitet sich ein Bakterium drastisch langsamer und anders aus als ein Virus (man darf einen bakteriell infizierten Menschen küssen, nicht dagegen einen viral infizierten).

Sodann: Alle gucken auf das Phänomen, nicht auf die Quantität. Während derselben Zeit, da die Zahl der EHEC-Toten gezählt werden (per 04.06.2011 wohl 11) und eine statistische Wahrscheinlichkeit von ca. 5 % an Todesfällen von allen EHEC-Infizierten existiert - bei 2.000 infizierten Personen ist also mit ca. 100´Toten zu rechnen -, haben sich in Deutschland ca. 16.000 Neudiagnosen an Krebs eingestellt. An EHEC zu erkranken, ist statistisch abwegig, vermutlich selbst dann, wenn man nur rohe Gurken und Tomaten ungewaschen verzehrt. Durch die nächste Tüte Pommes Frites oder das nächste Steak einen dormanten Krebs zum Ausbruch zu bringen, ist vermutlich deutlich wahrscheinlicher.

Weiterhin: Die Quelle für EHEC ist auch schon entdeckt. Sie hat etwas mit rohem Gemüse und Biolandwirtschaft zu tun. Das Natürliche also schlecht, das Künstliche gut? Wieder falsch. Schon die Unterscheidung zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen, d.h. Menschengemachten, hat mit Wirklichkeit nichts zu tun. Alles ist natürlich, auch der Mensch selber und alle Stoffe, die er zur Herstellung von Nahrung oder Nicht-Nahrungsmitteln verwendet. Der Chemiker weiß: Nichts fällt vom Planeten, nichts fällt auf den Planeten.

Die schlichte Wahrheit ist, dass wir nicht genau wissen, was gut und was schlecht ist. Sogar noch schlimmer: Wir wissen nicht, was wir nicht wissen. Natur ist keineswegs immer gleich und sie ist auch nicht notwendig gut für uns. Im Gegenteil: Vermutlich ist die Natur menschenfeindlich, denn wir wollen nicht vergessen, dass der Mensch sich erst seit ca. 150.000 Jahren entwickelt hat, nachdem der Planet aber schon ca. 6.000.000.000 Jahre hinter sich hatte, anders ausgedrückt: Der Mensch lebt erst seit 0,6 % der Zeit auf dem Planeten, die der Planet schon existiert. Ob der Mensch ein Fehltritt in der Evolution, ein Zufall im Leben des Planeten oder der Beginn einer wunderbaren Veränderung von Natur ist, wir wissen es nicht.

Die Lebensmittel, die nicht aus der Biowirtschaft kommen, sind genauso empfänglich für Bakterien. EHEC wird sich als Sternschnuppe erweisen, wie einst vor 15 Jahren der Rinderwahn, eine andere Schnuppe wird am Firmament auftauchen, und wir verstehen das Weltall immer noch nicht. Es ist jedenfalls unverändert sinnvoll, den Ernährungsplan nicht auf Schokoriegel und Schweinefleisch zu reduzieren.

Guten Appetit in der Bio-Ecke Ihres Supermarktes!

 

 

 

 

 

Die Karriere des Sherlock Holmes
Ein Gastkommentar von Dr. H. - J. Böhlk

Jeder von uns hat ein schönes Weltbild, in das sich alles einfügt. Eine der Gemeinsamkeiten der vielen Weltbilder dürfte darin liegen, dass derjenige, der tölpelhaft oder sogar vorsätzlich Betrug und Falschspiel fördert, auch eine Strafe erhält, wogegen derjenige, der endlich die Wahrheit aufdeckt, sich als bewunderter Held in Zuneigung, Ruhm, Ehre und auch noch Geld sonnen darf. Sherlock Holmes lässt sich eben nicht beirren, er beendet seine Abenteuer als großer Sieger, und in irgendwelchen Märchen der Gebrüder Grimm finden wir dasselbe Muster. Die Sherlock Holmes gibt es auch in unserer Zeit und Wirklichkeit. Es sind diejenigen, die sich von aufgeblasenen Geschäftsaussichten und dem Geprotze mit Autos und sonstigem Luxus, die wiederum für Erfolg stehen, den Blick nicht trüben lassen. Da gab es Leute, die vor der Finanzkrise in 2008 fast verzweifelt warnten. Bei jedem großen Betrugsfall, der dann monatelang die Schlagzeilen füllte, fragten sich die Leute, wie so viele Beteiligte in Banken oder Großkonzernen auf einen offenkundigen Betrüger reinfallen konnten. Tatsächlich jedoch gibt es meistens Leute und hat es bei jedem dieser Fälle (Jürgen Schneider oder Bernard Madoff z. B.) gegeben, die erkannt hatten, was für ein Betrugskarussel betrieben wurde, so dass man fragen muss, warum deren Einsicht sich nicht durchsetzte.

Leider hält sich die alltägliche Wirklichkeit nicht an Detektivromane und Grimmsche Märchen. Nehmen wir einmal folgende Situation an: Eine Bank hat einem Kunden riesige Kredite gewährt, die wegen ihrer Beträge von allen Hierarchien der Bank genehmigt wurden. Dann entdeckt der Bankmit-arbeiter Sherlock Holmes, dass der Kunde ein Betrüger ist. Wenn er nun dies seinem Vorstand schriftlich gibt, erklärt er zwingend, dass der Vorstand und all die anderen, die die Kredite abzeichneten, Idioten waren. Wer hört solches gerne? Richtig, niemand. Das erste, was der Vorstand, dem das Memo über den Betrug vorliegt, folgerichtig unternimmt, dürfte im Zweifel die Versetzung oder sonstige Bestrafung, beispielsweise Kündigung, des Herrn Holmes sein. Das war die erste Ohrfeige für Holmes. Nehmen wir weiter an, der Betrug wird ein Jahr später unter großem Getöse aufgedeckt und Herr Holmes als früher Entdecker entdeckt. Wenn er überhaupt noch im Unternehmen arbeitet, hat er dennoch nur Feinde, nämlich diejenigen, die nicht auf ihn gehört und diejenigen, die die große Krise irgendwie überlebt haben. Freunde hat er keine, die Aktiengesellschaft kann sich nicht bedanken.

Ergebnis: Die Karriere des Sherlock Holmes findet nicht statt. Sie findet nicht statt, wenn der Skandal aufgedeckt wird, sie findet nicht statt, wenn er unentdeckt bleibt.

Und dies ist unsere Wirklichkeit. Niemand will Wahrheiten hören, niemand ist an ihnen interessiert. Wer nicht weiß, wie die Wahrheit aussieht, fühlt sich wohl, wer sie dagegen kennt, duckt sich – sinnvollerweise. Perfide und paradox, aber so funktioniert Menschheit.

 

 

 

 

 

360°
Ein Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk

Früher, als es noch Verkehrsregeln gab, fuhr das Auto auf der Straße, das Rad auf dem Radweg oder auf der Straße und der Fußgänger „fuhr” auf dem Bürgersteig. (Bei dem Wort kommt übrigens schnell ein Geschmack auf, scheint nämlicher Steig einst dem Bürger vorbehalten gewesen zu sein, nicht dem gemeinen Mann. Bis vor 50 Jahren sagte man auch verbreitet noch ‚Trottoir’). Diese Ordnung hat sich gründlich erledigt.

Das Auto ist klar der Verlierer in der neuen Ordnung, sofern man das Chaos in Frankfurt noch als solche bezeichnen mag. Schon vor 40 Jahren bekam der Fußgänger Vorfahrt an den Zebrastreifen, der Radfahrer war damals Zwitter zwischen beiden, von der Politik jedenfalls nicht weiter beachtet. Das änderte sich gegen 1980, als die Grünen frischen Wind in die politische Szene brachten. Der Radfahrerverband entstand, und landauf landab wurde langsam, dann aber langsam schneller werdend, zugunsten der Radfahrer nachgerüstet. Frankfurt ist nach der bescheidenen Kenntnis Ihres Kommentators Pionier an der Aufrüstungsfront. Einbahnstraßen wurden offiziell für Radfahrer zu Zweibahnstraßen, die meisten Straßen erhielten Radspuren und inzwischen unzählige Ecken Radabschließständer (falls es das Wort bisher nicht gab, hier ist es, denn eine bessere Vokabel bietet sich nicht an).

Der Mensch bleibt leider Mensch, egal ob grün, egal welcher der vielen Gruppen angehörig. Und so ist es nun einmal in der Politik: Stärkt man eine Gruppe, beansprucht die geförderte Gruppe die Welt für sich. So auch in Frankfurt. Der Krieg tobt: In der Einbahnstraße fordert der verkehrtherum-fahrende Radler moralisch die Entschuldigung vom korrekten Autofahrer, Ampeln gelten der radelnden Fraktion allenfalls als Empfehlung, und die Radspur auf der verkehrten Straßenseite zu nutzen, ist dem Radfahrer wildentschlossene Selbstverständlichkeit. Schnell gerät die autofeindliche Politik (die es übrigens entgegen eigenem Bekunden nie gut meint) in die Bedrouille: der Radfahrer hält auch die Fußwege für Radsportarenen. Wehe dem langsameren Fußgänger, womöglich noch mit Gepäck, Kinderwagen oder Hund unterwegs, der denkt, die anderen Fußwegteilnehmer entsprächen seiner Geschwindigkeit. Die Polizei weist die Unfälle, die diesem Irrsinn geschuldet sind, nicht aus. Aber die Zahl der Unfälle auf den Gehwegen wird steigen, diese Prophetie sei gewagt.

Ist das alles rechtmäßig? Das weiß kein Mensch. Auf Befragen weiß auch die Polizei nicht mehr genau, was Radfahrer dürfen. Was soll der Autofahrer tun, der in der Einbahnstraße vorschriftsmäßig links parkt, leider hinter einem Lieferwagen, durch den er nicht schauen kann? Sowie er mit der Kühlerhaube ausschert, befindet er sich in der Radspur. Auch sonst schießen die Radfahrer von allen Seiten herbei, so schnell kann man den Kopf nicht drehen. Hier ist die Antwort: Die Lösung liegt bei den Medizinern. Sie haben Autofahrer – auf Wunsch auch Fußgänger – mit einem Rundumblick zu versorgen. Nicht unser Augenfeld, sondern 360° (gegen Aufpreis mit Röntgenvorrichtung) sind angesagt, ungefähr wie bei einem Kaninchen oder manchen Vögeln (womit mal wieder bewiesen wäre, wie gering doch die Unterschiede zwischen Tier- und Menschenwelt).

 

 

 

 

 

Der Mensch als Hund
Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk

Über zwei Dinge sind sich die Menschen wohl einig: a) Tiere, z.B. auch Hunde, sind dümmer als Menschen. b) Menschheit weiß nicht alles.

Diese beiden Aussagen reichen, um eine Überlegung anzustellen. Nehmen wir einmal an, dass Menschheit weiter so vor sich hinlebt. Und nehmen wir mal an, dass plötzlich eine Invasion von Außerirdischen stattfindet, sagen wir eine Million von denen. Diese sind circa fünfmal so groß und stark wie ein Mensch, sie ernähren sich von Menschen, Tieren und Pflanzen, müssen aber natürlich wegen ihrer Größe das Fünffache essen. Sie kommunizieren in Zeichen und Lauten, die uns unverständlich sind. Und schließlich kämpfen sie gegeneinander um Sachen, die sich auf anderen Planeten befinden und deren Wert wir nicht verstehen. Da Menschen ihre Delikatesse sind, ahnt man, dass sich der Bestand an Menschheit bald reduziert. Und so müssen sich die überlebenden Menschen einrichten: Sie sind den Wesen unterworfen, die Wesen weisen uns die Nahrung zu, sie kaufen und beherrschen uns nach Gusto.

Tja, was machen wir dann? Beraten können wir die Wesen nicht, weil wir nichts aus ihrer Welt verstehen, unsere Schlauheit ist nicht ihre Schlauheit. Liebedienerei und Unterwürfigkeit in der Hoffnung, nicht gegessen, umgebracht oder weggeworfen zu werden – das ist, was von Menschheit übrigbleibt. Wie denken die Wesen über uns? Sie halten uns für dumm, für genauso dumm wie wir die Tiere halten. Um zu überleben und beliebt zu bleiben, würden wir geworfenen Bällen oder Geldstücken, die wertlos herumfliegen, hinterherrennen, jedenfalls wenn es den Wesen gefällt. Wir können zwar mit anderen Menschen weiterhin reden, obwohl wegen des wilden Hin- und Herschiebens von Menschenmassen, das die Wesen betreiben, unsere Muttersprachen schnell untergehen würde.

Nehmen wir weiterhin an, dass die Wesen Fahrzeuge haben, die wir als ein Fahrzeug kaum erkennen können – sie sind so schnell, dass unser Auge sie nicht erfasst. Da ist es um uns schnell geschehen, wenn wir auf eine Straße dieser Fahrzeuge geraten.

So viel zur Science Fiction. Die Ähnlichkeiten springen ins Gesicht: Für unsere Hunde sind wir genau das, was die Wesen für uns wären. Wir wissen nicht, ob unsere Hunde klug oder dumm sind, wir wissen nur, dass sie sich nicht artikulieren können. Für die Hunde sind wir schon da, das kann der klügste Hund nicht ändern. Unsere tolle Technik würde spurenlos untergehen, wir wären – um es klar zu sagen – ein hilfloses Tier. Wir haben keinen Grund, uns über Tiere zu erheben. Wir sind stärker als sie, aber das kann sich schnell ändern.

Da wir nicht alles wissen – siehe vorne – können wir nicht sicher sein, ob die Außerirdischen nicht plötzlich kommen. Und dann wäre der Mensch der neue Hund.

 

 

 

 

 

Die Buga und die Hungersnot in Afrika
Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk

Natürlich liegen die Probleme nicht im Kleinen. Aber – frei nach Bert Brechts Dreigroschenoper – die im Großen sieht man nicht.

In der Buga wird gegenwärtig gegraben. Ein kluger Kopf in der Stadt hat entdeckt, dass Wege nicht einfach Wege sein dürfen, sondern die muss man erst aushöhlen (mit schwerem Gerät), um sie hernach wieder zuzuschütten. Der große Ökonom Keynes spottete vor ca. 70 Jahren, dass der Staat, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden, doch die Unbeschäftigten einfach Löcher graben lassen möge, die dieselben dann wieder zuschütten könnten. Seitdem nennen Ökonomen staatliche Maßnahmen, die keine produktiven Arbeitsplätze schaffen, ‚Keynes’sche Löcher’.

Von denen gibt es in Frankfurt viele. Baustellen im Buga-Gelände sind ein Beispiel, das Umrüsten von vertikal auf horizontal gelattete Zäune im Grüneburgpark vor 10 Jahren ein anderes, und bei dem millionenschweren Neubau der Straßenecken im Nordend (noch im Gange) beschleicht den unschuldigen Betrachter ein ungutes Gefühl. Aber diese Löcher sind nicht der einzige Unsinn. Fröhliche Beschilderung zur Regulierung von Verkehr, die nichts mit Sinn zu tun haben, der (teure) Kampf um die Anerkennung als Weltstadt, der (noch teurere) Abriss von Häusern, die – auf 100 Jahre (!) gerechnet - nach 40 Jahren abgerissen werden (das Technische Rathaus) und eine (sehr teure) U-Bahn, die eine Stadt mit einer Ausdehnung von 1.500 mal 1.500 Metern bedient, die Liste lässt sich verlängern.

Nun gut, könnte man einwenden, Kommunalpolitik hat ihre Eigenarten, der Blödsinn, den die Städte teilweise anrichten, folge aus dem ständigen Lavieren mit Interessengruppen vor Ort. Na ja, brummt der gallige Kommunalbürger und Steuerzahler vor sich hin, vielleicht!

Kommen wir nun zum Großen. Mit dem ewigen Kommunalproblem der Hundehaufen (als ob sonst alles in Ordnung wäre) schlagen sich Merkel, Obama, Russische und Israelische Präsidenten nicht herum. Sind sie denn wenigstens auch besser als Kommunalverwaltungen, die Parks nicht in Ruhe lassen können? Wenn man die Schlagzeilen großer Zeitungen liest, die Statements der Staatshäupter zu Arbeitslosigkeit (sie sind immer dagegen), Haushaltsdisziplin (sie sind immmer dafür), Nahost-Konflikt (sie sind immer für Frieden), Hungersnot in Afrika (sie sind immer dagegen), Einigkeit (sie sind immer dafür) usw. hört, dann möchte man meinen, da herrsche Vernunft.

Wenn da nicht eine Kleinigkeit wäre! Niemand weiß, woher Arbeitslosigkeit kommt oder wie man sie beseitigt, niemand weiß, wie man den Nahost-Konflikt befriedet, die Welt ist undurchdringlich, es gibt kein Weltproblem, das jemand kontrollieren könnte, beobachten lässt sich nichts (anders als im Buga-Gelände), und die Politiker wissen das. Sie wissen, dass sie allen alles erzählen können, und dass niemand Sinn von Unsinn auseinanderhalten kann. Pressesprecher sagen nur Sachen, die so durchgestylt sind, dass man mit dem Klammerbeutel gepudert sein müsste, anderer Meinung zu sein. Alles, was dem Sprecher nicht gefällt, lässt er einfach weg.

Journalisten kontrollieren das politische System wie der Croupier die Roulettekugel, nämlich gar nicht. Im Zweifel lässt sich der Journalist auch noch als Sprachrohr für auch die offenkundigsten Widersinnigkeiten missbrauchen. Und so sieht Welt ja auch aus. Der Staat hat noch nie ein Problem beseitigt, er hat allenfalls durch endlose Kriege welche geschaffen.

Dürfen wir dann aber, müssen wir nicht sogar folgern, dass das Beobachtbare im Kleinen, die Unsinnigkeiten im Buga-Gelände, im Großen auf anderen Gebieten auch passieren? Ja, wir dürfen und wir müssen.

 

 

 

 

 

Die Besteuerung des Atmens
Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk


Dass der Staat mit unseren Steuergeldern willkürlich umgeht, ist erstens bekannt und zweitens langweilig. Unschöner wird es – auch wenn wir wegen staatlicher Übermacht und Allmacht es als selbstverständlich hinnehmen -, wenn wir für den Umstand, dass wir leben, besteuert werden. Nichts anderes tut die Mehrwertsteuer, sie belastet den Konsumenten. Ihr Kolumnist entschuldigt sich hiermit beim Staat, dass er geboren wurde, und versichert, dass er für dieses Delikt bereit ist, auch in Zukunft Steuern zu zahlen.

Unschön sind auch die Ideen, die der Staat und seine Diener als Besteuerungsgründe immer wieder ausbrüten. Die Sektsteuer von 1902 (gedacht für den Bau der Kriegsflotte) oder - noch zur selben Zeit geltend! - eine auf den Kreis Meppen-Lingen beschränkte Abgabe der Müller für den Wind, der ihre Mühlen antrieb, wären Beispiele. Immerhin: Die Sektsteuer ist geblieben, eine Windsteuer wird gegenwärtig in Deutschland wohl nirgends, auch von keiner Kommune, erhoben. Dafür aber gibt es die Hundesteuer. In Frankfurt kostet der erste Hund 90,--, der zweite 180,--, diese Tarife durchaus in Einklang mit dem Mittelmaß in den Städten. Wofür gibt es diese Steuer? Ihre Geschichte gibt wenig Hinweise. Hunde waren vor vielen Hundert Jahren Wirtschaftsgut und Einkommensverschaffer; ihre Besteuerung (nicht durchgehend und nicht überall, aber immer wieder mal) entsprach einer Art vorgelagerter Einkommenssteuer. Anfang des 19. Jahrhunderts dann fand der preußische Staat, dass Hunde Luxus seien und besteuerte sie deswegen (Luxussteuern gibt es auch heute noch, z.B. heftig in Israel). Sicher ist aber heute und bei uns, dass wir eventuelle Gewinne aus Hundehaltung als Einkommen besteuern (wie alle anderen Einkommen auch) und dass wir eine Luxussteuer nicht kennen. Wozu also die Steuer?

Man mag es drehen und wenden, wie man will, eine vernünftige Antwort ist nicht in Sicht. Natürlich befreit sie den Hundebesitzer nicht etwa davon, Hundehaufen beseitigen zu müssen. Vielmehr wird er – schön rechts- und verfassungswidrig – über nebulöse Verschmutzungssatzungen und Strafandrohung zu allem verpflichtet, was man für die gezahlte Steuer ja von der Stadt erwarten könnte. Die kleine Überlegung, durch Steuern die Züchtung von und den Handel mit Kampfhunden zu unterbinden, scheint ja berechtigt, rechtfertigt aber nicht die Steuer für alle übrigen Hunde.

Wir wollen aber konstruktiv sein und nicht nur immer nörgeln. Schauen wir uns doch mal um, was der Staat oder die Kommune (ohnehin dasselbe, auch wenn die Juristen aller Wirklichkeit zum Trotz es bestreiten) sonst noch besteuern könnten. Wie wäre es mit Lampen (muss man wirklich im Dunkeln lesen?), mit Kugelschreibern (das ganze Geschreibe macht die Leute ohnehin nicht glücklich. Und wer soll das alles lesen?) oder Socken (sollen die Leute doch längere Hosen tragen)? Gottseidank werden all diese Sachen über die Mehrwertsteuer schon erfasst, wie die Hunde auch. Aber damit die Dinge nicht zu kompliziert werden, machen wir es doch einfach wie die GEZ (bei der es jetzt auch nicht mehr darauf ankommt, ob man ein Radio oder Fernseher hat): Besteuern wir doch einfach das Atmen!

 

 

 

 

 

Bürokraten!!
Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk

Die Friedhofsverwaltung setzte vor einigen Jahren am Ehrengrab des um 1900 regierenden OB Franz Adickes (dem Frankfurt im wesentlichen seinen heutigen Grundriss verdankt) eine Plakette, wonach die Laufzeit beendet und das Grab in Kürze abgeräumt werde. (Die zuständige Denkmalschützerin bekam fast einen Herzinfarkt, als sie davon erfuhr.) Und solche sind unsere Erfahrungen mit den großen Apparaten: Weltfremdheit, Umständlichkeit, Sich-Zeit-lassen, als ob wir ewig lebten, und die Politik der einen Hand, die nicht weiß, was die andere tut. ‚Bürokratie’ ist die einschlägige Schimpf-Vokabel; viele Politiker, vor allem in den USA, machen sie zu ihrem Wahlprogramm.

Wie so oft – leider ist die Welt unendlich komplizierter, als Volksmund und Politik es gerne hätten. Deutschland ist eben keine gemütliche Clique von 40 Leuten, sondern 80 Mio. Menschen wollen ihr Recht. Das sind viele! Und als vor ca. 350 Jahren die ersten Ideen aufkamen, Vorschriften, Verwaltung und Justiz mit den Aufgaben zu betrauen, die zuvor irgendwelche Fürsten oder Könige frei nach Willkür wahrnahmen, waren es im Gebiet des späteren Deutschland auch schon ungefähr 10 Millionen. Für die Einrichtung einer Verwaltung, die nicht die Menschen, sondern den Fall ansah, und die wenigstens Sinnvolles tun wollte, wurde gekämpft und gestorben. Die Herrschaft des Büros (deutsch für ‚Bürokratie’) war Wunschtraum und Ziel von Bürgern und Arbeitern. Die Bürokratie war im 19. Jahrhundert der Fortschritt schlechthin, das Wort war Versprechen, nicht Drohung. Der größte Anti-Bürokrat übrigens war Hitler, der sich einen Dreck um Vorschriften scherte, am frühen Nachmittag aufstand (er ging regelmäßig erst um 4 Uhr schlafen), eine Idee hatte, die dann unbürokratisch umgesetzt wurde. Vorsichtig formuliert, kann man wohl sagen, dass es keine guten Ideen waren.

Das alles soll nicht die Schlamperei und die elenden Zeitabläufe rechtfertigen, die die moderne Verwaltung gerne produziert. Ihr Kommentator ist der Letzte, der Verständnis hat für den Un- und Widersinn, den alleine die Stadtverwaltung in Frankfurt am Main anrichtet (siehe viele meiner bisherigen Kolumnen). Dennoch ist dies kein Grund, die Verwaltung als Institution zu beschimpfen. Im Gegenteil: Während die Wünsche immer individueller werden, unsere Gesellschaft sich immer mehr aufsplittet, benötigen wir eine Herrschaft des Büros, die das alles einigermaßen zusammenhält. Unbürokratisches Handeln ist das Letzte, was wir uns wünschen. Denn dann käme der Telefonanschluss nicht spät, sondern nie.

All das gilt auch für die Kirchen. Auch diese müssen sich gut überlegen, wie sie Gottes Wort umsetzen, ohne irgendwelchen Spezis und Insidern Vorteile zukommen zu lassen. Im Verhältnis zur katholischen Kirche wirkt auch die undurchdringlichste weltliche Bürokratie – die Telekom oder die Finanzverwaltung wären Beispiele – wie ein Waisenknabe: Der Vatikan pflegt Briefe erst nach ca. 150 Jahren zu beantworten.

 

 

 

 

 

Wie finde ich eine Parklücke?
Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk

Tja, wie? Indem man den Pkw durch einen Lkw, gerne auch einen 38-Tonner, ersetzt. Wie oft werden Lastwagen abgeschleppt? Nie! Sie stehen zuweilen mitten auf Kreuzungen, oft vor Geschäften, aber nicht immer. Sie stehen da, und niemand, auch die Polizei nicht, rührt sie an, Punkt.

Nicht nur, dass die Stadt sämtliche kleinen Ecken und Plätzchen, die man in den 80er Jahren in der Stadt vielleicht noch finden konnte, durch Pfähle gesperrt hat, sie hat auch mit den Kontrollen für Anwohnerparken und praktisch überall geltenden Halteverboten dafür gesorgt, dass die illegale Parkerei immer seltener wird. Ein gelungenes Stück Politik, möchte man meinen. Tatsächlich dürfte dies aber nur derjenige meinen, der in Frankfurt nicht Auto fährt. Denn da gibt es reichlich perfekt geplante Straßen, die Eschersheimer Landstraße oder der Reuterweg zum Beispiel – klare Fahrspuren, mittige Trennung vom Gegenverkehr usw. Leider müssen die anliegenden Geschäfte beliefert werden, was meistens durch LKWs geschieht, die dann zum Beispiel eine von zwei Spuren faktisch sperren. Oder die Lieferwagen stehen gerne, im Westend zum Beispiel, auf den schraffierten Ecken, und blockieren damit hoffnungslos jegliche Sicht (sie tauchen auch in keinem Unfallbericht auf, wenn es knallt, dann fahren sie einfach weg, denn sie sind ja nicht betroffen). Kurz: Halteverbote, Sichtblockaden, Kreuzungsabstand, annähernd der ganze Katalog von innerstädtischen Verkehrsregeln außer dem Rot der Ampeln und vielleicht noch der Einbahnstraße (was übrigens für Baulastwagen regelmäßig auch nur eine Empfehlung darstellt) gilt für LKWs nicht.

Nun denn, was sagt unsere Polizei dazu? Fragt man sie auf der Straße, variieren die Antworten zwischen eisigem Schweigen und der Aufforderung, man möge sich um die eigenen Angelegenheiten kümmern. Ein Polizist entgegnete einmal treuherzig, was die Geschäfte und die Lieferwagen denn sonst machen sollten, es gebe ja für sie keine Alternative. Und dies scheint doch den Nagel auf den Kopf zu treffen – was soll denn die Stadt tun? Auf Geschäfte kann und will sie nicht verzichten, und den Platz für Liefer-LKWs kann sie nicht herbeizaubern. Uuups, die Stadt- und Verkehrsplaner planten etwas, von dem sie wussten, dass es gar nicht geht? Und – oder oder – die Stadt setzte Rechtsregeln (Halteverbote etc.), von denen sie wusste, dass die Leute  sie übertreten mussten, und wollte diese Übertritte gar nicht bestrafen?

Das Schlimme an alledem ist nicht, dass die Straßen nur begrenzt Raum bieten und dass eben der sonstige Verkehr aufgehalten wird. Das Schlimme ist, dass die Stadtverwaltung ihre eigenen Verkehrsregeln nicht ernst nimmt. Wer schützt uns denn davor, dass sie Regeln und Gesetze in anderen Bereichen auch nicht ernst nimmt? Niemand. Ausreden, warum irgendetwas als Regel nicht so ganz, eher nur meistens zu gelten habe, lassen sich wohl immer finden. Regieren ist eben schwierig.

 

 

 

 

 

Was denn nun – ist Gemeinsamkeit gut oder schlecht
Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk


Einmal zählte Frankfurt zu seinen Einwohnern einen Denker. Die meisten tippen auf Goethe. Ihren Kolumnisten hat Goethe eher unbeeindruckt gelassen, der Denker ist Schopenhauer, begraben seit 1860 auf dem Hauptfriedhof, ganz nah an der Eckenheimer Landstraße. Schopenhauer verglich Menschheit mit Stachelschweinen, die, wenn nah, einander stechen und die deshalb die Ferne voneinander suchen. Aber sobald sie endlich getrennt sind, frieren sie und suchen wieder die Nähe, und das Spiel beginnt von vorn. Deshalb sah er die Menschheit als einen verlorenen Haufen bigotter Charaktere an.

Denselben Vorgang nennt die Wissenschaft Herdentrieb und Differenzierung. Ständig wollen sich Menschen abheben: Ich bin anders als die anderen, geht die Behauptung. Sie heben sich ab durch eigene Kleidung, das Hin- und Herschieben neuer Möbel halten sie für einen Ausweis von Geschmack, und jeder zweite Verkäufer von irgendetwas bietet es als „etwas Exklusives” an. Kaum jemandem scheint aufzufallen, dass der Anbieter damit möglichst viele Käufer anziehen will, also auf genau das Gegenteil von ‚exklusiv’ abzielt. Und jeder, der sich für etwas Besonderes hält, merkt offenbar nicht, dass er gar nicht weiß, wie beispielsweise die anderen 80 Millionen Deutschen eigentlich sind; die eigene Ameisenperspektive zählt nun einmal nicht. Das Besondere lässt sich vom Allgemeinen nicht unterscheiden. Aber auch jenseits von Konsum und Geschmack differenzieren sich Menschen. Man nehme eine x-beliebige Gruppe von Gleichen und lasse sie allein. Nach kurzer Zeit hat sich ein Führer herausgeschält, die Männer meinen ohnehin, besser zu sein als die Frauen, die großen Männer fühlen sich den kleineren überlegen usw. Mit Gleichheit und auf Gleichheit bauender Harmonie können Menschen nicht umgehen.

Wenn wir dann aber Abstand und Hierarchie hergestellt haben, suchen wir gleich danach wieder „den Kontakt”, den vom Bundeskanzler über Konzernchefs und Vertriebsleiter zu ehemaligen Klassenkameraden niemand missen möchte.

Es ist noch schlimmer. Neurologen wissen, dass all solches mehr hormon- als gehirngesteuert ist. Testosteron und Östrogen spielen da übrigens geringere Rollen als Serotonin, Oxytonin und andere Hormone und Botenstoffe.

Womit wir am Ende sind. Nicht nur kommt Menschheit nicht ohne Kampf und Krieg aus, sie weiß nicht einmal, ob sie Gemeinsamkeit nun will oder nicht. Die Titelfrage ist natürlich falsch, in Sachen Gemeinsamkeit gibt es weder ‚gut’ noch ‚schlecht’. Wahr ist nur, dass Menschheit die Gemeinsamkeit weder kann noch auf sie verzichten kann.

Ist Menschheit verloren? Na ja, das ist natürlich lyrisch überzeichnet, aber ein evolutionärer Irrtum ist sie allemal. Da gibt es Schopenhauer nichts hinzuzufügen.
Anm. d. Redaktion:

In der Ausgabe vom 02.03.2010 hatten wir angekündigt, Ihnen mitzuteilen, wer Jörg Hamann war. ‚Die Kolossosaurier‘ waren ein Gleichnis auf das Haustier, im veröffentlichten Aufsatz auf den Hund: Jörg Hamann versteht unsere Sprache nicht, er muss um seine Nahrung bangen und wird - ohne dass er es versteht - geschlagen, weil er auf die Toilette musste. Jörg Hamann war ein Haushund.

 

 

 

 

 

Wie werde ich glücklich?
Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk

Widersprüche gibt es in der Wirklichkeit nicht: Der Richter weist nicht die Klage ab und gibt ihr zugleich statt, das Auto wird nicht zugleich schneller und langsamer, die einfarbige Jacke ist nicht zugleich gelb und blau. Widersprüche gibt es nur in der Quasselei der Menschen, sie werden einfach behauptet; ‚der schwarze Schimmel’ oder ‚der kluge Politiker’ wären Beispiele. In der Wirklichkeit gibt es dagegen Paradoxien, die Scheinwidersprüche oder das Auseinanderlaufen von Mittel und Zweck. Paradox ist, dass der sich in alles einmischende Staat damit alles tut, um sich selber aufzulösen, und wenn der Kreter sagt „alle Kreter lügen”, muss er lügen, um die Wahrheit zu sagen.

Was steht dem Glück, dem Glücklichsein entgegen? Oft ist es der unerfüllte Konsum, obwohl die meisten Menschen wissen, wie wenig das neue Möbelstück Glück bringt, wie flüchtig das neue Auto ist, sogar die Nachbarn sind nach kurzer Zeit neidlos-desinteressiert, jedenfalls zum neuen Autobesitzer keineswegs netter. Dann gibt es die Gesundheit, für die der Kranke alles Irdische geben würde. Obwohl auch dort gilt, dass Gesundheit alleine nicht zum Glück verhilft. Dann gibt es die unerfüllte oder zurückgewiesene Liebe, auch hier sind die Dinge jedoch relativ, es gibt eben noch viele andere Menschen, die auch liebenswert sind.

Die Antwort auf die Frage, was dem Glück entgegensteht, scheint schwierig. Ein Umstand dagegen mag einen Hinweis geben. Auffällig ist, dass Verantwortungsbewusstsein dem Glücklichsein zuwiderläuft – die Eltern, die sich für ihr Kind opfern, der Arzt, der sich wirklich um die Kranken kümmert, das Kind, das die alten Eltern pflegt, die Beispiele sind unendlich. Verantwortungslose sind immer gut gelaunt, außer ihrem eigenen Geld etc. ist ihnen alles egal. An demjenigen jedoch, der sich im Unternehmen um das Unternehmen kümmert, bleibt der ganze Dreck hängen. Andererseits steckt im Verantwortungsbewusstsein etwas, vor dem viele Menschen nicht davonlaufen können. Sie könnten selbst dann nicht verantwortungslos sein, wenn sie es wollten.

Und darin steckt ein Paradox, ein Scheinwiderspruch. Verantwortung zu akzeptieren und auszufüllen, raubt Kräfte und Zeit. Andererseits kann der Verantwortungsbewusste nicht schlafen, wenn er um die nicht-erfüllte Pflicht weiß. Unter all den unbeantworteten Fragen nach den Gründen und Wegen, wie man glücklich wird, führt keine zum Ziel. Keinem Menschen wurde an der Wiege versprochen, dass er glücklich werde, eher das Gegenteil. Die Menschheit eignet sich nicht dazu, glückliche Menschen zu produzieren. Wenn überhaupt, schafft dies der einzelne Mensch alleine. Die erfüllte Verantwortungspflicht für andere oder das Gemeinsame produziert Zufriedenheit mit sich selber, dies ist wohl der erste Schritt zum Glücklichsein. Das Geschwafel, warum Arbeitslosigkeit unglücklich macht, lässt sich leicht reduzieren darauf, dass der Arbeitslose nicht mehr gebraucht wird, eben keine Verantwortung mehr hat. Diese Verantwortung kann man sich aber auch woanders suchen, nicht nur durch bezahlte Arbeit. Paradox also, dass man Energie und Zeit für andere opfern muss, um glücklich zu werden, aber wahr.

 

 

 

 

 

Die Kolossosaurier
Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk

Jörg Hamann hatte gar nicht mitbekommen, wie er in das Zimmer geraten war, zu schnell hatten sich die Ereignisse überschlagen. Eben noch in Frankfurt-Sachsenhausen, seiner Heimat, und unter seinen Bekannten, mit denen er aufgewachsen war, dann die Begegnung mit diesem merkwürdigen Mann - Hamann musste die Besinnung verloren haben. Jedenfalls fand er sich jetzt irgendwo, ohne Orientierung, dem denkbar Entsetzlichsten ausgesetzt: Um ihn herum keine Menschen, sondern Wesen, die er in seiner Hilflosigkeit „Kolossosaurier” getauft hatte, ihn um ein Mehrfaches überragend und keine ihm verständliche Sprache sprechend. Er konnte gar nicht so schnell denken, wie sich um ihn herum die Dinge ereigneten.

Sie hatten ihn in einen Raum gesperrt, ohne dass er eigene Möglichkeiten besaß, sich zu ernähren. Andererseits: Die Kolossosaurier boten ihm Essen und Trinken - woraus die Nahrung bestand, konnte er nicht bezeichnen, sie war aber genießbar. Als Schlimmstes empfand er, dass die Saurier ihm körperlich bei allem überlegen waren, er war ihnen vollends ausgeliefert. Ihre Bewegungen waren schnell, sie waren stark und vielleicht fünfmal so groß wie er. Am Anfang hatte Hamann sie auch nicht auseinanderhalten können, erst mit der Zeit lernte er, wenigstens zwei der Wesen als diejenigen zu identifizieren, die ihn offenbar als ihren Besitz betrachteten. Dieser Umstand minderte allerdings nicht etwa Hamanns Torturen, denn diese beiden waren brutal zu ihm. Egal was er tat - es war falsch. Einerseits hatte er oft den Eindruck, dass sie irgendetwas von ihm erwarteten, andererseits wusste er nie, was es war. Und sie schlugen ihn. Manchmal lag er zitternd nachts in seiner Schlafecke, und wusste nicht, ob er von den Schlägen des vergangenen Tages zitterte oder vor denen, die am nächsten Morgen kommen würden. Manchmal dachte er sogar an Widerstand, ließ aber schnell solche Phantasien fallen, denn was Gegenwehr auslösen würde, wenn schon seine besten Bemühungen dauernd Schläge verursachten, mochte er sich nicht ausmalen. Nun waren es nicht nur Strafen, die er sich wofür auch immer einhandelte, sondern auch Gesten, die die Kolossosaurier wohl als Belohnung auffassten. So streichelten sie ihn am Bauch oder über den Kopf - er wagte aber nicht zu protestieren oder abzuwehren.

Oft dachte er an seine frühere Welt zurück. Was er jetzt erlebte, hätte er seinen Freunden nicht einmal schildern können. Hamann erinnerte sich, dass er einmal in einer Kneipe an der Gartenstraße mit seinem Kumpel Ulli darüber sinniert hatte, wie es wäre, wenn man in Afrika in einem Gefängnis säße, umgeben von Schwarzen, die nur Kisuaheli sprächen und dauernd mit ihren Waffen herumfuchtelten, wie hilflos und ausgeliefert man sich da plötzlich vorkäme. Aber diese Welt, in der sich jetzt fand, war ja noch viel irrer; um ihn herum gab es ja nicht mal Menschen. Nichts, was früher normal war, war normal jetzt, im Zweifel war es ohnehin falsch, wie er sich verhielt. Dieses Gefühl, nichts mehr für sich selber tun zu können, ohne Orientierung, wie er seine Lage hätte verbessern können, nie wissend, was als nächstes kommt, ob er je wieder Nahrung erhalten würde oder wann, ob er überleben würde, ob, ob, ob...er wusste nicht einmal, wann er auf die Toilette durfte (als er einmal in Not in die Ecke Wasser gelassen hatte, konnte er zwei Tage kaum aufstehen, so hatte die danach ihm verabreichte Prügel geschmerzt) - das alles ließ Hamann an seinem Verstand zweifeln.

Hamann verbrachte den Rest seines Lebens unter den Kolossosauriern.

Anm. d. Redaktion:Wer Jörg Hamann war, steht in unserem nächsten Gastkommentar in der Ausgabe vom 23.3.2010.

 

 

 

 

 

Ach du großer Gott, Doping!
Gastkommentar von Dr. H.-J. Böhlk

Niemand wurde wahrscheinlich so oft beim Pinkeln beobachtet wie Lance Armstrong. Und das hatte seinen guten Grund. Denn seit vor nunmehr 42 Jahren anlässlich eines Todesfalls während der Tour de France entdeckt wurde, dass die Fahrer Mittelchen schlucken, um fitter zu sein, veranstalteten die Sportverbände, getrieben von Presse und Politikern, eine Jagd auf die Doping-Sünder. Es entstand eine ganze Kontrollindustrie und eine Armada von Chemikern, die den Radlern hinterher forschen, ob sie auch tatsächlich nur Spinat gegessen haben. Jedoch: Immer nachdem ein Funktionär verkündet, dass jetzt alles sauber sei, taucht ein neuer Fall auf, zur Not auch in anderen Sportarten. Basketball, Tennis und – wir wagen eine Prophezeiung – mehr oder minder alle anderen Profi-Sportarten auch haben ein Doping-Problem oder werden es haben. Die Absicht der Jäger ist gut. Da gibt es den sich nur satt essenden und hart trainierenden Sportler, und dann kommt ein Konkurrent, der mit Hilfe der Apotheke das Rennen macht, und das heißt im Sport heute Ruhm, Geld, Macht; es sind dieselben Belohnungen, die es aus anderer Berufstätigkeit auch gibt, mit vielleicht etwas mehr Ruhm. Der Doping-Jäger kämpft also dafür, dass der Körper nicht mehr hergibt, als dem Athleten in die Wiege gelegt wurde.

So edel der Gedanke, es steckt leider ein Haken in ihm. Was dürfen wir eigentlich von Berufstätigen erwarten, die überdies heftig um große Belohnungen konkurrieren? Verzicht, Fairness, vielleicht noch – wie Goethe dichtete - Helferherz, Güte und Edelkeit? Zu der Abwegigkeit, solches zu erwarten und durchzusetzen, tritt weiteres hinzu: Was ist denn mit dem Verkäufer, der Muntermacher und Pillen für die gute Laune schluckt? Auch er fälscht den Wettbewerb mit Hilfe der Apotheke, bei ihm gucken nur ein paar weniger Leute zu. Was ist denn mit China, wo von Staats wegen die Dreijährigen eingesammelt werden, um die folgenden 15 Jahre auf ihren Einsatz bei Olympia trainiert zu werden? Was diesen späteren Einmal-Helden im Verlaufe ihrer Vorbereitung alles eingeimpft und gefüttert wird, lässt vermutlich die dopenden Radler der Tour de France wie Sängerknaben aussehen. Unterschlagen sollte man auch nicht, dass unter den Sportlertischen ein Chemikerkrieg stattfindet – diejenigen, die Doping aufspüren, gegen diejenigen, die nicht aufspürbare Mittel erfinden. Und die Goldmedaille gewinnt dann im Zweifel der Sportler, der gerade den besseren Chemiker kennt.

Zuguterletzt: Ach du großer Gott, Sprinter X war gedopt! Ja und? Die Körper der Olympiateilnehmer oder Fußballstars haben mit den unsrigen so wenig zu tun wie ein Formel 1-Bolide mit einem gebrauchten VW Golf. Das Schöne am Sport ist doch seine Ästhetik, vielleicht noch die Wettkampfspannung, wie eben im Formel 1-Rennen auch. Wer da gewinnt, ist egal; die Gewinner zahlen ihren Anhängern nie eine Belohnung. Ach so, da gab es noch etwas. Der eifrige Verbandsfunktionär will die Sportler davor beschützen, dass sie tot umfallen. So spielt also der gedopte Sportler mit seinem Leben? Ja, vielleicht, das tun aber Millionen andere Berufstätige mit Überanstrengung und unverdaulichem Stress auch.

 

 

 

 

 

Der Ausblick - nicht nur auf 2010 -
Von unserem Frankfurt-Korrespondenten (in einem nicht näher genannten Jahr):

Petra Roth, seit nunmehr 45 Jahren Oberbürgermeisterin von Frankfurt, wurde gestern mit einer Wahlbeteiligung von 4,2 % praktisch für eine weitere Amtszeit wiedergewählt. In einer Rede vor dem Parteitag der Jamaikaner (wie sich die ‚Grünen’ seit 2015 nennen) erklärte Lutz Sikorski, für jegliches Koalitionsthema offen zu sein. Zudem machte Sikorski witzige Anspielungen auf sein Alter und der Zahl 90, was niemand bei der lange zurückliegenden Vereinigung mit dem Bündnis 90 für möglich gehalten habe; Frau Roth, so rechtfertigte er seinen Verbleib im politischen Amt, gehe ja auch auf die 100 zu.

Wie schon in den letzten Jahrzehnten stand auch dieses Mal wieder die Konkurrenz zu Eschrad (der Fusion der früheren Gemeinden Eschborn und Niederrad, letztere hatte sich 2021 von Frankfurt getrennt) im Mittelpunkt. Frau Roth wies darauf hin, dass es seit 2036 keinen Autostau mehr in Frankfurt gegeben habe und die Luft nur noch von Eschrad mit seinen inzwischen über eine Million Einwohnern und seinen Autolawinen verschmutzt werde. Kritische Stimmen aus der früheren SPD (die sich bekanntlich schon 2019 aufgelöst hat) vermerkten, dass das kein Wunder sei, da es seit 2033 kein Auto mehr in Frankfurt gebe.

An Streitpunkten für die neuen Koalitionsgespräche mangelt es nicht. Die FDP beharrt darauf, dass in mindestens 30 % der Schulklassen Deutsch gesprochen werden müsse und dass mindestens 30 % der Lehrer einen Deutschtest erfolgreich absolvieren müssten; dieser Prozentsatz entspreche dem Abschneiden der FDP bei den Wahlen und sei von daher „natürlich”. Die Jamaikaner fordern eine generelle Absenkung aller Bordsteine auf das Niveau der Straßen, die ja an drei Tagen der Woche nur von kinderwagenschiebenden Müttern und an den anderen Tagen von Marathonläufern und Skatern benutzt werden würden. Dem trat Frau Roth entgegen. Mit dem gelungenen Sale-lease-back-Vertrag von 2029 mit der kalifornisch-chinesischen CalChing-Bank seien die Bürgersteige verkauft worden; leider bestimmten sich die Zahlungsraten auf Basis des nicht mehr existierenden US-Dollars, dessen Verhältnis zum EURO sich reversely zum GoldmanSachs-Subindex auf lateinamerikanische Swap-Kreditderivate errechne, und leider habe die CalChing-Bank Konkurs angemeldet. Damit gebe es keine Haushaltsmittel mehr für Ausgaben, die nicht dem Erhalt der Stadtverwaltung dienten. Kritisch verlautete dazu aus Kreisen der früheren SPD, dass die Wahlbeteiligung mit der Mitgliederzahl von FDP, CDU und den Jamaikanern übereinstimme und dass seit fast zehn Jahren jedes Parteimitglied zugleich Mitarbeiter der Stadtverwaltung sei, was 100 % der gesamten Mitarbeiterschaft entspreche. Scharf trat der mutmaßlich erneute Verkehrsdezernent Sikorski der Kritik an der Verkehrspolitik entgegen. Vorausschauend habe man bis auf eine Linie alle Straßenbahngleise abgebaut und zwar umfasse jetzt jeder Zug nunmehr zwölf Waggons, die wegen der auf 68.000 gesunkenen Einwohnerzahl von Frankfurt praktisch immer leer seien, aber das hätten die Jamaikaner nicht zu vertreten, das sei der früheren SPD vorzuwerfen.

Alle Parteien bedankten sich bei den Wählern für das Vertrauen. Sie zeigten sich mit dem Ergebnis der Kommunalwahl zufrieden und interpretierten es als Zustimmung der Bevölkerung zur bisherigen Politik, die man fortsetzen werde.

 

 

 

 

 

Das Geschenk, das sich bewegt
Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk

Ach wie süüüüß! Der guckt ja süßer als alle, die ich je gesehen habe! Mama, können wir den behalten? Wie heißt der denn? Guck mal, Mama, er läuft!
Das dürften so die gängigen Ausrufe und Schreiereien sein, die sich vor Weihnachtsbäumen ereignen, wenn aus einem der Pakete ein kleiner Hund wackelt. Alles kräht durcheinander, ist begeistert und verspricht dem Tier Liebe auf ewig und darüber hinaus. Aber wie die Sache mit der Liebe so geht – schon am selben Abend stellen sich die Wahrnehmung von Last und ein bisschen Ärger ein, wenn das lebende Geschenk ins Zimmer macht, obwohl man gerade mit ihm vor der Tür war. Am nächsten Morgen, der mit dem weiteren Ärger beginnt, dass man ja lange schlafen wollte, aber entweder früh mit dem Hund raus musste oder einen Haufen im Zimmer vorfand, werfen sich weitere Schatten auf die ewige Liebe. Als man nämlich mit dem Süßen auf der Straße war, der auch prompt und brav sein Häufchen machte, kam ein Nachbar vorbei und fragte aggressiv, ob das unbedingt hier auf der Straße zu erledigen sei.

Und so geht es unweihnachtlich weiter: Kosten für Tierarzt, Hundesteuer, Leinen, Spielzeug und Futter, Futterunverträglichkeiten, Durchfall, nächtliches Gassigehen, Ärger mit Nachbarn und Mitbewohnern (weil zum Beispiel das Geschenk unvermittelt anfängt zu bellen, ohne sich beruhigen zu lassen), ständiger Terminskonflikt zwischen Gassigehen und sonstigem Alltagsstress, die Enttäuschung mitansehen zu müssen, wie das eigene Kind gutgelaunt das lebende Geschenk nur ab und zu anschaut und die Arbeit den Eltern überlässt. Die Geliebtseinskurve einer Sache auf dem Gabentisch verläuft zwar oft ähnlich – zuerst der Überschwang und später kommen tausend andere Reize und der Alltag -, aber dann sind eben nur ein paar Euro verschwendet, es gibt Schlimmeres. Das ist bei einem Tier grundsätzlich anders. Es fordert sein Recht und viele Mühen ein, und das für 15 Jahre.

Tiere, nicht nur Hunde, als Weihnachtsgeschenk sind keine gute Idee. Neben all den wirtschaftlichen Unpässlichkeiten, die ein Tier bereiten kann, gibt es ja noch das Gewissen, die übergeordnete Moral. Tiere sind kein Spielzeug für Kinder oder für Erwachsene. Auch der kleine Hamster hat eine Seele. Vergessen wir nicht, dass man sich leicht Lebewesen vorstellen kann, die nicht unsere Sprache sprechen und für die wir Hamster sind: Wie würden wir dann darauf reagieren, als Kindergeschenk gehandelt zu werden? Dass es diese Lebewesen auf unserem Planeten nicht gibt, bedeutet für die Moral nichts und im übrigen kann sich so etwas ja schnell ändern; was wissen wir, was der Kosmos an Überraschungen für uns bereithält? Übrigens kennt die menschliche Geschichte Sklaven als Geschenk reichlich. Die Ausräuberung von Afrika (woran die USA nicht den größten Anteil hatten) bietet da einiges an Anschauungsmaterial. Wenn die Sklaven nicht in irgendeinen Zweck passten, brachte man sie nicht mal um (wäre zuviel Aufwand gewesen), man ließ sie einfach verhungern oder warf sie über Bord.

 

 

 

 

 

Wenn Politiker nett sind
Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk

Unsere Stadtväter sind nette Leute. Wenn einer in Frankfurt etwas machen möchte, geben sie ihm den Platz dazu. Da gibt es das Radrennen am 1. Mai und die Dienstags-Skater, den Marathon für alle, den 5000-Meter-Lauf für Banker, den Triathlon, da gibt es Straßenfeste, Mainufer-Feste ohne Ende. Nun finden aber all diese Vergnügen auf einem Teil der Erdoberfläche statt, der sich öffentlich nennt. Und so hört die Nettigkeit bald auf (wie sollte es auch anders sein, wenn der Staat etwas tut), nämlich für denjenigen, dessen Auto hilflos eingeklemmt wird in einer Querstraße zur Eschersheimer Landstraße an einem Marathon-Morgen. Tja, wie ist das denn eigentlich: Ist nicht der Wunsch des Straßenbenutzers und Autofahrers gleichwertig mit dem Wunsch des Sportlers und Zuschauers? Was ist denn, wenn der eingeklemmte Autofahrer zu seiner sterbenden Mutter wollte und es nicht konnte, weil er eine Stunde lang sich vergnügende Läufer, Skater oder Radfahrer anschauen musste? Was ist denn mit Krankenwagen, die komplizierte Umwege fahren müssen, mit Polizei oder Ärzten, die nicht helfen können, weil das Vergnügen Vorfahrt hatte? Die parate Ausrede, dass das ja nur eine vorübergehende Sperrung sei, zählt nicht, denn alles ist vorübergehend, auch das Leben. Und die Möglichkeit des Umwegs zählt auch nur, wenn man nicht schon eingeklemmt ist.

Aha, man muss sich also entscheiden, was wichtiger ist. Das Bedürfnis von vielen Menschen, die öffentlichen Straßen immer (!) benutzen zu können, oder das Bedürfnis von vielen Menschen, sich mal was Sportliches anzutun oder anzuschauen. Bevor man solche Grundsätzlichkeiten entscheidet, lohnt ja vielleicht ein Blick auf das Recht. Vermutlich gibt es da irgendeine Satzung, die die Stadt erlassen hat und die ihr selber das Recht gibt, nach Gusto Straßen zu sperren (so ein Recht möchte man auch mal haben, sich selber Rechte zu geben). Wenn die Stadt das nicht hat, dann wäre die Straßensperrung von vornherein illegal. Aber selbst wenn es eine solche Satzung gibt, verletzt diese die Verfassung. Denn in der gibt es keinen Schutz der Sportler und des Vergnügens – man darf demonstrieren, die Gewerkschaften dürfen auf die Straße gehen, wann immer sie wollen, aber das war’s. Wenn also die Stadt Frankfurt meint, durch ihre eigene Satzung geschützt zu sein – Fehlanzeige, das ist alles verfassungswidrig.

Es scheint auch absurd, dass Skaten und Rennen gegenüber Notfällen und dem Recht der Allgemeinheit vorrangig sein sollen. Zumal sich das weiterdenken lässt: Wer schützt uns davor, dass mittwochabends die jungen Mütter mit Kinderwagen die Mainuferstraßen für sich bekommen oder dass der Alleenring an jedem Freitagnachmittag dreiradfahrenden Kinder vorbehalten wird?

Spaß und Vergnügen bereiten viele Sachen. Das ist aber nie ein Grund, dass der Staat zulasten von Not, Gefahr und lebensnowendiger Berufstätigkeit der Allgemeinheit ihre Rechte nimmt, auch dann nicht, wenn die Politiker nur nett sein wollen.

 

 

 

 

 

Die Heuchelei mit der Zivilcourage
Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk

Was wäre eigentlich gewesen, wenn der Helfer, der am 7. Oktober in Heddernheim von einer Mädchengang lebensgefährlich verletzt wurde, sich gewehrt und womöglich die Oberhand behalten hätte?
Der arme Helfer wäre an Ort und Stelle in Handschellen abgeführt worden, die Staatsanwaltschaft würde gegen ihn ermitteln und die Lokalpresse ihn über den Exzess von Zivilcourage belehren.

Das alles würde für ihn mit Geld- und Vorstrafe und – wenn er Pech hat – mit Schadensersatzpflicht, der Kündigung seines Jobs u.ä. enden. Im Zweifel wäre der Mann fertig.
Hirnlos und arrogant (was sonst?) diskutierten anlässlich des Vorfalls die üblichen Verdächtigen - Journalisten, Experten und Politiker - wie das denn mit der Zivilcourage sei, ohne zu sagen, dass der Zivilcouragierte nur die Wahl hat, Opfer von Kriminellen oder Opfer des Staates zu werden.
An dem Gedanken der Zivilcourage, der so scheinheilig daherkommt, ist alles falsch. Folgerichtig kennt unser Recht die Zivilcourage nicht.

Juristen nennen das Eintreten für andere ‚Notstand’. Um den Begriff herrscht genau so viel Wirrwarr wie um denjenigen der ‚Notwehr’, bei der man für sich selber eintritt. Da gibt es keinen Halt für richterliche Willkür, je nach Geschmack liegt die „Not“ vor oder auch nicht. Verteidigung und Angriff sind als physische Handlungen nun einmal nicht unterscheidbar, man muss ggf. eine lange
Vorgeschichte berücksichtigen. Zu der Tragik, als Helfer von der Justiz alleingelassen zu sein, tritt der Spott: Die Journaille rät, die Polizei zu rufen. Dies zu tun, ist aber keine Zivilcourage, sondern selbstverständlich und leider sinnlos. Täter pflegen nicht eine halbe Stunde zu warten, bis die Polizei kommt.

Solch ein Rat ist weltfremder Quatsch, er geht am eigentlichen Motiv, in der Tatsekunde helfen zu wollen, vorbei. Wo stehen wir nach alledem?
Der Bürger ist gut beraten, die 110 vom Handy zu wählen und ansonsten nichts zu tun.
Das passt der Obrigkeit aber auch nicht, die Zeitungen und Politiker beklagen dauernd lauthals, wie ein Publikum nichtstuend Straftätern zuschaut. Was sie nicht sagen, dass es ihr eigenes Versagen ist.

Straftaten zu verhindern, ist Aufgabe von Polizei und Justiz, die rohe Gewalt meist nicht, aber dafür Steuerhinterziehung und verspätete Konkurse bestraft.

Für Abschreckung durch präsente Polizei gibt es aber keine Kapazität, sie ist mit der Verfolgung von Hundekot- und Anwohnerparken-Straftaten ausgelastet. Und im Übrigen würden die Feuilletons unserer Medien solche Präsenz als Vorstufe zum Faschismus verdammen. Viel schöner ist es doch, mit Experten ziellos herumzuplaudern und diesen Quatsch auch noch abzudrucken. Kostprobe aus der FAZ: „Warum tun sich Menschen schwer, … Zivilcourage zu zeigen? Experte: Einmischen bringt erfahrungsgemäß immer Ärger.“ Bravo, der Mann geht den Dingen auf den Grund. Gut, dass wir Experten haben.
Der Bürger muss moralisch für all dieses Versagen keinen Ersatz bieten. Für Zivilcourage gibt es in der modernen Gesellschaft keinen Platz, so haben es die politischen Bosse gewollt.

 

 

 

 

 

Freiheit oder In der Buga morgens um 9
Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk

Herr zu Hund in der Unterführung an der Nidda unter der Rosa-Luxemburg-Straße: „Also, ich gehe jetzt dort drüben in die Wiesen. Nach circa 1 km steht links eine Bank. Da in der Nähe bin ich, sagen wir in circa 45 Minuten. Komm nicht unters Auto und stoß nicht mit Radfahrern zusammen.“ Hund zu Herr: „Ok, ich habe zwar keine Uhr an, aber die Zeit habe ich im Gefühl. Und die Bank kenne ich.“

So oder so ähnlich muss man sich wohl vorstellen, dass manche der Hundespazierer im Buga-Gelände zwischen Ginnheim und Praunheim denken, wie das Verstehen zwischen Mensch und Tier abläuft. Dort ist es so, wie es so oft auf dieser Welt zugeht: Die Gegebenheiten stimmen und die meisten Teilnehmer am großen System kommen mit ihnen und untereinander gut klar, aber wenige Störer entfalten gigantische Wirkung. Dies sieht dann so aus, dass ins Niemandsland von Büschen, Wiese und Wald schreiend und pfeifend man zuweilen Hundebesitzer sieht, die vergaßen, dass sie mit einem Hund unterwegs sind. Noch schlimmer natürlich die, die nicht nur überrascht sind, wenn jemand ihren Hund, der weit entfernt desorientiert herumlief, zurückbringt, sondern ihn auf der Stelle wieder unbeaufsichtigt herumlaufen lassen. Vorwürfe darf man solchen Menschen natürlich nicht machen, wir haben ja schließlich das grundgesetzlich festgeschriebene Recht, alle denkbaren Idiotien und Rücksichtslosigkeiten zu begehen. Da kennt selbst der Analphabet die Verfassung gut.

Ach so, und dann ist da noch die Freiheit – „mein Hund will und muss auch mal Freiheit haben“. Nun denn: Wir wissen schon nicht, was ‚Freiheit’ unter Menschen bedeutet. Was ist sie denn, z.B. die Reisefreiheit: Das Recht, über die Grenze zu gehen, die Finanzkraft, eine solche Reise durchzuführen, die soziale Freiheit, sich um niemanden zuhause kümmern zu müssen, oder die physische Freiheit reisen zu können, weil man nicht krank ist? Freiheit ist nichts, für jeden bedeutet sie etwas anderes, je nach dem, was man hat und was einem fehlt. Die Freiheiten, die irgendein Napoleon zwischen Görlitz und Wladiwostok für „sein“ Volk einfordert, sind nicht diejenigen, die wir meinen. Und zu wissen, was Tiere, von denen wir nichts wissen, deren Freiheiten im Rudel wir nicht einmal erahnen können, unter Freiheit verstehen, kann nur einem in sich selbst Vernarrten einfallen.

 

 

 

 

 

Da gucken se alle, gell?
Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk

Nachdem der Überholende im kleineren Auto den Familienvater etwas gewagt schnitt, tobt nämlicher Vater. Und nach einem halsbrecherischen Überholmanöver um den provozierenden Vordermann, dem – man hat ja sonst auf der Gegenspur nicht viel zu tun – auch noch ein triumphierender Blick zugeworfen wurde: „Das macht der mit mir nicht noch mal!“ So oder so ähnlich spielen sich die Szenen ab, tausendfach täglich. Ab und zu landen Familienväter samt Familie im Grab. Der Jähzorn auf der Straße, die Eitelkeit ob des teuren Autos, ob der teuren Kleidung oder der Juwelchen („da gucken se alle, gell?“) – sie treffen auf Menschen, die man nicht kennt und nie kennenlernen wird. Sofern der Familienvater seine Rage überlebt, aber einen Unfall bei der Rache am Vordermann gebaut hat, greift er sich später im Krankenzimmer oder beim nächtlichen Durchdenken seiner Probleme an den Kopf, er versteht sein eigenes Verhalten nicht mehr.
Angeblich handeln wir so, wie es uns den größten Nutzen bringt. Wirklich? Der Nutzen von Triumph beim Autofahren, von Eitelkeiten auf der Straße, sie alle bringen uns einen Nutzen von Null, dennoch riskieren wir dafür Kopf und Kragen. Warum tun wir es dann? Schlaue Evolutionsforscher erklären uns, daß manche Teile des Gehirns nicht mit anderen Teilen reden, daß solche Urinstinkte die Zivilisierung der Menschen eben überlebt haben. Damals, im Höhlendorf des Neandertals, übersetzten sich Zorn und Statusgehabe unmittelbar in Macht, Abschreckung u.ä., kurz: Dort ergab Sinn, was in der Massengesellschaft von heute keinen mehr ergibt. Allein, die Erklärung beeindruckt nicht. Daß Menschen irre handeln, zeigt sich auch außerhalb der Urinstinkte. Dies zu korrigieren, benötigt eine bekannte Ordnung; Justiz und Polizei, vor Permissivität sich nicht übergebende Eltern und ein wenig Rückgrat im Alltag spielen darin wesentliche Rollen. Evolution und Neurologie erklären uns an dieser Front wenig bis nichts.
Demjenigen, der es nicht glauben mag, sei es hiermit offiziell verkündet: Es ist erlaubt, es anderen nicht zeigen zu müssen, und das Gehirn macht da mit. Die Blondine im überholten Auto will im Zweifel nicht Liebe mit dem Überholer machen, und auch alle anderen gucken – überdies eine Enttäuschung – eben nicht.

 

 

 

 

 

Man kann den Kuchen nur einmal essen
Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk

Wenn der Bürger Geld ausgibt, um eine staatliche Auflage zu erfüllen, z.B. das Nummernschild für ein Auto oder die Gebühren für einen Personalausweis, kann er dieses Geld nicht noch einmal ausgeben, z.B. für einen guten Zweck. Der andere bedeutende Satz: der Staat schaut auf viele gleichzeitige Probleme, er kann sie aber nicht alle gleichzeitig lösen, er muss zwischen wichtig und weniger wichtig unterscheiden. Man sollte meinen, dass solche simplen Wahrheiten bei den vielen Regierungen, die wir uns leisten, angekommen sein sollten, tatsächlich weit gefehlt.
Wenn der Bürger ein Haus umbauen will, braucht er meistens eine Baugenehmigung, und die verlangt von ihm fast immer, dass er Brandschutzmaßnahmen ergreifen muss. Rauchabzugsanlagen, Laufwege auf dem Dach, feuerfeste Kellertüren – die Liste ist endlos. Aber sie klingt gut. Wer will schon elendiglich im 3. Stock eines Hauses ersticken, weil er den Weg im Treppenhaus nicht mehr findet? Also doch wohl eine gute Tat des umsichtigen Staates. Allerdings: Wie viele Menschen verbrennen denn jährlich bei uns in ihren Häusern? Antwort: Ca. 500 bis 600. Wie viele Krebstote gibt es bei uns pro Jahr? Rund 250.000. Wie viel gab der Unterzeichner für Brandschutz in den letzten 10 Jahren aus? Circa € 100.00,00. Wie viel für Krebsforschung? Null.
Der Staat zwingt den Bürger, gigantisches Geld auszugeben für ein Problem, dessen Volumen ca. 0,2 % des Problems Krebs beträgt. Und dieses Geld ist weg, man kann den Kuchen eben nur einmal essen.
Das ist Recht gewordener Irrsinn. Erwachsene Bauamtsmitarbeiter reden von einem Problem, das keines ist. Don Quichote lebt, wenn auch unter anderem Namen. Dem Staat kam das Wissen abhanden, woran seine Bürger leiden. Er denkt sich jetzt einfach die Probleme aus. Hier ist auch gleich die Lösung:
Mit jeder Baugenehmigung hat der Antragsteller € 15.000,-- an die Krebshilfe abzuführen. Der Staat gründet eine Stiftung Brandschutzhilfe, an die jeder spenden kann, und wenn diese Stiftung Geld hat, baut sie in Häuser nach ihrer Wahl Brandschutzmaßnahmen ein. Der Bevölkerung würde diese Lösung besser tun als die jetzige.

 

 

 

 

 

Ein neues Spiel für Bürgermeister:
Wir passen uns der unveränderten Umwelt an
Gastkommentar von Dr. Hans-Joachim Böhlk

Es war einmal eine Stadt mit eher knapper Ausdehnung, die baute für jeweils 500 m eine U-Bahnstation mit dazugehöriger U-Bahn, übrigens für 3 Milliarden (was vor 25 Jahren viel Geld war). Und weil sich dann auf den kurzen Straßen Straßenbahn, Busse und U-Bahn gegenseitig auf die Füße traten, baute die Stadt einfach viele Straßenbahngleise ab. Daraufhin hatte sie zuviele Straßenbahnzüge. Woraufhin sie die überzähligen Waggons einfach an existierende Straßenbahnzüge dranhängte. Es fällt leicht, sich den Text, mit dem der zuständige Dezernent sich über die gelungene Ausnutzung der Kapazitäten brüstete, vorzustellen. Leider passte sich die Stadt für die verbliebenen Straßenbahnlinien einer Umwelt an, die sich nicht verändert hatte.

Lüften wir nun den Schleier über dem Rätsel: Die Stadt ist Frankfurt und eine der Straßen, die sich gegenüber früher über doppelt so lange Straßenbahnzüge freuen dürfen, ist die Eckenheimer Landstraße. Der Wahn, Straßenbahnen abzubauen und die Überschusskapazität sinnvoll einsetzen zu können, schützte den Magistrat vor der Aufdringlichkeit der Tatsachen: Zwischen Alleenring und dem Cityring liegen vielleicht 1000 m, ein Straßenbahndoppelzug dürfte bei knapp 100 m liegen und ständig fahren 2 Züge, einer rauf und einer runter. 20 % der Eckenheimer netto sind also durch Straßenbahnwaggons besetzt, abgesehen davon, dass einen beim Einstieg hinten das Gefühl beschleicht, dass man sozusagen in der stehenden Straßenbahn die Eckenheimer Landstraße rauf- oder runtergehen könnte. Rechnet man den Platz vor den fahrenden Straßenbahnen, wo man aus Überlebenstrieb die Straße nicht überqueren kann, hinzu, ist die Hälfte der Straße die Hälfte der Zeit schlicht besetzt, unerträglich für Autos, querende Fußgänger, Radfahrer etc, vom Lärm ganz zu schweigen.

Ach ja, die Doppelzüge sind natürlich einigermaßen leer, wollen die blöden Leute doch einfach trotz der tollen Doppelausgabe nicht öfter Straßenbahn fahren.